Sonderforschungsbereich 640
Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel
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Bericht vom Workshop "Repräsentationen auf Reisen, Teil 1"

 

Eröffnung

In seinem Eröffnungsvortrag entwarf Bernard Streck eine Typologisierung des Fremden im intertemporalen und interkulturellen Vergleich. Das Fremde, so seine These, sei für viele Gesellschaften zunächst das Bedrohliche und Unbekannte. Es müsse daher durch verschiedene kulturelle und soziale Praktiken in die Gesellschaft und ihre Vorstellungswelten eingegliedert werden.

Panel I

Das erste Panel widmete sich zwei Fallbeispielen die in ihrer historischen und geographischen Verortnung nicht unterschiedlicher sein können. Ging es bei Ruth Schilling (Humboldt-Universität Berlin, SFB 640)
um die Reise hanseatischer Kaufleute in das russische Zarenreich im Jahre 1603 sowie um den Empfang einer siamesischen Delegation am Hofe Ludwig XIV. , so behandelte der Vortrag Michael Peseks (Humboldt-Universität Berlin, SFB 640) die Inspektionsreise des Staatssekretärs des Reichskolonialamtes nach Ostafrika im Jahre 1907. Dennoch erwiesen sich die Fallbeispiele in mehreren Punkten als vergleichbar. Hier wie dort ging es um das Aufeinandertreffen von Akteuren mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, um die Verschränkung unterschiedlicher Repräsentationskulturen im Moment der Ankunft.
Für die hanseatischen Kaufleute begann die Reise mit der Erkenntnis, dass sie am Ziel ihrer Reise eine politische Kultur erwartete, die weitaus stärker auf sichtbar gemachte Rangabstufungen wert legte und in dem die Zentralinstanz ihre Präsenz durch bürokratische Zeremonien zelebrierte. Diese Einsicht vermittelte ihnen der als Dolmetscher agierende Kaufmann Zacharias Meyer, dessen Russlanderfahrungen maßgeblich das Bild der hanseatischen Kaufleute über das Zarenreich prägen sollte sowie zu einer Art Impressario der Selbst-Inszenierung der hanseatischen Kaufleute wurde. Die Differenz zur politischen Kultur des Zarenreiches sowie ihre Abhängigkeit vom Gutwillen des russischen Zaren (den sie als Geschäftspartner gewinnen wollten) führte zu einem Anpassungs- und Lernprozess, wobei die Kaufleute das Bewusstsein, sich in einer Differenz zu bewegen nicht verloren, sondern durch ein Abtrennung der Innenrepräsentation von der Außenrepräsentation zu handhaben versuchten. Trotz dieses Anpassungsprozesses blieben Missverständnisse und Verstöße gegen die Etikette nicht aus. Das diplomatische Parkett am Zarenhof erwies sich als ein schwieriges Terrain, die nach wochenlangem Warten gewährte Audienz beim Zaren endete beinahe in einer Katastrophe, die wie Ruth Schilling aufzeigt, aus unterschiedlichen Vorstellungen über diplomatische Repräsentation resultierte. Und wiederum war es der Mittler Zacharias Meyer, der schlimmeres verhinderte, in dem er hinter geschlossenen Türen eine Einigung mit dem Zaren erlangen konnte.
Auch in der Begegnung zweier Delegationen des siamesischen Königs mit der Hofkultur Ludwigs XIV. werden solche Konfliktfelder deutlich. Die französischen und siamesischen Machthaber einten gemeinsame Interessen. Ihnen ging es vor allem um die Eindämmung des Einflusses holländischer Kaufleute in Ostasien. Was Ruth Schilling schildert, ist eine ebenso interessante wie verquere Episode in der Geschichte des europäischen Kontakts mit anderen Kulturen, eine Geschichte von höchst unterschiedlichen Erwartungshaltungen gegenüber dem Was und Wie von Herrschaftsrepräsentation und unterschiedlichen Köpervorstellungen. Was der französische König als Beweis seiner Macht ansah, das Gedränge seiner Gefolgsleute an seinem Hofe, war für die siamesischen Delegaten eine eklatante Verletzung der Distanz des Herrschers zu seinen Untertanen. Was Ludwig XIV. den Siamesen als Privileg zugestand, in nächster Nähe zu ihm und seiner Entourage zu sitzen, veranlasste diese zu einer panikartigen Flucht. Es verletzte ihre Vorstellungen von Rang, Körper und Religion. Auch die zweite Reise siamesischer Delegierter war von ähnlichen Missverständnissen geprägt, obgleich beide Seiten versuchten aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und zu einer gemeinsamen Repräsentationskultur zu gelangen. Obgleich Ludiwg XIV. nichts unversucht ließ, um mit aufwendigen Inszenierungen, seine Macht zu repräsentieren, so traf er nicht immer die Vorstellungen siamesischer Herrschaftsrepräsentation. Die Sprache der Macht, so könnte eine Einsicht des Vortrages lauten, wird nur von denen gehört, die ihrer mächtig sind.
