Abstracts zum Workshop "Repräsentationen auf Reisen, Teil 1"
Repräsentationen von Staatlichkeit? Der 'Adventus potestatis' in der italienischen Stadtkommune (12.-14. Jh.)
(Christoph Dartmann, SFB 496, TP A 1 „Urkunde und Buch in der symbolischen Kommunikation mittelalterlicher Rechtsgemeinschaften und Herrschaftsverbände, Westfälische Wilhelms-Universität Münster)
Repräsentationen von Staatlichkeit? Der 'Adventus potestatis' in der italienischen Stadtkommune (12.-14. Jh.)
Die Ankunft des Regenten gehörte zu den zentralen Momenten peripatetischer Herrschaft im europäischen Mittelalter, denn in ihr wurden die Bedingungen von Machtausübung in Wort, Schrift und Zeremoniell verbindlich ausgehandelt. Der Vortrag geht am Beispiel der Podestà der italienischen Stadtkommunen der Frage nach, wie während der ersten Begegnung eines Regierenden mit seinen Untergebenen 'Staatlichkeit' präsent gesetzt und die Bedingungen für Machtausübung ausgehandelt wurden. Seine Spezifika erhält dieses Beispiel aus der Spannung zwischen einerseits relativ weit entwickelten staatlichen Strukturen sowie einer modern scheinenden Kommunikations- und Rechtskultur und andererseits der kontinuierlichen Relevanz traditioneller Rituale. Entscheidend ist der Nachweis, wie präzise das multimediale Ensemble von Körpern, Ausstattung, gesprochenem Wort und Schrift die politischen Gegebenheiten aufgreift, ja neu definiert. Der 'Adventus potestatis' steht daher für die Stabilität peripatetischer Herrschaft im vormodernen Europa.
Dr. Iris Schröder
Humboldt Universität zu Berlin
SFB 640 - Teilprojekt A 5/ ass. Mitgl.
Vorschlag für einen Beitrag für die AG "Repräsentationen auf Reisen"
- für den Workshop 2./3. Dez. 2005:
Repräsentationen auf Reisen 1: Die Ankunft des Anderen
evtl. Rubrik: Medialisierung von Reisen
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Abstract:
Ankunft in Timbuktu
Timbuktu gehörte zu jenen emblematischen Orten, die im 19. Jahrhundert die Aufmerksamkeit europäischer Forschungsreisender unangefochten auf sich ziehen sollten. Allein schon der Name der Stadt konnotierte in den europäischen Imaginationen Afrikas eine Reihe außergewöhnlicher Attribute. Insbesondere der hier vermutete Reichtum in Verbindung mit der schwierigen Erreichbarkeit des Ortes entfachte ein gutes halbes Jahrhundert lang eine Art Wettlauf. Diejenigen, die nicht nur in die Stadt gelangten, sondern die auch nach ihrer Rückkehr in Europa von ihr zu berichten wußten, fanden daher stets großes Interesse. Problematisch war an ihren Berichten freilich, dass sie den an sie gerichteten Erwartungen oft nur in Maßen entsprachen. Timbuktu war offenbar sehr anders, als es die Europäer erwarteten und erhofften.
In meinem Betrag stehen die Berichte einiger ausgewählter europäischer Reisender von ihrer Ankunft in Timbuktu. Vor dem Hintergrund der afrikanischen Geschichte dieser Region und auch vor dem der Geschichte europäischer Forschungsreisen im 19. Jahrhundert möchte ich die Berichte von Rene Caillié (1830) und Heinrich Barth ( 1855ff.) sowie die dazu gehörigen publizierten Nachrichten und Würdigungen dieser Reisenden in den Mittelpunkt rücken. Meine These ist, dass gerade Schilderungen der ersten Tage in der Stadt eine Art "clash of representations" in sich bergen, da nun mal die mitgebrachten Vorstellungen den angetroffenen beobachtbaren sozialen Verhältnissen nur so wenig entsprachen und da sich die zuvor imaginierte Ankunft so anders gestaltete. In meinem Beitrag möchte ich den Versuch unternehmen, dem dazu gehörigen Konflikt genauer auf die Spur zu kommen. Mein Ziel ist es, soweit möglich, auch mithilfe noch heranzuziehender zusätzlicher Quellen, jene Aushandlungsprozesse und jene Markierungen sichtbar zu machen, die schließlich die neuen Narrative Timbuktus bestimmen sollten. Dabei wird gezeigt, wie sich im Vorfeld der europäischen Kolonisation trotz der teils äußerst ernüchternden Berichte aus der scheinbar eher verlorenen Wüstenstadt, die Repräsentation des sagenumwobenen Ortes weiter fortschreiben sollte.
