Vergeben und vergessen? Eine vergleichende Studie zur Erinnerungsarbeit
ehemaliger politischer Häftlinge in Marokko und im Irak
Teilprojektleiterinnen: Prof. Dr. Ulrike Freitag, Prof. Dr. Bettina Dennerlein, Dr. Sonja Hegasy
Wissenschaftliche
Mitarbeiterinnen: Sophie Wagenhofer, Dr. Andrea
Fischer-Tahir
Studentische
Mitarbeiter: Tobias Goldschmidt, Mounia
Jamal
Teil I Marokko
Geschichte und Erinnerung: Zur
Repräsentation der jüdischen Minderheit im heutigen Marokko
(Bearbeiterin: Sophie Wagenhofer)
Das folgende Projekt ist auf den Bearbeitungszeitraum von einem Jahr
ausgerichtet und soll die Forschungsarbeit von Dr. Bettina Dennerlein im Rahmen
des Teilprojekts A7 fortsetzen. Bisher stand die Aufarbeitung von
Menschenrechtsverletzungen durch die Gerechtigkeits- und Versöhnungskommission
in Marokko im Mittelpunkt der Untersuchung. Im Folgenden sollen Fragen nach der
Aufarbeitung von Geschichte, der (Re-)Konstruktion von Geschichtsbildern und
deren Deutung an Hand anderer aktueller Diskurse in der marokkanischen
Gesellschaft weitergeführt werden. Im Zentrum meiner Untersuchung steht der
Umgang mit Minderheiten, insbesondere die Auseinandersetzung mit der jüdischen
Gemeinde in Marokko.
Seit dem Ende der siebziger Jahre ist in Marokko ein verstärktes
Interesse an der Geschichte und Kultur der marokkanischen Juden zu beobachten.
Die Zahl wissenschaftlicher Publikationen, auch die Aktivitäten der jüdischen
Gemeinde in Marokko sowie marokkanischer Juden in anderen Ländern sind stark
angestiegen. Dies gilt auch für die Repräsentanz in verschiedenen Medien;
Tageszeitungen, Zeitschriften. Und auch Fernsehreportagen setzen sich
regelmäßig mit dem Thema Judentum in Marokko auseinander. Die Gründung der Fondation du
patrimoine culturel judéo-Marocain 1991 und des Centre International de Recherche sur les Juifs du Maroc 1996 ist
ebenfalls Ausdruck eines neuen, auch öffentlichen Interesses an diesem Teil
marokkanischer Geschichte.
Welche Faktoren zu der wachsenden Auseinandersetzung mit der jüdischen
Minderheit in Marokko, die fast gänzlich aus dem Alltag verschwunden ist,
beitragen und welche Geschichtsbilder diesen Diskurs bestimmen, werden im
Mittelpunkt der Untersuchung stehen. Vergleichend soll auch ein Blick auf die
Entwicklung in Bezug auf die Aufarbeitung der Geschichte der Berber (Amazight)
in Marokko geworfen werden. Dabei knüpfe ich an bereits aufgeworfene Fragen aus
dem Teilprojekt, wie der Auseinandersetzung mit der jüngeren Vergangenheit und
einer kritischen Selbstreflexion der eigenen Geschichte an.
Wie bisher sollen auch bei der Fortsetzung des Teilprojekts
unterschiedliche Forschungsansätze aus den Bereichen kollektives Gedächtnis und
Erinnerungs- sowie Geschichtspolitik einbezogen werden.
Teil II Irak
Inside, Outside: Gender and Representation in
Urban Society of Iraqi Kurdistan
(Bearbeiterin: Dr. Andrea Fischer-Tahir)
Das soziale Alltagsleben in den
kurdisch-sunnitischen urbanen Zentren der Region ist bislang kaum untersucht
worden. Ebenso wenig wurde bislang, etwa ausgehend von einem Gender
Studies-Ansatz männliche Herrschaft als soziale Ordnung thematisiert. Diese
beiden Lücken sollen mit einer gesonderten Monographie versucht werden zu
füllen. Ausgangspunkt sind dabei zum einen Pierre Bourdieus Theorien zu
Habitus, Kapitalsorten, „domination masculine“ sowie zu Sprache, und Judith
Butlers Theorie von Gender Performativity. Alltagspraktiken in den Feldern
Familie / Haushalt, staatlich organisierte Bildung, Basar, öffentliche
Verwaltung, Politik und Medien sollen danach untersucht werden, wie Konzepte
von männlich / Männlichkeit und weiblich / Weiblichkeit das Handeln
strukturieren.