Die Ankunft der siamesischen Delegation mag für einen Historiker des deutschen Kolonialismus umso mehr von Interesse sein, als hier, im Frankreich des 17. Jahrhunderts, von den zweihundert Jahre später grassierenden Diskursen über die Überlegenheit Europas nichts zu spüren ist. Das war im Fallbeispiel Michael Peseks ganz anders gelagert. Wie kaum in einer anderen Epoche europäischer Geschichte, waren die kolonialen Herren des ausgehenden 19. Jahrhunderts von ihrer zivilisatorischen Überlegenheit gegenüber nicht-europäischen Gesellschaften überzeugt. Was am Hofe Ludwigs XIV. als Exotik die Differenz zwischen den Kulturen markierte, war hier in einen rassischen Diskurs eingebunden. Dennoch, auch die deutschen Kolonialherren mussten schnell die Notwendigkeit einsehen, auf lokale Gegebenheiten einzugehen. Ein Ausdruck dieses Lernprozesses war zweifellos die Reise des Staatssekretärs Dernburg nach Ostafrika, die einen Wandel deutscher Kolonialpolitik in Ostafrika nach Jahren politischen und wirtschaftlichen Chaos ankündigte. Dernburg war der erste Bürgerliche, der in der deutschen Kolonialverwaltung zu maßgeblicher Verantwortung gelangte. Auf seiner Reise gelangte er in eine Lebenswelt, die im heimischen Deutschland bestenfalls noch in abseits gelegenen Dörfern Ostpreussens zu finden war: jene autokratische und paternalistische Herrschaft vornehmlich ostelbischer Junker. Die Differenz zur kolonialen Lebenswelt und kolonialer Herrschaftspraxis waren denn auch ein dominierendes Thema in Dernburgs Berichten und Stellungnahmen zu seiner Reise. Der Kolonialverwaltung war es ihrerseits daran gelegen durch ein wohl gewähltes Besuchsprogramm dem Staatsekretär ein bestimmtes Bild der Kolonie darzubieten und ihn in einer Reihe von Inszenierungen kolonialer Herrschaftswelten nachgerade einzuweben. So besuchte Dernburg nicht den Süden der Kolonie, das nur ein Jahr zuvor durch die brutale Vergeltungskampagne des kolonialen Staates auf den maji-maji-Aufstand größtenteils verwüstet war. Dafür aber den Nordosten der Kolonie und das zentrale Hochplateau. Der Nordosten galt zu dieser Zeit als Beispiel für eine gelungene Adaptierung des britischen Systems der indirekten Herrschaft, das Zentralplateau bot mit der Zentralbahn ein vorzeigbares koloniales Großprojekt. Was Dernburg im Nordosten der Kolonie als Erfolgsmodell deutscher Kolonialpolitik dargeboten bekam, waren vor allem feierliche Zeremonien seiner Ankunft in den Anwesen lokaler Kolonialbeamter und afrikanischer Herrscher. Höhepunkt dieser Inszenierungen war zweifellos Dernburgs Empfang in Bukoba und bei Kahigi von Kianja. Die Erfolge lokaler Kolonialpolitik wurden dem Staatssekretär als die Fähigkeit, die Bevölkerung und insbesondere die afrikanischen chiefs in pompösen wie exotisch anmutenden Choreographien zu vereinen vorgeführt. Doch diese Feierlichkeiten waren nicht nur von kolonialen Repräsentationskulturen dominiert, sondern nahmen durchaus auch lokale Muster der Herrschaftsrepräsentation in sich auf.
In der anschließenden Diskussion standen die Missverständnisse in Empfangszeremonien und -szenen. Selbst Versuche dies durch eine starke Durchstrukturierung der Choreographie zu vermeiden, brachten, wie im Fall Ludwig XIV. , nicht immer die gewünschten Erfolge. Dies ließe sich auch für Dernburgs Reise nach Ostafrika zeigen. Betonten die lokalen Behörden in den Empfangszeremonien das Pompöse als Grundelement kolonialer Herrschaftsrepräsentation, so stießen sie damit bei Dernburg zunächst auf wenig Gegenliebe. Misstrauisch, man wolle ihm potemkinsche Dörfer vorführen, entzog sich der Staatssekretär, diesen Zeremonien anfangs. Solche Missverständnisse entstanden nicht immer erst vor Ort aus Situationen heraus, sondern waren teilweise vorprogrammiert. Allerdings sind einzelne Repräsentationskulturen in diesem Aufeinandertreffen nicht autonom, sondern können durchaus Elemente der anderen in sich aufnehmen und transformieren, dh. mit neuen Bedeutungen versehen. Dies war etwa der Fall in der Adaption kolonialer Repräsentationen durch die afrikanischen chiefs am Victoria-See. Andererseits war auch die koloniale Repräsentationskultur einer „Pidginisierung“ unterworfen.
In der Schlussbetrachtung des Panels wurde angeregt, die begriffe der Institution und der Repräsentation sozialer Ordnungen genauer zu definieren, um weiteren Verständnisfragen und Missverständnissen vorzubeugen. Desweiteren sollten Beziehungen zu Machtkonstellationen stärker integriert werden.

