Sonderforschungsbereich 640
Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel
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AG "Repräsentationen auf Reisen"
 
Mitarbeitende: Olaf Günther, Michael Pesek, Ruth Schilling, Ines Stolpe, Karen Krüger
 
 
Im Mittelpunkt der AG stehen  historische Situationen, in denen Herrschaft entweder erst beginnt, den von ihr beanspruchten Raum  zu durchdringen und mit einer Infrastruktur  zu überziehen (wie etwa in der kolonialen Eroberung Afrikas oder der Errichtung des sowjetischen Empires in Zentralasien). Zudem betrachten wir historische Situationen, in denen Herrschaft als peripatetische Herrschaft per se gefasst ist, d.h. die Herrschenden oder deren Abgesandte von Zeit zu Zeit das Land durchstreifen, um ihren  Autorität  in Szene zu setzen (wie etwa Könige in der frühen Neuzeit oder Agitatoren in postrevolutionären Gesellschaften). Diese Reisen mögen beispielsweise ihre Ursache darin haben, dass die Herrschenden über nur ungenügende Ressourcen für eine durchdringende Kontrolle des beanspruchten Hoheitsterritoriums verfügen oder dass ein Konzept des Territorialstaates nicht existiert.
Uns interessieren die Folgen dieser Konstellation von Raum und Herrschaft für die Praxis ihrer Repräsentation. Ziel der AG ist es, anhand von Fallbeispielen aus verschiedenen Epochen und Regionen Strategien und Dramaturgien von reisenden Herrschaftsrepäsentationen miteinander zu vergleichen und so neue Perspektiven in Hinsicht auf die aktuellen Debatten um Raum und Herrschaft zu eröffnen.
 

1. Herrschaft als Aneignung eines Raumes 

Herrschaft geht mit dem Raum, in dem Herrschende agieren, vielfältige Beziehungen ein. Dieser Raum wird von den Akteuren als hegemoniales Areal konstruiert, konstituiert und bewirtschaftet. In modernen Territorialstaaten ist die räumliche Reichweite von Herrschaft klar umrissen (etwa die Grenzen des Nationalstaates) und wird in der Regel auch mit einem Mindestmaß an Kontrolle administrativ durchdrungen. Die Beziehungen zwischen Herrschaft und dem von ihr bewirtschafteten Raum können vielfältig sein. Das kann mit den Fähigkeiten der Herrschenden zu tun haben, die notwendigen Ressourcen zu erschaffen, um das von ihnen beanspruchte Herrschaftsterritorium zu kontrollieren. Das zaristische Russland hat zunächst die mittelasiatischen Territorien mit einem Gitternetz von Eisenbahnlinien überzogen und diese als Ausgangspunkt imperialer Durchdringung genutzt. Ähnlich ist dies auch beim britischen und deutschen Kolonialismus in Ost- und Zentralafrika der Fall. Hier waren Verwaltungsposten Ausgangspunkte der späteren kolonialen Hoheitsgewalt. Vor allem aber waren sie Stationen von Expeditionen. Diese dienten ganz wesentlich der Errichtung und Aufrechterhaltung von kolonialer Herrschaft. In beiden Fällen war Herrschaft als Kontrolle über ein mehr oder weniger klar definiertes Territorium gefasst, jedoch mangelte es den Herrschenden zunächst an den Ressourcen, um dieses Territorium hegemonial zu erschließen. In der Mongolei bedienten sich reisende Agitatoren vielerorts einer bereits existierenden Infrastruktur von Pferdepoststationen (örtöö). Neben dem praktischen Aspekt des Wechselns der Reittiere konnten an diesen Orten Informationen über das jeweilige Gebiet und die Lagerplätze der Nomaden eingeholt werden.
 

