Sonderforschungsbereich 640
Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel
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Teilprojekt A6


Politische Mythen in Deutschland nach 1989

Teilprojektleiter: Prof. Dr. Herfried Münkler.
Wissenschaftliche Mitarbeiter: Dr. Jens Hacke; Stephan Schlak, MA.

Die Beschäftigung mit Mythen hat sich in den letzten Jahren zu einem weitgefächerten Forschungsfeld entwickelt – und dies keineswegs nur in historischer oder literaturwissenschaftlicher Hinsicht. Dabei ist die Gegenüberstellung von Mythos und Logos aufgeweicht worden; die Kultur-, Geistes und Sozialwissenschaften haben mythische Vorstellungen auch als Phänomene der Moderne ernstgenommen, die gewisse anthropologische Grundbedürfnisse stillen.[1] Der Mythos wurde also nicht auf dem Altar der Vernunft geopfert. Mythen prägen, so die Ausgangsüberlegung, immer noch die Kommunikation in modernen Gesellschaften; sie tragen zu einer Bildung von kollektiven Anschauungen und Bewußtseinsformen bei, ohne dass wir den Begriff der kollektiven Identität überstrapazieren wollen. Sie erlangen damit Einfluss innerhalb der Gesellschaft und sind von politischer Relevanz, teils weil genuin politische Mythen von Deutungseliten instrumentalisiert werden, teils weil mythische Vorstellungen politisches Handeln vorstrukturieren und prägen.

Es soll hier von einem pragmatischen, breit angelegten Mythosbegriff ausgegangen werden. Nicht lediglich die klassischen Gründungs- und Ursprungsmythen (Nationalepen, Revolutionen, Ursprungserzählungen) werden durch den Mythosbegriff erfasst, sondern prinzipiell kann zunächst alles Historische, das sich als erzählbar und visualisierbar erweist, mythische Qualität entfalten. Ereignisse, Gegenstände, Bilder, Personen etc. eignen sich zur Mythisierung, sobald sie – ihrem ursprünglichen Kontext enthoben – eine eigene symbolische Bedeutung entfalten. Mythen- und symbolgestützte Kommunikation funktioniert als ein System von „narrativen Abbreviaturen“ (Speth)[2], die Komplexität reduzieren, Kontingenz eliminieren und Loyalität stiften helfen. Dazu bedarf es Repräsentationen, deren Sinnstiftung eine Vermittlungsleistung auf Seiten der Rezipienten voraussetzt. Eben weil die Ausdeutung von Mythen immer vom gesellschaftlich-kulturellen und damit historischem Kontext abhängt, wird die Interpretation des ursprünglich Allgemeinverständlichen zu einer Herausforderung. Für den Politikwissenschaftler sind alle Ebenen dieses Mythisierungsprozesses von Interesse: 1. der Prozess der Anverwandlung des Materials zum Mythos, d.h. die interpretierende Transformationsleistung, 2. der Ursprung des Bezeichneten, 3. die tatsächliche Wirkung des Mythos bzw. seine von den Intentionen des Mythopoeten möglicherweise abweichende Rezeption.
Dabei scheint es paradox: Kulturkritische Philosophen wie Arnold Gehlen sahen den Mythos noch im Gegensatz zur Historie: „Der Mythos ist selber Logos, und was ihn tötet, ist nicht die steigende Rationalität, sondern das entstehende historische Bewußtsein.“[3] Heute hingegen scheint sich der Mythos vornehmlich auf das Geschichtliche bzw. dessen gegenwartsrelevante Ausdeutung zu beziehen. Diese Sichtweise bedarf einer Modifikation: Viele symbolträchtige Repräsentationen entfalten ihre Wirksamkeit gerade deswegen, weil sie vom Rezipienten auf den ersten Blick fast unbemerkt bestimmte mythische Narrationen verwenden, die immer wieder in neue Kontexte eingepaßt werden.
 