Panel II

Im zweiten Panel des Workshops kamen verschiedene Facetten von Staatlichkeit auf Reisen zu Sprach, zum einen die staatliche Gewalt, die, repräsentiert durch einen beauftragten Machthaber, den Podestà, in der italienischen Stadtkommune ankommt, zum anderen die Besichtigung des französischen Staates durch Delegierte aus den französischen Kolonien.
Christoph Dartmann (Universität Münster) befasst sich seit einigen Jahren mit dem Zusammenhang von Verschriftlichung und symbolischer Kommunikation in den oberitalienischen Stadtkommunem im Mittelalter. In seinem Beitrag ging es ihm aber weniger um die rituelle Einbeziehung von Urkunden und Codices in das städtische Verfassungsleben, sondern vielmehr um die Frage, ob und in welcher Weise Staatlichkeit in der Ankunft des Podestà repräsentiert wird. Trotz der in hohem Maße ausdifferenzierten Schriftlichkeit staatlicher Verwaltung kam dem Ritual der Ankunft des Podestà eine hohe Bedeutung zu. Christoph Dartmann stellte heraus, dass im Ankunftszeremoniell keine Widerspiegelung der sozialen Ordnung der Stadtkommune stattfindet, sondern vielmehr die soziale Stellung der ankommenden und empfangenden Eliten thematisiert wird. Bemerkenswert ist zudem das in der Diskussion thematisierte Fehlen eines expliziten Bezugs auf den jeweiligen Stadtpatron, obwohl Gebet und Gottesdienst fester Bestandteil des Zeremoniells waren. Die Formalisierung des Ankunftszeremoniells, seine Anlehnung an den Herrscheradventus, besaß demnach Priorität gegenüber einer Repräsentation des Gemeinwesens selbst. Es sollte primär die Stellung des Podestà stärken.
Karen Krüger (Humboldt-Universität zu Berlin) befasste sich in ihrem Beitrag mit den offiziellen Besuchen von Delegierten aus den afrikanischen Kolonien anlässlich des 14. Juli in Paris in den Jahren 1955 bis 1957. Die eingeladenen Gäste, häufig zum ersten Mal in ihrem Leben in Europa, erlebten ein zutiefst stilisiertes Bild der Gastnation: Paris präsentierte sich ihnen nur in kontrollierten Formen, den Gästen blieb kaum Zeit zum eigenständigen Erkunden der Metropole. Fotos und Zeitungsberichte fingierten eine Harmonie zwischen Mutterland und Kolonien, die 1955 schon zunehmend bedroht war. Die französischen Ministerien sahen die Besuche als Mittel, um die „Unauflöslichkeit der Beziehungen zwischen der Metropole und ihren Erweiterungen auf den fünf Kontinenten“ zu symbolisieren. Die Einladungspolitik reagierte auf das gestiegene Selbstbewusstsein kolonialer Eliten. In dem Besuchsprogramm sollte ihnen daher zwar vorrangig eine Rangerhöhung signalisiert, aber auch die kulturelle, soziale und wirtschaftliche Vorrangstellung Frankreichs demonstriert werden.
In der sich an den Vortrag anschließenden Diskussion wurde darauf hingewiesen, dass es tatsächlich nur noch um eine symbolische Einbindung der Kolonien in die communauté française gehen konnte, da in den Fünfziger Jahren ihre kommende Unabhängigkeit bereits als ausgemacht galt. Bei einer Analyse der Bildquellen hoben viele Workshopteilnehmer hervor, dass die Repräsentation des Anderen in einer starken Kontinuität steht - die Afrikaner wurden durchweg in ihren traditionellen Gewändern gezeigt - und damit die Neuartigkeit des Besuches vermutlich auf bestimmte Erwartungshaltungen der französischen Seite reagiert. Durch weitere Recherchen zu erforschen wäre die Wechselwirkung zwischen französischen und afrikanischen Medien und Berichten: Denkbar wäre zum Beispiel, dass die Gestaltung des Besuchsprogramm nicht nur auf französische, sondern auch auf afrikanische Reaktionen und Beurteilungen reagierte.
Als Fazit aus beiden Vorträgen ergab sich eine starke Differenzierung des Wechselverhältnisses der im Moment der Ankunft und des Besuchs aufeinander treffenden Repräsentationen von Staatlichkeit: Dieser Moment der Ankunft ist als ein gänzlich hervorgehobener, ja hier fast separater Raum zu betrachten, der weniger auf die vorhandenen und erforderlichen Repräsentationen eingeht, sondern vielmehr Idealabläufe zeichnet, die in einem sehr viel komplexeren Wechselverhältnis zu den jeweiligen politischen Macht- und Herrschaftsverhältnissen stehen, als es bei einer ersten oberflächlichen Analyse den Anschein hat.

