Sonderforschungsbereich 640
Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel
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Teilprojekt A1

Oratorik auf europäischen Reichs- und Ständeversammlungen des späten Mittelalters und der beginnenden Neuzeit als Repräsentation politisch-sozialer Ordnungen im Vergleich

Teilprojektleiter: Prof. Dr. Johannes Helmrath
Wissenschaftlicher Mitarbeiter: Dr. Jörg Feuchter

Deutsche Reichstage, französische États généraux, das englische Parliament, spanische Cortes und der polnische Sejm – das Spätmittelalter sieht in ganz Europa Ständeversammlungen, denen bei aller regionalen Spezifik der Entstehung und Konsolidierung ein Moment gemeinsam ist: die Beratung über Angelegenheiten der jeweiligen Gesellschaft. Verschiedene Gruppen verhandeln hier politische, wirtschaftliche und kulturelle Positionen; sie tragen, wenn man so will, ihre Repräsentationen vor. Ganz grundsätzlich heißt das: sie reden. Die klassische Ständeforschung befasst sich seit geraumer Zeit mit den Ergebnissen dieser Gespräche. Das Reden selbst hingegen, seine Anlage, Darbietung und die unmittelbare Reaktion des Auditoriums – all diese Aspekte haben bis heute keine umfängliche Würdigung erfahren.

Das Teilprojekt A1 sieht seine Herausforderung darin, eine Typologie der politischen Mündlichkeit auf Ständeversammlungen zu erarbeiten. Dafür sollen zunächst Quellen - intentional verschriftlichte Reden wie auch Hinweise in Urkunden, Akten, erzählenden und Bildquellen - für die genannten Regionen und über einen Zeitraum von rund zweihundert Jahren systematisch erschlossen werden. Die Auswertung dieses Materials wird verschiedene methodische Ansätze aufgreifen. Neben die klassischen Felder der rhetorischen Textanalyse und der Verfassungsgeschichte treten jüngere Schulen: Zeremonial- und Ritualforschung werden ebenso berücksichtigt wie kommunikationstheoretische Leitlinien. Die überaus dominierende Lehre der christlichen Kirche und der Humanismus stecken geistesgeschichtliche Horizonte ab.

Auf diese Weise soll sich, ein zentrales Theorem der antiken Redelehren aufgreifend, eine Gesamtschau der politischen Kommunikation des Spätmittelalters ergeben. Wenn nämlich angenommen wird, dass der Zustand der (öffentlichen) Rhetorik sich signifikant zum Verfassungszustand eines Gemeinwesens verhält, dann müsste die Analyse für die einzelnen Reichs- und Ständeversammlungen spezifischen Sprechakte zu Erkenntnissen über Selbst- und Fremdwahrnehmung führen, also Repräsentationen sozialer Ordnung aufzeigen und ihren Wandel zu beschreiben helfen.


Tagung "Parlamentsoratorik“, Humboldt-Universität, 12.-14. Oktober 2006

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