2. Peripatetische Herrschaft

Peripatetische Herrschaft kann aber auch auf ganz unterschiedliche Konzepte von Herrschaft  und Raum zurückzuführen sein. In den dünn besiedelten Regionen Ostafrikas des 19. Jahrhunderts war Land als Ressource für Herrschaft weitaus weniger bedeutsam als die Menschen, die es besiedelten. Hier existierte das Konzept des Territorialstaates nicht. Anders in der Mongolei, wo emanzipatorische Bestrebungen bereits eine Dekade vor der Revolution von 1921 einen Nation-Building-Prozess ausgelöst hatten. Gleichwohl standen Herrschende zu allen Zeiten vor der Herausforderung, eine mobile Gesellschaft von Viehzüchternomaden kontrollieren zu müssen. Stets war es daher nötig, selbst mobil zu sein, um die Untergebenen bzw. die Zielgruppe überhaupt je zu erreichen.
.Herrschaft von reisenden Herrschenden kommt mit eigenen Praxen und Problemlagen daher. Unsere These ist, dass reisende Herrscher und deren Abgesandte weitestgehend außerhalb einer festen Infrastruktur von Herrschaft agieren. Ihre Herrschaft ist bis zu einem gewissen Grad nur in ihnen und in ihrer Präsenz verkörpert. Wo eine Infrastruktur von Herrschaft kaum existiert, wird die Repräsentation von Herrschaft wichtiges Mittel der Konstruktion und Inszenierung. Die Herrschenden müssen ihre Herrschaft immer wieder von neuem in Szene setzen. Sie können nach ihrer Abreise nur auf die Erinnerungen der Beherrschten an ihre Anwesenheit setzen. Wo die Präsenz der Herrschenden unstetig ist, ist die spektakuläre In-Szene-Setzung von großer Bedeutung. Eigene Kommunikationssituiationen und -rituale werden geschaffen, die ganz auf die Praxis des Reisens abgestellt sind. Präsenz wird zu einer wichtigen Kategorie von Herrschaft. In den Ritualen und Zeremonien, die peripatetische Herrschaft hervorbringen, sind Herrschende und Beherrschte in ein beständiges Spiel um die Präsenz des Anderen eingebunden. Loyalität wird mitunter an der Anwesenheit der Beherrschten gemessen, ohne deren zahlreiche Präsenz die Inszenierung ins Leere ginge.
Eines der grundlegenden Elemente dieser Komunikationssituationen ist das Aufsuchen der zu Beherrschenden. Der Empfang wie das Empfangen unterliegt hier verschiedensten kulturellen Konzepten. Gastgeber wie Gäste haben dabei alle ihre eigenen Vorstellungen der Repräsentation von Macht. Zeremonien und Rituale im Kontext des Empfangs gehen dabei oft weit über das bloße Repräsentieren hinaus, sie werden zu Arenen der Aushandlung von Herrschaft. So wurden beispielsweise im Entrée, dem Empfang des ankommenden Herrschers in einer Stadt in der europäischen Neuzeit, aktuelle Rechts- und Machtbeziehungen stets von neuem ausgehandelt. Seine Vorbereitungen konnten daher mehrere Monate, wenn nicht gar Jahre beanspruchen.
Mit einer Veränderung von Staatlichkeit in der Frühen Neuzeit läßt sich auch eine Veränderung der Wichtigkeit von Reisen und Einzügen als Mittel der Herrschaftssicherung beobachten: Lassen sich die französischen Könige des 16. Jahrhunderts als "Reisekönige" charakterisieren, konzentrierte sich ihre Herrschaftsausübung im Laufe des 17. Jahrhunderts immer mehr auf den Hof als einem von Stadt und Land separaten Raum. Dies bedeutete aber nicht, daß die Repräsentation des Herrschers abnahm. Vielmehr war der König jetzt nicht mehr selbst auf Reisen, sondern war symbolisch präsent: Ludwig XIV. ließ sein Konterfei auf zahlreichen Porträts, Medaillen und in Form von Statuen verbreiten. Der Reisekönig war so zu einem an allen Orten gleichzeitig präsenten Staatssymbol geworden. Der Zusammenhang zwischen Staatlichkeit, Infrastruktur und Repräsentation bietet gute Anknüpfungspunkte für die intderdisziplinäre Diskussion mit den anderen in der AG vertretenen Projekten. So läßt sich die Wichtigkeit der repräsentativen Gestaltung von Einzügen auch in anderen kulturellen und historischen Kontexten beobachten.