Panel III

Im Anschluss an die Beiträge Christoph Dartmanns und Karen Krügers thematisierten Jenny Rahel Oesterle, (Universität Münster) und Nadine Hée (Universität Tokyo) den Zusammenhang zwischen monarchischen Herrschaftsformen und deren peripatetischer Repräsentation. Wie schon in der Diskussion der vorherigen Vorträge deutlich wurde, erwies sich in diesem Panel der konsequent interkulturelle und diachrone Vergleichsansatz des Workshops als überaus fruchtbar.
 Jenny Rahel Oesterle verglich in ihrem Beitrag die Gestaltung der Schwellenüberschreitung von profanen zu sakralen Räumen und konnte dabei für die Fragestellung des Workshops weiterführende Hinweise geben: Der prachtvollen Gestaltung der Ankunft eines ottonischen Herrschers in einer Kirche steht keine vergleichbare zeremonielle Gestaltung der Ankunft eines fatimidischen Herrschers in einer Moschee gegenüber. Vielmehr ist es dessen Auszug aus dem Palast, auf dem der Schwerpunkt der rituellen Kommunikation liegt. Anhand einer Untersuchung von „Ankunft“ konnte sie also zwei unterschiedliche Raum- und damit verbunden Herrschaftskonzeptionen herausarbeiten: Die Herrschaft der Ottonen war peripatetisch, sie wurde erst im Moment ihrer Ankunft sichtbar und damit konstruiert und stabilisiert. Die Herrschaft der Fatimiden hingegen war sozusagen allumfassender, weniger von ihrem Zeigen im Raum abhängig. Anders als bei den Ottonen war es nicht die Kombination aus Raum und königlichem Körper, die die Bedeutung des Ankunftsrituals konstituierte, sondern allein der Körper des fatimidischen Herrschers, der seine Macht symbolisierte. In der Diskussion wurde die Wandelbarkeit der von Frau Oesterle skizzierten Ritualbedeutung hinterfragt. Dabei stellte sie heraus, dass die Grundstrukturen der Handlungen sich nicht änderten, dass vielmehr das Zeremoniell jeweils durch größere Prachtentfaltung auf Krisen reagierte.
Dem Zusammenhang von Herrschaft und Raum erkundete auch Nadine Hée in ihrem Beitrag „Peripatetische Herrschaftsform als Beginn der Konstitution des japanischen Nationalstaates im 19. Jahrhundert ?“. Bis zum Jahre 1868 zeigte sich der japanische Kaiser nie seiner Bevölkerung auf Reisen, vielmehr waren es die einzelnen Fürsten, die zum Zentrum der Macht, in die Hauptstadt, reisen sollten. Und sie waren bis 1868 auch die einzigen, die reisen sollten: Der gesamten Bevölkerung unterlag, um sie auch vor Einflüssen von außen abzuschirmen, einem Reiseverbot. Im Jahre 1853 erzwangen amerikanische Kriegsschiffe unter Leitung von Matthew C. Perry die Öffnung des Landes und läuteten damit das Ende der Shogunatsregierung ein. Damit ging ein radikaler Wandel in der Herrschaftspraxis einher: Um Japan als Nationalstaat auch symbolisch zu einigen, setzte der Kaiser seine Präsenz zunächst auf Reisen und dann als omnipräsentes Porträt ein. Anhand einer Analyse der visuellen Umsetzung dieser neuen Herrschaftspraxis fällt allerdings auf, dass der Kaiser selbst auf Reisen nicht dargestellt wurde, sondern sich die Bilder darauf konzentrieren, die vorbeiziehende Prozession darzustellen. Insbesondere diese Bildquellen wurden in der Diskussion von Frau Hées Beitrag thematisiert: So ist es erklärungsbedürftig, dass einem reichen linguistischen Befund von ‚Ankunft’ kein entsprechend visuelles Verständnis in der japanischen Kultur korrespondiert.
Bei einem Vergleich der beiden Vorträge lassen sich gut die verschiedenen Rezipientenkreise und damit auch Qualitäten von Öffentlichkeit hinterfragen: Die Sichtbarkeit der Prozessionen der Ottonen als auch der Fatimiden waren zu einem großen Teil der sozialen und politischen Elite vorbehalten, während der japanische Kaiser sich bewusst in seiner Botschaft an die breite Bevölkerung richten wollte. Diesem unterschiedlichen Rezipienten- und Akteurskreis entspricht die Fixierung des Zeremoniells, das sowohl bei den Ottonen als auch den Fatimiden schriftlich ausgearbeitet vorlag, während es in Japan nur allgemeine Verhaltensmaßregeln gab.

