 |
|  |
|
Repräsentationen von Herrschaft in multiethnischen Reichen. Studien zum späten Zarenreich, Habsburger- und Osmanischen Reich
Teilprojektleiter: Prof. Dr. Jörg Baberowski Wissenschaftliche Mitarbeiter: Christoph Kamissek, MA; Christoph Gumb, MA
Für zeitgenössische Beobachter und russische Schriftsteller war es klar: Sie sahen das Wesen des imperialen russischen Staates vor allem in seinen Beamten und Soldaten verkörpert. In der westlichen sowie der russisch-sowjetischen Historiographie zum Zarenreich ist dies ähnlich. Studien zur Lokalverwaltung und zum Militär des Zarenreiches sind seit jeher Betätigungsfelder par excellence der Rußlandhistoriker. Allein: Der Großteil dieser Studien operierte mit Voraussetzungen, die an westlichen Beispielen gewonnen worden waren.
Das Teilprojekt will diese beiden Kernthemen der Geschichte des russischen Zarenreiches in einer neuen Perspektive untersuchen. Es geht der Frage nach, wie Herrschaft in lokalen Kontexten symbolisch repräsentiert wurde, wie Vorstellungen, Rituale und Interaktionen soziale Ordnungen herstellten und aufhoben. Denn lokale Amtsstuben und Garnisonen hatten mehreres gemeinsam: Beide waren sie Institutionen, in denen das Imperium seinen Bewohnern gegenübertrat. In beiden Einrichtungen wurde der Staat für seinen Untertanen sicht- und erlebbar, mußten sich Vertreter der Staatsgewalt und Beherrschte zueinander verhalten und in der Regel miteinander auskommen. Die Vorstellungen der Eliten, wie ein geregeltes Staatswesen auszusehen hatte, mußten sich hier nicht nur einem Realitätstest unterziehen – sie mußten in die je verschiedenen lokalen Kontexte erst einmal übersetzt werden.
Die Fallstudie zur Administration des Zarenreiches richtet den Blick darauf, wie sich russische Beamte Herrschaft vorstellten und wie sie diese im Umgang mit der Bevölkerung repräsentierten. Sie untersucht – wie dies die neuere Organisationentheorie einfordert – Rollenbilder und Verhaltensregeln, die durch rituelle Handlungen und symbolische Interaktionen sinnlich vermittelt wurden. Sie greift hierzu sechs Kreise aus dem europäischen, dem sibirischen und zentralasiatischen Territorium des Zarenreiches heraus, um den vielfältigen Zerklüftungen des Vielvölkerreiches gerecht zu werden.
Die Fallstudie zur Geschichte des Militärs im Zarenreich untersucht am Beispiel einer Garnison in Warschau und des Generalstabs in St. Petersburg, wie Offiziere des Zentrums mit jenen in einem multiethnischen Kontext kommunizierten, und letztere dessen Bevölkerung gegenübertraten. In den Debatten jener Zeit wurde beispielsweise nur vordergründig um Sinn und Zweck der »Paradomanie« und der bunten, aber militärisch nutzlosen Uniformen der vorwiegend aristokratischen Eliteeinheiten gestritten. Hier ging es auch und vor allem um die Frage, wie Herrschaft visualisiert werden sollte. Die Frage, wie dies als »peripatetische Herrschaft« (Paulmann) auf die lokalen Gesellschaften des Zarenreiches zurückwirkte, ist bislang noch nicht untersucht worden.
Projektleiter: Prof. Dr. Jörg Baberowski
Wissenschaftliche Mitarbeiter: Christoph Kamissek
Christoph Gumb
|
|  |