Peripatetische Herrschaftsform als Beginn der Konstitution des japanischen Nationalstaates im 19. Jahrhundert?
Nadin Heé, Universität Tokyo, Japan, 13. Juni 2005
Im Japan der Edo-Zeit (1602-1868) liess das Shogunat als oberste Machtinstanz die einzelnen Feudalfürsten in regelmässigen Abständen in die Hauptstadt kommen. Einerseits waren diese institutionalisierten Reisen eine Geste der Unterwerfung, andererseits repräsentierten sie den Herrschaftsanspruch der Feudalherren in den einzelnen Domänen. Dieser ritualisierten Mobilität stand das Reiseverbot für die Bevölkerung als einer der Grundpfeiler der Landesabschliessungspolitik gegenüber. Weder Shogun noch Kaiser unternahmen für die Bevölkerung sichtbare Reisen.
Mit der Ankunft amerikanischer Kriegsschiffe 1853 wurde das Reisemonopol der Regierung untergraben. Nach der Meiji-Restauration 1868 bereiste der Kaiser für alle sichtbar das ganze Land.
Inwiefern stellte die plötzliche physische Präsenz des Kaisers eine wichtige Kategorie von Herrschaft und Raumerschliessung dar? Handelte es sich dabei um eine peripatetische Herrschaftsform, die am Anfang der Konstitution eines japanischen Nationalstaates stand? Welchen Einfluss hatte dabei die unerwünschte Ankunft der Fremden auf die Gestaltung der Reisepraxen?
Das Problem der Ankunft im Spannungsfeld von sakralen und profanen Räumen
(Jenny Rahel Oesterle, Graduiertenkolleg ‚Gesellschaftliche Symbolik im Mittelalter’, Westfälische Wilhelms-Universität Münster)
Die Bischofsstädte um das Jahr 1000 waren keine 'Hauptstädte' des Herrschers, sondern er genoß in ihnen lediglich das Recht der Gastung. So wie aber bischöftliche und herrscherliche Repräsentationen bei der Erstankunft eines Königs in der Stadt aufeinandertrafen, koexistierten sie auch während des königlichen Aufenthalts. Die gelungene Erstankunft des Herrschers löste diese Spannung keineswegs; sie war lediglich ihr Auftakt.
Innerhalb der civitates bestanden Räume unterschiedlicher Qualität, religiöse und profane Orte, in die der Herrscher während seines Aufenthalts überwechselte. Der Übergang vom Palast zur Kirche beispielsweise bot bereits Ausgestaltungs- und Ausbalancierungsspielräume für Ordnungsvorstellungen. Wie die Erstankunft wurden auch diese 'Schwellenübertritte' inszeniert. Dies ist am Beispiel von herrscherlichen Kirchgangsprozessionen an hohen religiösen Festtagen zu exemplifizieren.
Nicht zuletzt um die Spezifik peripatetischer Herrschaft von Ottonen und Salier hervortreten zu lassen, sei ein Außenblick auf andersartige, aber zeitgleiche Herrschaftsformen gerichtet: Das fatimidische Kalifat in Ägypten und das byzantinische Kaisertum. Fatimiden und Byzantiner verfügten über feste Hauptstädte, Kairo bzw. Byzanz, die sie gemäß ihrer herrschaftsrepräsentativen Bedürfnisse gestalteten. Auch hier soll am Beispiel von Prozessionen – parallel zu den Ottonen und Salieren - der Blick auf Ortswechsel innerhalb der Stadt gerichtet werden, speziell auf Übergänge von profanen in religiöse Räume.