Panel IV

Die beiden Fallbeispiele von Katharina Haß (SFB 640) und Nina Breitensprecher (Universität Hamburg) handelten von Staatsbesuchen moderner Politiker. Was beiden Vorträgen gemein war ist das sie sich auf totalitäre Systeme bezogen. Während Katharina Haß über die Staatsbesuche Erich Honeckers in Afrika sprach, verglich Nina Breitensprecher den Besuch Heinrich III. Im Jahre 1574 mit dem Besuch Hitlers in Venedig zur Zeit des Mussolini-Regimes.
Totalitären Regimes wird oft ein Hang zur Theatralität nachgesagt. Staatsbesuche, insbesondere wenn sie in einem hoch ideologisierten Kontext stattfinden oder mit dem Gestus des Geschichte-Machens umwoben werden, sind zweifellos hochgradig inszenierte Ereignisse. Geschichte spielte als legitimatorischer Hintergrund für Honecker eine große Rolle. Hier wurde das erste Denkmal von Karl Marx auf afrikanischen Boden eingeweiht, dort wurde der historische Kampf afrikanischer Nationalbewegungen um Unabhängigkeit unterstützt. Für die nach internationaler Anerkennung strebende DDR waren die Afrikabesuche Honeckers in den 1970er Jahren Schauläufe auf dem Parkett internationaler Diplomatie und vor allem war es die Inszenierung einer sozialistischen Variante der Dominotheorie, die die oftmals wackeligen und wenig sozialistisch anmutenden Regimes afrikanischer Postkolonien als Beweis für den globalen Siegeszug des Sozialismus ansah. Hier ging es nicht nur um bilaterale Beziehungen, hier ging es vor allem um die Selbst-Repräsentation der DDR. Wenn auch der Atem des Revolutionären aus den Reden Honeckers und seiner afrikanischen Gegenüber schlug, viele Repräsentationsbausteine der Staatsbesuche waren so neu nicht. Katharina Haß betonte die Kontinuität von Repräsentationspraxen aus kolonialer Zeit zu denen des ostdeutschen Sozialismus. Diese Kontinuität durchkreuzte die von Honecker so sorgsam inszenierte Ideologie der Brüderlichkeit zu den afrikanischen Nationalstaaten und hinterließ oftmals den schalen Nachgeschmack eines kolonialen Paternalismus, von den sich auch die DDR-Eliten nicht zu lösen vermochten.
Zumindest teilweise um den Staatsbesuch des Vertreters eines totalitaristischen Regimes ging es auch im Vortrag von Nina Breitensprecher, die mit ihren Vergleich von Heinrich III. und Hitlers Einzug in Venedig interessante Einblicke in die Mechanismen von Herrschaftsrepräsentationen in historisch ganz unterschiedlichen Empfangszenarien ermöglichte. Trotz aller historischen Unterschiede glichen sich beide Einzüge in einem wichtige Punkt: trotz widerstreitender politischer Interessen ging es beiden Seiten, den Empfangenden und den Ankommenden, um eine synergetische Inszenierungsleistung und die Etablierung bzw. Festigung diplomatischer Beziehungen. War es den Stadtvätern Venedigs daran gelegen Heinrich III. als Bündnispartner gegen die Ansprüche des Vatikans für sich zu gewinnen, so konnte Heinrich III. bereits vor seiner Krönung durch den prächtigen Empfang in Venedig symbolisches Kapital akkumulieren. Nina Breitensprecher wies aber auch darauf hin, dass trotz komplementärer Interessen, in der Inszenierung des Einzugs immer wieder Konfliktsituationen auftauchten, in denen Heinrch III. und die Stadtväter um Choreographien und symbolische Anordnungen rangen. Dennoch, trotz dieser Konflikte, war der Einzug Heinrich III. in Venedig, für beide Seiten ein Erfolg, vor allem weil es gelang den unsichtbaren Zuschauer, den Vatikan, durch die Inszenierungen eine politische Botschaft zu vermitteln. Weitaus weniger erfolgreich war Hitlers Empfang bei Mussolini. Zwar verbanden auch hier beide Seiten gemeinsame Interessen, dennoch gingen beide Seiten von unterschiedlichen Vorstellungen über den Verlauf des Empfangs. Was Hitler als einen Arbeitsbesuch ansah, gestaltete Mussolini zu einer imposanten Machtdemonstration, zu einer Wehr- und Politshow Italiens. Der von Mussolini aufgewandte Pomp drängte den unvorbereiteten Hitler an den Rand der Geschehnisse. Das war durchaus auch symbolischer Fingerzeig mit politischer Aussage. Trotz aller Bündnisbeteuerungen waren Hitler und Mussolini Konkurrenten im Kampf um die Neuordnung Europas. Hitler und die nationalsozialistische Presse Deutschlands revanchierten sich für die symbolische Überrumpelung mit höhnischen Kommentaren über Fehlschläge in der Inszenierung italienischer Militär macht. Nina Breitensprecher wies darauf hin, dass Venedig in beiden Fällen als historisch bedeutsame Bühne genutzt wurde, der Machtrepräsentation der Herrschenden eine zeitliche Tiefe zu geben und gleichzeitig mit den neuen Symbolen von Macht zu bewirtschaften. Wie die anschließende Diskussion aufzeigte, liegt darin auch eine Gefahr für das Gelingen der Inszenierung. Die in die jeweilige Inszenierung transferierten Symbole und symbolischen Praktiken sind offen für unterschiedliche Deutungen, die nicht immer von den Mächtigen kontrolliert werden können. So nutzte zwar Mussolini Venedig als Hintergrund für seine geschichtsträchtige Show, die eine Kontinuität zum römischen Empire herstellen sollte, Venedig schien sich aber wegen seiner urbanen Infrastruktur nur wenig für eine solche Inszenierung zu eignen. Eine Innovation hinsichtlich von modernen Staatsbesuchen ist die Rolle der Presse als verlängerndes Medium der Inszenierung. Diese spielte sowohl bei Honecker als auch bei Mussolini eine wichtige Rolle.