Wie lässt sich nun die modellhafte Vorstellung von politischen Mythen auf die bundesrepublikanische gesellschaftliche Wirklichkeit anwenden? Zunächst ist als Einschränkung vorauszuschicken: Debatten um die Konstruktionen und Wirkungen von Mythen sind im hohen Grade Elitendiskurse. Eliten in Politik, Kultur und Medien besetzen die Rolle der Mythopoeten. Sie tun dies allerdings nicht im luftleeren Raum, sondern sind auf die Bedingungen der politischen Kultur und der politischen Mentalität angewiesen. Jede Mythopoiesis muss sich sofort in der Öffentlichkeit bewähren und etwas artikulieren, das bereits als Stimmung existiert. Diskutieren wir die Leistungsfähigkeit von Mythen im sozialen Raum, so haben wir es mit einem Diskursstrang unter vielen anderen zu tun, die zu einer kollektiven Identitätsbildung beitragen. Mythen sind in diesem Fall Repräsentationen normativer Art. In Verschränkung mit anderen politischen, sozialen und kulturellen Konfliktfeldern lassen sich an Mythendiskursen gewisse Trends erkennen, denen man methodisch nur mit Mitteln der Diskursanalyse auf die Spur kommt. Inhaltliche Auswertung von politischen Reden, publizistischem und wissenschaftlichem Diskurs, aber auch die Versuche, öffentliche Resonanz auszuwerten, sind dabei ebenso Schwerpunkte unserer Arbeit  wie die kunsthistorisch geschulte Analyse von Bildern und Symbolen.
Für den deutsch-deutschen Zusammenhang läßt sich retrospektiv feststellen, dass der Antifaschismus-Mythos der DDR samt der verspätet erfolgten mythischen Traditionsüberhöhung deutscher Geschichte (Bauernkrieg, Preußenerbe, Novemberrevolution etc.) in direkter Konkurrenz zum eher präsentistischen Mythenarsenal der Bundesrepublik stand, die sich mit dem Wirtschaftswunder und der D-Mark ihre eigenen ökonomisch ausgerichteten Gründungsmythen schuf. Der DDR-Gründungsmythos scheiterte nicht zuletzt deswegen, „ kommunikatives und kulturelles Gedächtnis nicht zusammenstimmten: Wo das kommunikative Gedächtnis funktionierte, widersprach es dem kulturellen Gedächtnis, und wo es schwierig oder unterdrückt wurde, konnte es dem kulturellen Gedächtnis auch keine Unterstützung bieten.“.[4] Die Bundesrepublik konnte hingegen nach kurzer Zeit auf die Erfolgsgeschichte des Wirtschaftswunders setzen und verzichtete auf eine von oben gesteuerte Implementierung eines Gründungsmythos oder auf die Herstellung historischer Bezüge. Sie galt daher lange als geschichtsloser Staat. Erst in den 1980er Jahren kam eine kontroverse Debatte über das historische Selbstverständnis des „postnationalen“ Staates in Gang.
 
Man kann auch sagen: Gesteuerte Politik mit dem Mythos muß in ihrem Dogmatismus auf lange Sicht dem freien Spiel der Polymythie in pluralistischen Gesellschaften unterlegen bleiben, denn im letzteren Fall gewinnt der Mythos zwar nie eine wirklich gesellschaftsprägende Kraft, es herrscht aber Erfolgsgarantie. Nur die attraktivsten Modelle finden auf lange Sicht die meiste Resonanz und etablieren sich retrospektiv. Die Plausibilität, Attraktivität und Überlebensfähigkeit von Mythen wird gleichsam am Markt geprüft, so dass eine liberale Gesellschaft nicht Gefahr läuft, überlebte Mythen als totes Gepäck mit sich zu schleppen, wie dies in totalitären Staaten der Fall sein kann.
Die Bundesrepublik setzte sich als mythenunauffälliger Staat gegenüber der DDR auch deshalb durch, weil sie auf eine forcierte Mythenpolitik verzichtete. Das heißt nicht, dass es keine geschichtspolitischen Initiativen gegeben hätte.[5] Aber insgesamt war die Ernüchterung nach der Absolutsetzung des politischen Mythos im Nationalsozialismus so groß, daß man abwarten musste, bis Sachlichkeit und Rationalität selbst zum Mythos werden konnten. Mit der Zeit schlug der rationalisierte altbundesrepublikanische Logos in den Mythos um. „Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg“, so konnte man den Verzicht auf gesteuerte Mythenpolitik im bundesrepublikanischen Fall auch lange Zeit deuten. Gerade deswegen wurde sie als mythosträchtiges Objekt den DDR-Bürgern zum gelobten Land.
 
Arbeitshypothesen des Forschungsprojekts
 
Nach der Wiedervereinigung und nach der verschärften wirtschaftlichen Krise und Depression kommt es zu einer Verkehrung: Die Altbundesrepublikaner mythisieren seitdem die Bonner Erfolgsgeschichte, insbesondere den rheinischen Kapitalismus der Sozialen Marktwirtschaft, während in den neuen Bundesländern der einstmals leuchtende Mythos Bundesrepublik rapide an Strahlkraft verloren hat. Die Zäsur der Jahre 1989/90 lässt sich in ihrer ganzen Tiefe auch an den Erschütterungen bewährter mythischer Erzählstrukturen ablesen.
 