Sozialer Wandel bedeutet
Veränderungen hinsichtlich Normen und Werten sowie Ausgestaltung und Wirken von
Sanktionen. In der Alltagspraxis und hier, in verschiedenen Feldern, lassen
sich Handlungen beobachten, die als Ver-handeln
von Normen und Werten sowie Sanktionen interpretierbar sind. Eines der
signifikantesten Merkmale männlicher Herrschaft (in Kurdistan), nämlich dass
die Entscheidungsgewalt bzw. die Repräsentation von Entscheidungen mit männlich
/ Männlichkeit verbunden wird, findet sich dennoch (immer noch) auch dort
wieder, wo beispielsweise eine Frau ein höheres Einkommen hat als der Mann,
eine Frau als Ministerin fungiert, oder aber eine Witwe ihre Entscheidungen
durch die Söhne nach außen hin kommunizieren lässt.
Aus sozialwissenschaftlicher
Sicht verweisen Konzepte von „Nation“ auf Identität, mediterrane und
nahöstliche Konzepte von „Ehre“ auf Regulationssysteme sozialen Handelns. Trotz
aller strukturellen und funktionalen Unterschiede gibt es jedoch mindestens ein
gemeinsames Merkmal: Beide Begriffe beziehen sich auf spezifische Vorstellungen
von Raum / Territorium sowie Gruppenvorstellungen und somit auf Grenzen
zwischen „innen“ und „außen“. Außerdem sind Konzepte von „Ehre“ und von „Nation“
in höchstem Maße eine Angelegenheit von Repräsentanz nach außen sowie von
Anerkennung durch das „Außen“, und somit nach „innen“ hinein Angelegenheit von
Kontrolle und Gehorsam.
Das irakisch-kurdische Konzept
von „Ehre“ (namus) geht zurück auf
Vorstellungen vom Mann als Träger von Ehre, also denjenigen, der in der Ehre
herausforderbar ist und herausfordern kann, und Haus und Frau als Bestandteil
der Ehre, deren Unversehrtheit / Reinheit als, nicht das einzige, aber dennoch
wichtiges Kriterium für Ehre. Signifikanter Weise spricht man oft von „meiner
Frau“ als von „meinem Haus“ (malekem). „Ehre“ ist eine Frage von Arbeitsteilung
sowie Repräsentanz. Auch wenn in den urbanen Zentren strikte
Geschlechtersegregation heutzutage nur noch bei Trauerfeiern, am Gymnasium, im
Sportunterricht und im öffentlichen Bad zu existieren scheint, verweisen eine
Reihe von Alltagspraktiken sowie diskursive Legitimationen von solchen
Praktiken darauf, dass die Grenze zwischen einem „Innen“, das sich mit
Begriffen wie „weiblich“, „eng“, (in Entscheidungen) „passiv“ etc. und einem
„Außen“ verbunden mit „männlich“, „weit“ und (in Entscheidung) „aktiv“ als
imaginierte Grenzen als Bewusstseinsinhalt existiert. Meine These lautet, dass
durch die Wiederholung von Handlungen, die Ausdruck männlicher Superiorität und
weiblicher Inferiorität sind und diese repräsentieren, die Persistenz von
Strukturen männlicher Herrschaft organisiert wird.
Anmerkung zum
Material:
Die Studie basiert auf eigener Forschungstätigkeit der
vergangenen zweieinhalb Jahre in Irakisch-Kurdistan und bezieht ein:
- strukturierte, themenzentrierte Interviews
- Analyse schriftlicher, kurdisch-sprachiger Quellen
- Analyse von ausgewählten Printmedien
- Beobachtungen aus Teilnahme an Alltagspraktiken in
verschiedenen Feldern