Panel V

Im Zentrum des Panels stand das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen in der Ankunft von Reisenden. Anders als in den anderen Panels wurde die Ankunft der Reisenden nicht durch etablierte Empfangszeremonien ausgehandelt. Das Andere, verkörpert in den Ankommenden, konnte seitens der lokalen Bevölkerung daher nur in begrenztem Umfang in die eigene Gesellschaft eingegliedert werden. Doch für auch die Ankommenden erweist sich der andere Ort oftmals als problematisch, da er sich den Konstruktionen eigener Diskurse bisweilen entzieht.
Die Brüche zwischen den einzelnen Kulturen traten in den drei Fallbeispielen in ganz unterschiedlicher Form zu tage. In der Ankunft sowjetischer Agitatoren in Zentralasien, bei der es im Vortrag von Olaf Günther (SFB 640), war dies vor allem ein Bruch in der medialen Repräsentation von Wissen. Die sowjetischen Agitatoren brachten, wie sie glaubten, mit der Schrift ein neues Medium in die zentralasiatischen Gesellschaften, das für sie eine hohe Symbolkraft als Zeichen von Modernität hatte. Mochten die Agitatoren ihre Verfügbarkeit von Schrift als eine Differenz zu den lokalen Kulturen, als ein Moment geschichtlichen Wandels herausstreichen, der diese Differenz beseitigen sollte, so war diese Differenz nicht so groß. Obgleich ein Großteil der lokalen Bevölkerung Analphabeten waren, war Schrift nichts neues für die islamisch geprägten Gesellschaften Mittelasiens.
Olaf Günther verwies in seinem Vortrag auf die Theatralität der Ankunft der Schrift. Sie wurde auf Plakaten und Bannern inszeniert. Schrift war hier mehr etwas Ikonenhaftes denn Wissensmedium. Es war ein Symbol geschichtlichen Wandels. Dieser theatrale Umgang mit dem Medium Schrift traf sich in gewissem Sinne mit lokalen Gebrauchsweisen der Schrift, in denen die Moschee und religiöse Zeremonien einen wichtigen Hintergrund für den Gebrauch des Mediums bildeten. Dennoch fand die Schrift auf vielfältige Weise Eingang in die lokalen Gesellschaften. Zunächst schufen die Agitatoren neue Zeremonien und Orte des Schriftgebrauchs. Eine neue Öffentlichkeit bildete sich heraus, die wesentlich zum gesellschaftlichen Wandel - zur Ablösung alter Bildung- und Machteliten und zur Herausbildung neuer - beitrug.
Um Konfliktsituationen ging es auch in dem Vortrag von Thomas Schwarz (FU-Berlin, Germanistik), in dessen Mittelpunkt die Reise Theodor Koch-Grünbergs zum Amazonas zwischen 1898 und 1900 und der Roman Robert Müllers Tropen von 1915 stand. Diese Konfliktsituationen schildert Thomas Schwarz zum einen im Aufeinandertreffen der europäischen Reisenden und der lokalen Bevölkerung, zum anderen als ein Konflikt zwischen europäischen Erwartungshaltungen und Diskursen und den lokalen Gegebenheiten. “Friedlicher Kulturkontakt” sei auf der Reise Koch-Grünbergs nur schwerlich möglich gewesen: zum einen hatte die lokale Bevölkerung ihre Erfahrungen mit dem europäischen Kolonialismus, zum anderen habe das Verhalten der Expeditionsteilnehmer sich nicht in die Vorstellungen der lokalen Bevölkerung integrieren lassen. Dazu trugen, hier nimmt Thomas Schwarz Bezug auf Fabians Buch über europäische Reisende in Zentralafrika, auch die Strapazen der Reise und Krankheiten bei. Diese Widrigkeiten hätten auch in hohem Maße die Wahrnehmung des anderen Ortes geprägt.