Grenzerkundungen: Ankunft und Empfang der hansestädtischen Gesandtschaft am russischen Zarenhof im Jahre 1603 und der siamesischen Gesandtschaft am Hof von Versailles im Jahre 1686
(Ruth Schilling, Sonderforschungsbereich 640, Humboldt-Universität zu Berlin)
Im Jahre 1603 machte sich eine hansestädtische Gesandtschaft auf den Weg nach Moskau, um mit dem russischen Zaren Handelsprivilegien auszuhandeln. Nach einer mehrwöchigen, überaus beschwerlichen Reise mussten die hansestädtischen Ratsangehörigen feststellen, dass ihre Vorstellungen eines angemessenen Empfangs nicht berücksichtigt wurden: Kaum konnten sie ihre sorgfältig ausgearbeitete Rede halten, noch durften sie ihr Anliegen in gebührender Ruhe vortragen.
Ungefähr achtzig Jahre später kam es am Hof von Versailles zu einem ähnlich missglückten Aufeinandertreffen verschiedener kultureller Vorstellungen. Trotz intensiver Vorbereitungen gelang es dem französischen König Ludwig XIV. nicht, bei den Gesandten des Königreichs Siam einen adäquaten Eindruck von der Macht und Herrschaft des französischen Königs hervorzurufen: Die aufgebotenen theatralischen Mittel verärgerten mehr die eigene Hofgesellschaft als dass sie die siamesischen Gesandten beeindruckt hätten.
Anhand dieser beiden Fallbeispiele möchte ich untersuchen, welche verschiedenen Konzepte von Herrschaftsausübung in dem Moment des Empfangs und der Ankunft der jeweiligen Gesandtschaften sich aufzeigen lassen. Welche Gemeinsamkeiten gab es in der Art und Weise, wie sich die hansestädtischen Gesandten und französischen Höflinge das angemessene Verhalten eines Herrschers im Moment vorstellten und welche Rolle spielte die Grenzsituation – die Begegnung mit nicht alteuropäischen zeremoniellen Konzepten – bei der Herausbildung dieses Bewusstseins?
(Ruth Schilling, SFB 640, Teilprojekt A3, 30.7. 2005)
Praxis und Repräsentation kolonialer Herrschaft: Die Ankunft des
Staatssekretärs Dernburg am Hofe Kahigis von Kianja, 1908
1908 besuchte der Staatssekretär des Reichskolonialamts, mithin der höchste
Kolonialbeamte im Reich, die Kolonie Deutsch-Ostafrika. Es war der bis dahin
wichtigste offizielle Besucher der Kolonie und dementsprechend sorgfältig
wurde der Besuch vorbereitet von seiten des Gouvernements vorbereitet. Die
Kolonialbehörden hatten einen schweren Stand: kaum zwei Jahre zuvor war der
Süden der Kolonie vom Maji-Maji- Aufstand erschüttert worden. Dorthin führte
die Reise Dernburgs wohlweislich nicht, vielmehr verbrachte der
Staatsekretär einen großen Teil seiner Reise am Victoria-See. Das Gebiet
galt damals als erfolgreichstes Modell deutscher Kolonialherrschaft. Zu
diesem Bild hatte der Chief Kahigi von Kianja beigetragen, der zu dieser
Zeit zu einem beliebten Reiseziel offizieller und privater Expeditionen
geworden war. Der Empfang Dernburgs war von Kahigi und dem zuständigen
Stationschef Willibald von Stuemer wohl choreographiert und verfehlte seine
Wirkung auf den Beamten nicht. Zurück in Berlin, begann Dernburg mit der
Reform der deutschen Kolonialpolitik, die in jenen Jahren unzweifelhaft in
eine Sackgasse geraten war. Als Vorbild wie die Beziehung zwischen deutschen
Kolonialhbehörden auszusehen hätten, diente nicht zuletzt das Verhältnis
des Stationshchefs Stuemer zu Kahigi von Kianja.
