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Arbeitsgruppe "Konfigurationen der Moderne"
Die postmodernen Debatten der Achtziger und Neunziger brachten auch ein neues Interesse an der Moderne hervor. Was sie von den vorangegangenen Sichtweisen auf die Moderne unterschied, war ihre Berufung auf eine mehr oder weniger postmodern gefasste und sich bewusste Kritik an den klassischen Narrativen der Moderne, wie sie etwa in Modernisierungstheorien der 1950er und nachfolgenden Jahre aufschienen. Zudem war sie von den Erfahrungen jener gesellschaftlichen Transformationsprozessen geprägt, die wir heute gemeinhin als Globalisierung beschreiben. Globalisierung, so meinen viele Analysten, führt zu einem zumindest teilweisen Zerfall oder Verlust der Relevanz des Nationalstaates. Er schien einst als das Rückrat der Moderne: Er war eine nicht wegzudenkende Kategorie der politischen Theorien der Moderne, wie er auch die moderne Welt geprägt zu haben schien. Er galt lange als das Korsett, in dem sich gesellschaftlicher Wandel in den letzen zweihundert Jahren entfaltete.
Kaum verwunderlich, dass die Dekonstruktion der Moderne als ein monolithisches Gebilde mit einer stärkeren Betonung der Vielfalt sozialen Wandels im globalen Maßstab einherging. Dennoch, auch wenn wir uns heute dieser Vielfalt bewusst sind, ist die Geschichte der Moderne eng verbunden mit Europa. Vor allem mit der Geschichte der europäischen Expansion, mit Kolonialismus und Imperialismus seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Das was wir als Herausbildung der europäischen Moderne beschreiben, war eine wichtige Voraussetzung für diese Expansion: Die Entstehung einer wissenschaftlichen Weltsicht und technologischer Forstschritt machten die Erforschung und später die Kolonisation der nicht-europäischen Welt nicht nur denkbar sondern auch möglich. Der Hunger nach natürlichen Ressourcen infolge der Industrialisierung und die Jagd nach neuen Absatzmärkten schufen weitere Anreize. Während die klassischen Modernisierungstheorien davon ausgingen, dass die europäische Expansion letztendlich den Startschuss für eine globale Verbreitung der europäischen Version von Moderne gab, die in ihren Grundstrukturen und grundlegenden Prozessen weitestgehend identisch sind, sind wir heute vorsichtiger geworden. Die Krise afrikanischer Staaten, die Langlebigkeit autoritärer Regimes in der arabischen Welt und der Ausbruch ethnischer Konflikte auf dem Balkan haben ihren Beitrag zu dieser Zurückhaltung geleistet.
In den letzten Jahren wurde eine Vielzahl von Studien, die sich mit den lokalen Konfigurationen von Modernen in der nicht-europäischen Welt befasst haben, von dieser Kritik am monolithischen Konzept der Moderne getragen. Sie sprachen von »multiplen Modernen« oder afrikanischen, asiatischen oder lateinamerikanischen Modernen. Was sie eint, ist die Betonung auf die räumlich und zeitlich divergenten Konfigurationen von Moderne, der Verweis auf die historisch und kulturell unterschiedlichen Kontexte gesellschaftlichen Wandels der letzten zweihundert Jahre. Moderne werden hier nicht mehr als pure Varianzen eines originär europäischen Modells verstanden, sondern für die Beschreibung rapiden gesellschaftlichen Wandels gesehen. Wo einst Homogenität erwartet wurde, wird heute Heterogenität attestiert. Dieser Perspektivwechsel ist nicht auf die außereuropäische Welt beschränkt. Jüngste Studien haben Europas Moderne in ähnlicher Weise zu dekonstruieren gesucht.
Dennoch, auch wenn wir heute von multiplen Modernen und lokalen Modernen sprechen, sprechen wir immer noch von Modernen. Was aber hält all diese lokal und historisch unterschiedlichen Prozesse zusammen, was eint sie, dass wir nicht auf diesen Begriff verzichten können? Eine mögliche Antwort, und es ist die, die wir in der Arbeitsgruppe in den Vordergrund stellen, ist Moderne als Repräsentationen rapiden gesellschaftlichen Wandels zu nehmen, die zwar eben jene lokal und historisch divergenten Transformationsprozesse zu fassen versuchen, sich aber dabei eines gemeinsamen Referenzpunktes in ihren Darstellungen dieses Wandels bedienen. Repräsentationen, um es mit Geertz zu fassen, sind dabei Modelle von als auch Model für sozialen Wandel. Sie repräsentieren diesen Wandel, wie sie die Akteure in ihrem Handeln auch prägen. Diese Perspektive soll es ermöglichen die vielschichtigen Prozesse der Aneignung, Übersetzung und der Ablehnung von gesellschaftlichen Transformationsprozessen zu fassen. Des Weiteren geht es uns um eine genauere Beschreibung der räumlichen und zeitlichen Begrenzungen divergenter Konfigurationen von Moderne. Wir sprechen von afrikanischen, arabischen, asiatischen oder lateinamerikanischen Modernen. Was aber genau trennt diese von einander ab? Welche Verbindungen lassen sich beschreiben?
Die Arbeitsgruppe bringt Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen und mit unterschiedlicher regionaler Fokussierung zusammen. Uns geht es vor allem um eine interdisziplinäre und vergleichende Diskussion.
Mitglieder: Bettina Dennerlein, Eugenia Roldán Vera, Mona Schrempf, Olaf Günther, Veronica Oelsner, Michael Pesek, Vera Isaiasz
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