Solche “Erstkontaktsituationen”, so Thomas Schwarz, produzierten stereotype Bilder vom anderen Ort, die auf vielfältige Weise Eingang in die europäischen Diskurse fanden und dort reproduziert wurden. So erscheint es nicht verwunderlich, dass sich im Roman Robert Müllers ganz ähnliche Beschreibungen solcher Situationen finden lassen. Der Autor basiert nicht auf selbstgemachten Erfahrungen. Müllers Roman, obgleich oftmals den imperialen Impetus der Romanfiguren ironisierend, verdichtet die koloniale Konstruktion des Anderen. Europäische Technik, Kleidung und Wissen werden als “Repräsentationsbausteine” für die Selbstdarstellung des Europäers und die Konstruktion der Differenz zum anderen stilisiert.
Um mythische Konstruktionen des anderen Ortes durch Reisende ging es auch in dem Vortrag von Iris Schröder (HU-Berlin), die anhand des europäischen Diskurses über Timbuktu auf die hohe Symbolkraft des westafrikanischen Ortes für die europäischen Forschungsreisenden des 19. Jahrhunderts hinwies. Dabei ging es nicht nur um rein wissenschaftliche Aspekte: Timbuktu verhieß legendäre Reichtümer, aber auch viele Gefahren. Diese Konstruktionen lassen sich laut Iris Schröder in der Schilderung der Ankunft zweier europäischer Reisender sehr gut nachweisen: zum einen Rene Cailliés Bericht über seine Reise nach Timbuktu zwischen 1826 und 1928, sowie in Heinrich Barths Buch über seine Reisen nach Nord- und Zentralafrika in den Jahren 1849- 1855. Vor dem Hintergrund dieser Diskurse inszenieren die Reisenden ihre Ankunft in im exotischen Timbuktu als Höhepunkt einer gefahrvollen Reise. Doch diese Schilderungen enthalten viel Widersprüchliches, das in den Diskursen konstruierte Timbuktu entzieht sich den europäischen Vorstellungen. Iris Schröder spricht daher auch von einem “clash of representations”. Des weiteren weist sie auf die Quellenproblematik von Reisebeschreibungen hin, die weder rein fiktional noch unredigierte Abbildungen der Realität seien. Reisebeschreibungen entwickeln ihre eigenen Dramaturgien, in denen die Ankunft oftmals ein besonderes und durch die Reisenden sorgsam inszeniertes Moment darstellen.
In der anschließenden Diskussion ging es vor allem um die in allen Vorträgen angesprochene Theatralität der Ankunft. Schrift habe den Agitatoren als ein “Repräsentationsbaustein” gedient, mit denen sie ihre eigene Identität als Differenz zum Lokalen konstruierten. Ähnliches finden wir auch in den ethnographischen und fiktionalen Beschreibungen der Amazonas-Reisenden. Hier wurden “Repräsentationsbausteine” wie europäische Technik und Kleidung als Differenzmarker inszeniert. Solche von den Reisenden gewählten Repräsentationen von Macht unterstrichen die die Bedeutung von Performanz in den Ankunftsszenen. Das haben sie Kolonialunternehmen gemein. Wie diese operierten vornehmlich mit Theatralität, da sie über keinen Alltag verfügten. Die Machtstabilisierung und die Basis für Aushandlungen kolonialer Herrschaft wurde durch Theatralität in solchen Ankunftsszenen geschaffen.
Wenn auch etablierte Empfangsrituale in allen drei Fallbeispielen nicht existierten, dann hieß das aber nicht, dass diese Kontaktsituationen ohne Theatralität waren. Inszenierungen lassen sich auch in den Reisebeschreibungen Barths und Cailliés finden, bei denen Ankunftsszenen wesentliche Momente der Selbstdarstellung waren. Dies war aber nur durch eine Reduzierung der Komplexität lokaler Verhältnisse und eine Eskamotage möglicher Konflikte mit der lokalen Bevölkerung möglich. Doch die Selbstdarstellung der Reisenden selbst war nicht ohne Widersprüche, Callié und Barth etwa reisten in der Verkleidung muslimischer Händler oder Gesandter. Letztendlich war diese Verkleidung ein Hinweis auf Machtverhältnisse in solchen Kontaktsituationen, die den Reisenden eine Mimikry auferlegte, die ihre Strategien der Repräsentation durchkreuzte.