Der Vortrag wird den Empfang des reisenden Kolonialherren als einen
bedeutenden Moment deutscher Kolonialherrschaft schildern. Hier wurde das
Wissen über die Subjekte kolonialer Herrschaft geriert, hier wurde Politik
gemacht und repräsentiert.
Michael Pesek
Karen Krüger
Humboldt Universität zu Berlin
Kolonien auf Staatsbesuch. Die afrikanische Delegation und der 14. Juli in Paris
Zu einem Zeitpunkt, als sich die Unabhängigkeitsbestrebungen der französischen Kolonien in Afrika zu konkretisieren begannen, entschied sich die französische Regierung im Jahr 1955 zu einer besonderen Geste: Anlässlich des französischen Nationalfeiertags am 14. Juli lud Paris Vertreter der Kolonien ein, in der Metropole an den offiziellen Feierlichkeiten teilzunehmen. Die zusammengestellte Delegation umfasste religiöse Würdenträger, lokale Amtsträger und koloniale Autoritäten aus Madagaskar sowie den zwölf Kolonien der kolonialen Verwaltungseinheiten „Afrique Occidentale Francaise“ und „Afrique Equatoriale Francaise“. Die meisten der Reisenden betraten zum ersten Mal in ihrem Leben europäischen Boden. In Paris erwartete sie ein umfassendes Rahmenprogramm, das Frankreich als starke und moderne Nation repräsentierte und das kulturelle Erbe des Landes betonte. Die Einladung zum französischen Nationalfeiertag wurde in den Jahren 1956 und 1957 mit Variationen in der Zusammensetzung der Delegation und des Rahmenprogramms wiederholt.
Der Vortrag untersucht Strategien des französischen Gastgebers bei der Zusammenstellung der Delegationen und fragt nach dem Bild, das Frankreich von sich und seinen Gästen während des Aufenthaltes zeichnete. Das Rahmenprogramm erlaubte den Besuchern keine Eigeninitiative beim Erfahren der Metropole. Gemeinsame Besuche von Museen, Fabriken, Empfängen und Einkaufsstraßen sind vielmehr als Inszenierung des Selbst und Anderen zu verstehen, dem eine bestimmte Rollenzuweisung an die Delegierten zugrunde lag. Inwieweit diese Inszenierung gelang und welche symbolische und politische Bedeutung Beobachter dem Besuch beimaßen, soll anhand von Berichten der afrikanischen und französischen Tagespresse herausgearbeitet werden.
Anne-Katrin Ebert
Universität Bielefeld
Ankunft in "Ons eigen land": Die niederländischen Radfahrer und das mühevolle Erfahren der eigenen Nation, 1880-1920
Das Radfahren wurde in den Niederlanden gegen Ende des 19. Jahrhunderts im liberalen Bürgertum der holländischen Städte populär. Vor dem Hintergrund der zunehmenden „Versäulung“, der Aufteilung der niederländischen Gesellschaft in verschiedene konfessionelle und lebensanschauliche Milieus, konstruierte der niederländische Radfahrerbund ANWB das Radfahren als Reise zur eigenen Nation, bei der Unterschiede und Gegensätze in der einenden Erfahrung der Radfahrer überwunden werden sollten.
Der Vortrag analysiert diese „imaginierte Ankunft“ im eigenen Land, die vom niederländischen Radfahrerbund auf unterschiedlichen Ebenen - durch den Ausbau von Infrastruktur und das Engagement im Natur- und Denkmalschutz ebenso wie den aufwändig gestalteten Bildbänden der Reihe „Ons eigen land“ – vorangetrieben wurde. Zugleich soll anhand von Reisetagebüchern und – berichten aufgezeigt werden, dass die Ankunft im eigenen Land für viele Radfahrer eine Erfahrung war, die angesichts der zahlreichen Auseinandersetzungen auf Reisen nur mühevoll aufrechterhalten werden konnte.