Im Bereich der politischen Kultur sind folgende Tendenzen erkennbar:
  1. Die sogenannte „Berliner Republik“ entwickelt neue symbolische Repräsentationsformen; spätestens nach der Verlegung des Regierungssitzes in die Bundeshauptstadt müssen sich Politiker und Bürger an eine neue Staatsästhetik gewöhnen, die historisch befrachtete nationale Geschichte mit völlig Neuem verknüpft. Eine Trauerfeier für den Bundespräsidenten im Berliner Dom ist dafür ebenso gewöhnungsbedürftig wie der Reichstag als Sitz des Bundestages. In jedem Fall hat die Ostverschiebung des symbolpolitischen Zentrums Auswirkungen auf die politische Kultur, das Selbstverständnis und die Mentalität der Bundesrepublik.
  2. Angesichts der vielbeschworenen Krise des Wohlfahrtsstaates bundesrepublikanischen Designs gewinnt es an Bedeutung, sich geschichtlicher Traditionen zu versichern. Es ist zu beobachten, dass sich in den letzten Jahren ein neuer Historisierungsschub ereignet hat. Das lange „geschichtslose“ Land wird nun selbst mythisch aufbereitet und gewinnt ein Verhältnis zu den eigenen mythischen Narrationen, Ikonen und Symbolen. Ob Adenauer zum bedeutendsten Deutschen gewählt, die Erinnerung an 1968 gepflegt wird oder man sich mit dem „deutschen Herbst“ 1977 beschäftigt – dies alles zeigt einen neuen Umgang mit Geschichte an. Debatten über Patriotismus, Leitkultur und Bürgerbewusstsein weisen in Richtung einer gesteigerten Selbstreflexivität der Bundesrepublik. Diese Identitätsdiskurse bedienen sich verstärkt emotionaler Komponenten, wie sie Mythen bereitstellen.[6]
  3. Auch wenn lange der Eindruck überwogen hat, dass hinsichtlich der deutschen Vereinigung „die Zeit des Mythos zumindest noch nicht gekommen“ sei (Niethammer), so lassen sich hier neue Tendenzen beobachten. Es ist nicht auszuschließen, dass 1989 als „verdrängte Gründungsrevolution“ (Cammann) neu entdeckt wird.[7] Die Schwierigkeit unseres Projekts besteht darin, inmitten gegenwärtiger Verschiebungen zu begründeten Deutungen zu gelangen. Dies ist nur auf der Folie historischer Entwicklung zu bewerkstelligen.
  4. Parallel zu diesen bundesrepublikanischen Selbstthematisierungen scheint der Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit etwas von seiner Allgegenwart zu verlieren. Hier deutet sich der Übergang vom kommunikativen zum kollektiven Gedächtnis an, denn im nächsten Jahrzehnt werden die letzten Zeitzeugen verstorben sein, und schon jetzt ist nicht mehr vorauszusetzen, dass die Beschäftigung mit dem NS aus unmittelbarer biographischer Betroffenheit entspringt. So wird beides stattfinden: Zum einen verstärken sich die Bemühungen, die Erfahrungen des „Dritten Reiches“ in ihrem Schrecken gegenwärtig zu halten; das Holocaust-Mahnmal ist ein Beispiel dafür. Zum anderen verliert der Bezug auf den Nationalsozialismus immer mehr von seiner direkten moralisch-politischen Orientierungsleistung, denn aus einer Sühneleistung für Auschwitz läßt sich mittlerweile weder eine bundesrepublikanische Staatsräson herleiten, noch kann die Erfahrung des Völkermords eine tragfähige Begründung für militärische Intervention leisten, wie dies noch im Kosovo-Konflikt versucht wurde.
 
JH
 
 
Untersuchungsfelder:
            I.    Die Deutschen und ihre Mythen (Herfried Münkler)
           II.    Geschichtspolitik und Staatssymbolik der Berliner Republik (Jens Hacke)
          III.    Vernichtung und Vertreibung. Neue Repräsentationsformen der Vergangenheit
                   (Holocaust-Mahnmal, Frauenkirche, Stadtschloß) (Stephan Schlak)


[1] Vgl. für diesen Trend vor allem Karl Heinz Bohrer (Hg.), Mythos und Moderne. Begriff und Bild einer Rekonstruktion, Frankfurt/M. 1983.
[2] Rudolf Speth, Revolutionsmythen im 19. Jahrhundert, in: ders./Edgar Wolfrum (Hg.), Politische Mythen und Geschichtspolitik. Konstruktion – Inszenierung – Mobilisierung, Berlin 1995, S. 17-38, hier S. 19. Zum
[3] Arnold Gehlen, Urmensch und Spätkultur. Philosophische Ergebnisse und Aussagen, Bonn 1956, S. 250.
[4] Herfried Münkler, Wirtschaftswunder oder antifaschistischer Widerstand – politische Gründungsmythen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR. In: Hartmut Esser (Hg.), Der Wandel nach der Wende, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, S. 41-65, hier S. 57.
[5] Vgl. Edgar Wolfrum, Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen Erinnerung 1948-19900, Darmstadt 1999.
[6] Vgl. dazu unsere Beiträge in: Alexander Cammann/Jens Hacke/Stephan Schlak (Hg.), Mythos Bundesrepublik (Ästhetik & Kommunikation, Heft 129/130), Berlin 2005.
[7] Vgl. Lutz Niethammer, Konjunkturen und Konkurrenzen kollektiver Identität. Ideologie, Infrastruktur und Gedächtnis in der Zeitgeschichte, in: Matthias Werner (Hg.), Identität und Geschichte, Weimar 1997, S. 175-203, hier S. 201, sowie Alexander Cammann, 1989 neu entdecken. Die verdrängte Gründungsrevolution der Berliner Republik, in: Undine Ruge/Daniel Morat (Hg.), Deutschland denken. Beiträge für die reflektierte Republik, Wiesbaden 2005, S. 55-70.

 

Lehrstuhl Prof. Dr. Herfried Münkler


Wissenschaftliche Mitarbeiter:

Dr. Jens Hacke

Stephan Schlak, MA


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