Die sich auf  Tour befindlichen Vertreter der Sowjetmacht oder des revolutionären mongolischen Staates inszenierten insbesondere ihre Ankunft  als Spektakel von Herrschaft. Sie dekorierten  Fuhrwerke als „Rote Karawanen“, staffierten mit großem Aufwand Agitzüge aus und  führten weithin sichtbare Utensilien, wie rote Wimpel, Transparente mit sich.  Bisweilen traten sie auch körperlich demonstrativ „modern“ auf. Aufsehen (und Befremden) erregten in der Mongolei beispielsweise die europäisch-fashionablen Kurzhaarschnitte der Revolutionärinnen oder das gegenüber Älteren bis dahin unübliche besserwisserische Gebaren.
Als ob sich die Agitatoren und Ausrufer der neuen Zeit der Flüchtigkeit ihrer Pärsenz bewusst gewesen wären, wiederholten sie beharrlich ihre Kampagnen und Kulturfeldzüge. Ihre Losungen und Programme mochten sich von Zeit zu Zeit ändern, die Dramaturgie ihrer Ankunft war weitaus berechenbarer. So machte beispielsweise die „reitende Zeitung“ in regelmäßigen Abständen in den Dörfern und Nomadenlagern die Runde: Vertreter des revolutionären Jugendverbandes suchten die Viehzüchter auf, um ihnen aus der Parteizeitung vorzulesen und die Politik der neuen Staatsmacht zu erläutern. Ihre Ankunft war dann mehr oder weniger erwartbar, ebenso wie das bei diesen Zusammenkünften ausgehandelte Drehbuch.  Auch während der deutschen Kolonialherrschaft in Ostafrika war die Ankunft des reisenden Kolonialbeamten eines der wesentlichsten Momente der Kolonialherrschaft. Flüchtig war auch hier die Präsenz der hohen Herren und diese Flüchtigkeit versuchten sie, ähnlich wie die mongolischen Agitatoren, durch sorgsam inszenierte Auftritte aufzuheben. In diesen Auftritten wurden Machtbeziehungen als choreographische Anordnungen visualisiert und so über das Wie und Was der Beziehung zwischen Kolonialherren und Kolonisierten verhandelt.
Ein zweites großes Thema war die Rückkehr als Akt – beginnend mit der Verabschiedung der Reisenden bis hin zur Vermittlung des Reiseerlebnisses an anderen Orten. Denn im Unterschied zu den Kommunikationsstrukturen, die in Europa in der frühen Neuzeit beispielsweise dazu führten, dass vor dem Beginn der Reise eine Vielzahl von Absprachen zwischen dem Reisenden und zu Bereisenden getroffen wurden, kam der Besuch bei Nomaden in der Mongolei einer Überraschung gleich, dementsprechend wenig konnte man  diesen vorbereiten. Gleichwohl verlangte die Sitte, dass Gäste – gebetene wie ungebetene – nach überlieferten Ritualen empfangen, betreut und verabschiedet werden. Dies lädt uns dazu ein, die den schriftlichen wie ungeschriebenen Protokollen innewohnenden Parallelen von Herrschaftsinszenierung vergleichend zu betrachten.
Kehrte der Reisende zurück, kam ihm die Aufgabe eins Mittlers zwischen den Welten zu, zwischen der bereisten Welt und der Heimat. Die Mittlerrolle konnte Macht verleihen, aber auch Prestige kosten, vor allem wenn die Botschaften aus der Ferne nicht so recht in die lokale Welt integriert werden konnten. Die Geschichte kolonialer Eliten in Afrika sowie sozialistischer Nomenklatur ließe sich durchaus auch als eine Geschichte dieser Mittlerrolle schreiben.
Die Gestaltung des Einzugs eines Herrschers in der Frühen Neuzeit war Gegenstand langwieriger Verhandlungen, da jeder einzelnen Geste zum Teil rechtliche Bedeutung zugemessen wurde. Daher überließen gerade städtische Magistrate diese Verhandlungen nicht speziellen Zeremonienmeistern: Sie sahen die Gestaltungshoheit über das Zeremoniell als einen Kernbereich ihrer Kompetenzen an. Anders als in außereuropäischen Gebieten konnte sich also keine spezielle Gruppe von Mittlern zwischen den verschiedenen Sprachen und Formen von Repräsentation ausbilden. Vergleichspunkte sind eventuell bei verschiedenen Form von Konzepten staatlicher Repräsentation zu sehen: So trafen bei einem Einzug häufig verschiedene Auffassungen von Herrschaft und Staatlichkeit mehr oder weniger friedlich aufeinander.
 