Abstract
Kleiner Mann auf Reisen
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Die Theatralität und Symbolkraft der Staatsbesuche
der DDR- Delegation im sozialistischem Afrika
Ende der fünfziger Jahre setzte im subsaharischen Raum Afrikas mit der Entlassung des Sudans in
die Unabhängigkeit (1956) eine Welle der Neuentstehungen von afrikanischen Staaten ein. Eine
durch den Sozialismus gestützte Staatsstruktur erschien vielen der neuen Machthabern Afrikas als
ein nützlicher Entwicklungsweg. Mit dem Anschluss an den sowjetischen Machtblock und der
damit verbundenen Freundschaft aller sozialistischen Staaten zueinander, wurden auch die
Staatsbesuche zwischen der DDR- Delegation unter der Führung Erich Honeckers und den
sozialistischen Staaten Afrikas, hier anhand der Beispiele Mosambik, Äthiopien, Sambia und
Simbabwe, zunehmend präsenter. Sie sollten Einigkeit, Fortschritt und Solidarität zwischen den
neuen, unabhängigen Staaten Afrikas und dem deutschen sozialistischen Staat symbolisieren. Unter
Zuhilfenahme medialer Darstellungsmittel und politischer Symboliken wurde so die weltpolitsche
Bedeutung des Zuwachses der afrikanischen Staaten zum Ostblock dokumentiert und der
Öffentlichkeit präsentiert.
Die gegenseitigen Staatsbesuche der afrikanischen und ostdeutschen Machthaber nahmen dabei tw.
theatralische Züge an, die diese politischen und gesellschaftlichen Zusammentreffen als
international bedeutende und geschichtsträchtige Ereignisse zu inszenieren suchte. So avancierten
Staatsmänner zu Schauspielern, der Flughafen zur Bühne und die (mit Requisiten sorgfältig
ausgestattete) Bevölkerung zum Publikum. In meinem Bericht steht die Theatralität des politischen
Reisens der DDR- Delegation im sozialistischen Afrika im Mittelpunkt. Die Inszenierung des
Reisens zu imposanten Momenten im Schein des „history- makings“ und das Image der Reisenden
soll ausserdem untersucht werden.
Katharina Hasz
Nina Breitsprecher
Universität Hamburg
Heinrich III. von Frankreich und Adolf Hitler in Venedig – Die Ankunft des Anderen als Projektionsfläche der Selbstdarstellung
1574 besuchte der französische Thronfolger Heinrich III. Venedig auf seiner Reise von seinem ehemaligen Königreich Polen in sein zukünftiges – Frankreich. Venedig nutzte die Ankunft des jungen Souveräns zur Inszenierung eines zehntägigen Spektakels, währenddessen sämtliche Mythen, die die Stadt umgaben, allen Anwesenden auf das Prächtigste vorgeführt wurden: ihre Macht und ihr Reichtum; Venedig, die freie und gerechte Republik, Kämpferin für den christlichen Glauben, Sitz von Kultur und Weisheit.
Der Mythos Heinrichs, des „allerchristlichsten Königs“ des mächtigen Frankreich, des berühmten Kämpfers für den rechten Glauben, fungierte außerdem als Hintergrund, vor dem Venedig sich vom Papst distanzieren und dessen politische Herrschaftsansprüche zurückweisen konnte.
Thomas Schwarz
Inszenierung von imperialer Macht im Erstkontakt
Theodor Koch-Grünbergs Amazonas-Ethnographie und Robert Müllers Tropen-Roman <>(1915)
Der Beitrag vergleicht die Darstellung von Kulturkontaktszenen aus Reiseberichten des Amazonas-Ethnographen Theodor Koch-Grünberg (1872–1924) mit der Inszenierung des Erstkontakts in Robert Müllers (1887–1924) Amazonas-Roman Tropen. Der Mythos der Reise aus dem Jahr 1915. Beobachtet werden die elementaren Praktiken des Kulturkontakts (Wahrnehmungen, Gabentausch, theatralische Inszenierung überlegener Technik, Demonstration von Waffen, …). Meine These lautet, dass der literarische Text als Kommentar zum ethnographischen Diskurs zu lesen ist und dessen ›koloniales Begehren‹ (Robert Young) bloßstellt.