Panel VI

Im Mittelpunkt des Panels standen nicht Empfangszenen, sondern vielmehr die Metapher der Reise und der Ankunft als Repräsentation sich neu herausbildender oder transformierender sozialer Ordnungen. Gertrud Hüwelmeier (HU-Berlin, Institut für Europäische Ethnologie) zeigte dies am Beispiel der transnational agierenden deutscher Nonnenorden; Anne Ebert wiederum sprach über die Rolle von Radfahrerverbänden für die Konstituierung der Niederlande als eine Nation.
Gertrud Hüwelmeier betonte die feste Verankerung des Reisen als Praxis und Metapher in religiösen Vorstellungs- und Lebenswelten. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert und den damit einhergehenden infrastrukturellen Vernetzungen auf globaler Ebene seien transkulturelle Erfahrungen weiten Teilen der Bevölkerung zugänglich geworden. In diesen Prozessen habe sich ein neues Verhältnis von Translokalem und Lokalem herausgebildet, die auch zunehmend in akademischen Diskursen ihren Niederschlag gefunden haben. Im Mittelpunkt des Vortrags stand die genderspezifische Dimension dieses Verhältnisses. Frauen reisten nicht nur anders, sie erführen auch das Reisen in einer anderen Weise. Dies zeigte Hüwelmeier am Beispiel der Nonnen der Armen Mägde Christ eindrucksvoll auf. Ihre Netzwerke, die anfangs mit Hilfe männlicher Orden etabliert wurden, halfen den Nonnen in einer männlich dominierten Reisewelt Hürden und Unanehmlichkeiten zu überwinden. In den Orden spielten Reisen vor allem als zumindest zweitweise Migration und als Inspektion eine wesentliche Rolle. Reisen stärkten die Beziehungen der Niederlassungen zum Mutterhaus, waren aber auch Mittel der sozialen Kontrolle.
Anne Eberts Vortrag zeigte in ihrem Vortrag wie die Metapher des Reisens und der Ankunft im nationalen Diskurs der Niederlande mit der Praxis des Fahrradfahrens als die Erfahrung des nationalen Raums einhergingen. Die Rolle der Radfahrerverbände für die Herausbildung der niederländischen Nation lässt sich auf mehreren Ebenen aufzeigen. Zum einen spielten die Radfahrerverbände eine wichtige soziale Funktion vor allem im ländlichen Raum. In Bezug auf die Herausbildung einer nationalen Identität war diese Rolle sehr ambivalent. Zum einen stärkten sie die dörfliche Identität in Abgrenzung zum anderen. Vereinslokale wurden zu sozialen Treffpunkten. Anderseits waren sie in translokale Verbände integriert. Die Verbände symbolisierten in ihren offiziellen Diskurs Modernität und Technik der Niederlande.
In der anschließenden Diskussion wurde die sozialen Konfliktfelder, die mit dem transnationalen Charakter und der daraus alltäglich scheinenden Praxis des Reisens und damit der Erfahrung des Andren deutlich. Während die Führung der Ordensgemeinschaft für eine relative Autarkie der Schwestern in den amerikanischen Niederlassungen plädierte, gab es immer wieder Fälle von einer weit reichenden Assimilation. Diese Konflikte führten mitunter zum Austritt der Schwestern aus dem Orden. Andererseits war das Reisen, von den Schwestern als ein Ausbrechen aus der Enge heimatlicher Kleinstädte und Dörfer, eine ne Möglichkeit, im öffentlichen Raum unabhängig von der Männerwelt zu agieren. Dennoch gestaltet sich etwa ein vergleich mit männlichen Ordensgemeinschaften problematisch, da diese sehr unterschiedliche Aufgabenbereiche innehatten.
Konflikte in der Praxis des Reisens spielten auch in der Diskussion des Vortrags von Anne Ebert eine wichtige Rolle. Immer wieder sei es zu Konflikten zwischen einzelnen Radfahrervereinen und der ländlichen Bevölkerung gekommen. Die Erfahrung des nationalen Raums sei mitunter durch handfeste Auseinandersetzungen oder aber auch durch Stütze getrübt worden. Solche Ereignisse wurden als moralisches Scheitern oder als Technikversagen  (und daher als pejorative Erfahrung) gedeutet. Radfrahen erwies sich auch als Körperschule, nur der psychisch und physisch wohl geformte Körper konnte das richtige Rad fahren praktizieren.

Panel VII

Die beiden Beiträge von Erdeneschimeg Bayar (Akademie der Wissenschaften der Mongolei) und Ines Stolpe bildeten einen sehr guten Abschluss des Workshops, da sie- in Konzentration auf das Fallbeispiel der Ankunft in der Mongolei- noch einmal sehr deutlich die Beziehung zwischen Ankunftsgestaltung und sozialen, kulturellen und politischen Strukturen zum Ausdruck brachten. Beide Beiträge ergänzten sich in einer sehr anschaulichen Weise und legten damit nahe, eventuell das Studium von Ankunftszeremonien immer nach diesem analytischen Schema zu gestalten: Frau Bayar skizzierte den idealtypischen Ablauf einer traditionellen Ankunft in einer mongolischen Jurte und Frau Stolpe ging darauf ein, wie ‚ungebetene Gäste’ in dieses sehr auf Harmonie und Gastfreundschaft bedachte Schema integriert wurden. In Frau Bayars Vortrag wurde deutlich, wie sehr das Gebot der Gastfreundschaft die Gestaltung der Ankunft gestaltete, wobei auch dem Gast bestimmte Pflichten zukamen, die den harmonischen Ablauf des Rituals garantieren sollten. Frau Bayar betonte den Vorrang des Alters als dem Merkmal, das die Hierarchie der Gäste bestimmt und anderen sozialen und politischen Qualitäten übergeordnet ist. Frau Stolpe stellte anhand ihres Vortrags dar, wie der Versuch der kulturellen Durchsetzung einer neuen, sozialistischen Gesellschaftsordnung mit diesem sehr erfolgreichen Modell mongolischer Aushandlung von Statushierarchie in einer kaum durch territorialisierte Herrschaftspraxis durchdrungenen Gebiet praktiziert wurde. Anhand von Hygienekampagnen in den Fünfziger und Sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts sollten Reinheitsideale auf individueller, familiärer Ebene umgesetzt werden. Um nachzuvollziehen, wie sich dies konkret gestaltete, hat Frau Stolpe Feldforschung durchgeführt. Gerade anhand von Interviews konnte sie nachweisen, wie schwierig es auch für die Kampagnenträger war, ihre Ideale in die Kanäle mongolischer Kommunikation zu leiten. Letzten Endes ließ sich eine ‚Mongolisierung’ der hehren sozialistischen Ideale beobachten- einschließlich liebevoll gestalteter Hygieneecken in den traditionellen Behausungen sowie an den Jurten angebrachter Holzschweine bei Nichteinhaltung der Hygienevorschriften. Vielleicht war es gerade auch die sanfte Implementierung der Vorschriften in die sorgsam ausgehandelten Rituale mongolischen Fremdenempfangs, die dazu führten, dass die sozialistischen Kampagnen in der Mongolei ein sehr viel menschlicheres Antlitz bewahrten als in anderen sowjetischen Gesellschaften.
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