3. Repräsentationen von Reisen 

Unter dem Oberbegriff des Reisens hat sich in den letzten Jahren ein weites Feld der Forschung aufgetan. Literaturwissenschaftler, Geographen,  Ethnologen und Historiker haben sich dem Thema aus  sehr unterschiedlichen Perspektiven genähert. Reisen ist nicht nur eine Praxis, sondern hat auch  spezifische Formen von Diskursen hervorgebracht.  In den verschiedensten Kulturen haben sich Reisebeschreibungen  oder -literaturen als eigenständige Genres der Repräsentation herausgebildet. Und schließlich kennen wir in einer Vielzahl von Diskursen die Reise als eine Metapher mit unterschiedlichen Bedeutungen. So haben Diskurse evolutionistischer Geschichtsmodelle, wie etwa die Sozialutopien sowjetischer Prägung, den Wandel sozialer Gemeinschaft als einen Weg darzustellen gesucht, auf dem man sich unilinear vorwärts bewegen würde. Schon Metaphern wie das „Rad der Geschichte“ als Triebkraft einer  Gesellschaft machen das deutlich.
Während es eine umfangreiche Literatur zu den Diskursen von Reisen gibt (Clifford 1997; Duncan & Gregory 1999; Greenblatt 1992; Pratt 1993), wissen wir noch wenig über die Praxis des Reisens in den jeweiligen Gesellschaften und Kulturen. Deshalb gilt unser Augenmerk zunächst diesem Aspekt. Wir kennen die Bedeutung des Reisens als Herrschaftspraxis im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa aber auch in den  ostasiatischen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts (Geertz 1980), wir wissen auch um die Rolle von religiös motivierten Reisen in den verschiedenen Kulturen (Bang 2000; Eickelman & Piscatori 1990; Jochum 1982). Reisende Händler lassen sich nahezu in jedem Teil der Erde und in vielen Epochen der Geschichte finden. Und mit dem Tourismus hat die Globalisierung ihren sehr spezifischen Typus des Reisenden geschaffen. Hier können wir zum Anfang unseres Projektes nur ein weites Feld der Empirie vermuten, das es mit Fallbeispielen aus den im SFB vertretenen Projekten auszuloten gilt.
 

4. Programm

Die AG versteht sich vor allem als eine Werkstatt wissenschaftlicher Forschungspraxis und als ein Forum des Vergleichs. Neben theoretischen und methodologischen Debatten steht vor allem die Arbeit an konkreten empirischen Beispielen. Reisen finden wir  zu allen Zeiten menschlicher Geschichte und in allen Gesellschaften. Sie haben auch abgrenzbare Dramaturgien: immer gibt es einen Anfang und ein Ende. D.h. wir können Reisen in einzelne Sequenzen unterteilen, die wir kultur – und zeitübergreifend vergleichen. 
In den ersten Sitzungen ging es vornehmlich um die Diskussion eines Leitfadens für unsere Arbeit. Dabei haben wir uns auf vier Schwerpunkte geeinigt:
 
    I.                Mobilität und Nomadismus: Reisende Kulturen und Technologien des Reisens
    II.               Peripatetische Herrschaft: Raum, Zeit und Infrastruktur
    III.              Die Metaphorik von Reisen in Gesellschaftsdiskursen
    IV.              Repräsentationen von Reisen
 
Im Dezember 2005 ist ein worskhop unter dem Titel „Repräsentationen in Bewegung. Teil 1: Die Ankunft des Anderen“ geplant. Dieser workshop soll die Grundlage für einen Sammelband bilden, in dem die Arbeit der AG sowie der assozierten Gastwissenschaftler dokumentiert werden soll.
 
 
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