Das theatralische Auftreten der Expeditionsteilnehmer in Müllers Tropen-Roman parodiert die Machtspiele, mit denen auch Koch-Grünberg die Eingeborenen zu beeindrucken suchte. Der literarische Diskurs inflationiert dabei die rhetorischen Mittel, die im ethnographischen Diskurs bei der Beschreibung solcher Szenen verwendet werden. In der Szene des Erstkontakts inszenieren sich die drei Abenteurer des Romans als ›Abgesandte einer furchtbaren Macht‹. Der Ethnograph Koch-Grünberg und der Protagonist der Romans, Hans Brandlberger, fungieren gleichermaßen als Repräsentanten der Allianz von Wissenschaft und überlegener Waffentechnik, die das Projekt der europäischen Expansion in der Neuzeit auszeichnet. Im Vergleich mit dem ethnographischen spricht der literarische Reisebericht diese infame Wahrheit nur klar und deutlich aus.
Die koloniale Landnahme geht im Zeitalter des Imperialismus mit der Artikulation zynischer Doppeldeutigkeiten einher. Sie präsentiert sich als philanthropischer Akt der Pazifizierung und der Kulturvermittlung, während sie ihre Ziele gleichzeitig unter massiver Gewaltandrohung durchsetzt. Müllers Poetik der Paradoxie spitzt diesen Gegensatz satirisch zu und stellt so den imperialistischen Habitus von Tropenreisenden bloß. Sollten die Indianer ihre ›Humanität‹ und ihr überlegenes Wissen nicht anerkennen, erklären die ›Herrenmenschen‹ dieses Romans ganz unverhohlen ihre Bereitschaft, sich den verlangten Respekt mit Waffengewalt verschaffen zu wollen. Der angebliche Indianerfreund Koch-Grünberg verhält sich im Dschungel nicht anders. Die Poetik der Paradoxie von Müllers Tropen artikuliert diese im ethnographischen Diskurs angelegten Widersprüche offen und wird so zur Kritik einer imperialistischen ›Vernunft‹ (Johannes Fabian), die auch den ethnographischen Blick auf die Fremde strukturiert.
PD Dr. Gertrud Hüwelmeier
Nonnen auf Reisen - Transnationale Verflechtungen
Zu allen Zeiten waren religiös motivierte Menschen unterwegs. Katholische
Missionare, Prediger und Apostel, buddhistische Mönche und hinduistische
Heilige verlassen seit Jahrhunderten ihre Heimaten, um ihre
Glaubensvorstellungen und religiösen Praktiken an anderen Orten zu verbreiten.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, dem Gründungsboom weiblicher
katholischer Ordensgemeinschaften in Europa, gehören auch Ordensfrauen zur
Gruppe reisender Menschen. Nachdem viele Schwestern während des
"Kulturkampfes" in Preussen ihre Berufe als Lehrerinnen und Erzieherinnen
nicht mehr ausüben durften, migrierten sie in die USA.
Im ersten Teil meines Beitrages werde ich die Ankunft deutscher Nonnen in
Amerika erörtern. Im zweiten Teil steht die transatlantische
Herrschaftssicherung im Zentrum der Analyse. Deutsche Generaloberinnen
versuchten mittels "Visitationen" und Briefen, aber auch mit Hilfe
spiritueller Reisen ihre Macht und ihren Einfluss in den neu gegründeten
Dependancen der USA zu sichern. Transnationale Kontakte, insbesondere die
Aufrechterhaltung sozialer, ökonomischer und religiöser Beziehungen führten
jedoch zu Spannungen und Konflikten zwischen Ordensfrauen der Leitungsebene
in Deutschland und den Schwestern auf der anderen Seite des Atlantik,
Ambivalenzen, die sich bis in die Gegenwart fortsetzen.
Auf der Grundlage ethnologischer Feldforschungen in einer global vernetzen
religiösen Gemeinschaft werde ich den grenzüberschreitenden Verbindungen
von Ordensfrauen unter einer historisch-anthropologischen Perspektive
nachgehen. Im Mittelpunkt stehen kulturelle und politische
Aushandlungsprozesse religiöser Praktiken, die insbesondere unter dem
Aspekt von Geschlechter-, Macht- und Generationenkonflikten in der jüngsten
Transnationalismusforschung weitgehend unberücksichtigt blieben.
Die Ankunft der Schrift
Olaf Günther,
Projekt C1: Sozialistische Kampagnen
Die Ankunft der Kunde vom neuen Leben unter dem Banner sozialistischer Ideale wurde von Menschen in die Städte und von da aus in die Landschaften Mittelasiens getragen. Jedoch wissen wir wenig bis gar nichts über die Ankunft einzelner Agitatoren, Traktorfahrer oder Kinoschausteller an den Ort ihrer Bestimmung. Wir wissen jedoch viel über die Ideen, die sie transportieren sollten. Das herausragende Medium der Repräsentation neuer Ideen war die Schrift. Auf Bannern, Plakaten, Flaggen und an Häuserwänden vekündete sie das Neue Leben. Der Beitrag nimmt sich der Schrift als verdinglichte Repräsentation an. Er schildert aus vielen Perspektiven ihren Einzug in den Alltag mittelasiatischer Muslime, denen sonst die Schrift als ein heiliges Gut galt, das zu benutzen nur Auserwählten zukam. Viele Male wurde die Schrift auf die Reise geschickt. Sie war der Wegbereiter aller Kampagnen und vieler Unbill. Oder sie tauchte unvermittelt (im Fall der arabischen Schr! ift) wieder auf, so als wäre sie von einer langen Reise durch die Zeit wieder zurückgekommen.
Ines Stolpe, SFB 640, TP C1 „Sozialistische Kampagnen in Zentralasien“
Die Ankunft ungebetener Gäste: Hygienekontrollen in der Steppe
Abstract
Die mongolische Reise in den Sozialismus vollzog sich direkt vom sog. „Nomadenfeudalismus“ unter Auslassung des Kapitalismus. Dieses zentrale historiographische Narrativ der Mongolischen Volksrepublik, das auf apologetischer Auslegung der Marx’schen Geschichtstheorie basiert, evozierte einerseits Vorstellungen von permanentem Unterwegssein in die neue soziale Ordnung und diente andererseits als Legitimation für zahlreiche retardierende Momente auf dem holprigen Weg dorthin. Denn während in der Geschichtsschreibung die nachrevolutionäre Zeit (1921-1940) als „antifeudale“ oder „allgemeindemokratische Etappe“ etikettiert wurde, errichtete man diesen Darstellungen zufolge erst anschließend von 1940-1960 die „Grundlagen des Sozialismus“. Die Ankunft in der neuen Ordnung galt also offenbar erst 1961, also vierzig Jahre nach der sog. Volksrevolution, als vollzogen.
Jenseits von Analysen der Kollektivierung ist bislang fast nichts darüber geschrieben worden, was sich in Ende der 50er/Anfang der 60er Jahre eigentlich auf der Implementierungsebene konkret abspielte. Der Vortrag geht dieser Frage am Beispiel der Umsetzung von Hygienekampagnen in Nomadenlagern nach und präsentiert ausgewählte Interviews mit Akteuren.
Mobile Hygienekommissionen als peripathetische Repräsentanten der neuen Ordnung sorgten nicht nur für Reinheit, sondern auch für erhebliche Nervosität und die Modifizierung traditioneller Empfangsrituale. Die Aushandlungsprozesse von Macht gestalteten sich diffizil, weil die Kommissionsmitglieder selbst unter Druck standen, ihre Zielgruppe nicht nur zur Anschaffung von Hygieneutensilien zu bewegen, sondern auch zu deren alltäglichem Gebrauch. Für Kontrollen erschien deshalb unangemeldetes Erscheinen als probates Mittel. Gleichwohl bewahrten selbst spontane Besuche keine Seite vor einer Ritualisierung sogar dieser Art von Empfängen.