Sonderforschungsbereich 640
Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel
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Teilprojekt B3

Die Repräsentation von „Melayu“ und ihre politische Umsetzung in Malaysia von 1900 bis heute

Teilprojektleiter: Prof. Dr. Vincent Houben.
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Dr. Deborah Ann Johnson

Konferenzen und Workshops:

Projektbeschreibung

1. Überblick

Das Teilprojekt betrachtet die Entwicklung der Repräsentation von ‚Melayu’ (‚Malayness’) in Malaysia von 1900 bis heute. Malaysia ist ein multi-ethnischer Staat, die Mehrheit der Bevölkerung sind ethnische Malaien.
Dieser Faktor komplizierte die Bildung der malaysischen Nation enorm. Das Konzept der ‚Malayness’, das sich während der britischen Kolonialherrschaft entwickelte, veränderte sich in späteren Krisen grundlegend. Die Krisen fanden statt in den Jahren 1946, 1969 und 1998. Sie haben das politische Selbstverständnis der Malaien nachhaltig geprägt.
Das Projekt zielt darauf ab, die Studien von Anthony Milner, Arifin Omar, Joel Kahn und Shamsul A. B. aufzugreifen und fortzuführen. In erster Linie wird die Genese der britischen Konstruktion von ‚Malayness’ durch die Briten detailliert untersucht, ebenso wie die anschließende Konstruktion des Konzepts durch malaiische Eliten von 1957 bis heute. Die Ergebnisse des Projekts werden entsprechend über den Einfluss britischer Konstruktionen malaiischer Identität Auskunft geben und über die Entwicklung des Konzepts ‚Melayu’ im Kontext des Nation-Building in Malaysia informieren.


2. Das Konzept 'Melayu'

Aspekte der Genealogie des Begriffs ‘Melayu’ wurden bereits in  der Fachliteratur beschrieben. Die historische Umsetzung in politischen und sozialen Prozessen kann indes noch besser geprüft werden. Die Bausteine für diese Zielsetzung finden sich wiederum in den Studien von Anthony Milner, Ariffin Omar, Joel Kahn und Shamsul A. B.
Das Teilprojekt grenzt sich vom Projekt Robert Hefners ab (Universität Boston, siehe Hefner 2001), indem es den Fokus nicht a priori auf ‚demokratische Weiterentwicklung’ oder ‚inklusive Partizipation’ legt. Der Fokus liegt stattdessen auf historischen Untersuchungen der malaiischen politischen Kultur und des dazugehörigen Diskurses.
Milner hat zwei grundlegende Studien, die sich mit der malaiischen Repräsentation der politischen Sphäre auseinandersetzen, präsentiert. In seinem Buch Kerajaan (1982) rekonstruiert er die malaiische Weltanschauung indem er malaiische Chroniken untersucht. Er beschreibt, wie die Weltanschauung auf den Begriff ‚Kerajaan’, als spezielle Form der zentralisierten polity’ oder als ‚Organisationsprinzip’, ausgerichtet war.

Seine darauf folgende Studie The Invention of Politics (1994) führt die Betrachtungen in der Kolonialzeit fort. Durch den Druck des Kolonialstaates und des reformistischen Islams nahm die Bedeutung von ‚Kerajaan’ ab und wurde durch das ‚bangsa’-Konzept ersetzt. Die Bedeutung von ‚bangsa’ war Gegenstand der Diskussionen zwischen Briten und führenden malaiischen Intellektuellen. Dadurch wurde ‚bangsa’ oder ‚bangsa melayu’ zu einem weit verbreiteten, politischen Begriff.
Die politische Geschichte der ersten Nachkriegsjahre von Ariffin Omar (1993) identifiziert weiterhin eine Identitätskrise und auch eine weitere Politisierung des Konzepts der ‚bangsa melayu’. Diese Entwicklung war verbunden mit der Frage, wer als Bürger des zukünftigen unabhängigen Nationalstaates akzeptiert werden sollte.
Joel Kahns Studie durchleuchtet hingegen die Konstruktion von ‚Malayness’ in der aktuellen politischen Kultur Malaysias und die Versuche des Ausgleichs mit einer sich modernisierenden Gesellschaft und wachsendem islamischen Bewusstsein. In Verbindung damit kann mit Blick auf die malaiische ‚Kulturindustrie’ ein gewisser Neo-Traditionalismus und eine Rückkehr zu den Elementen von ‚Kerajaan’ festgestellt werden.
Diese Arbeiten und die Arbeiten von Shamsul A. B. heben die ‚intellektuelle’ oder ‚ideologische’ Arbeit hervor, die solche Repräsentationen beinhalten. Dadurch informieren sie auch eine Diskussion über die zukünftigen Herausforderungen.


3. Kernfragen

Die zentrale Frage des Projekts ist: Wie prägte die politische Repräsentation von ‚Melayu’ die soziale Ordnung auf der malaiischen Halbinsel seit 1900? Das Vorhaben umfasst Folgendes:
  • In der historischen Studie wird die Entwicklung der Repräsentation von Ethnizität als Teil der malaiischen politischen Kultur betrachtet. Politische Kultur wird verstanden als der kulturbasierte Diskurs über Kernelemente des politischen Bewusstseins. Dazu zählen besonders jene Kernelemente, die damit verbunden sind, wie und von wem Macht ausgeübt wird. Dieser Diskurs findet zwischen politischen Institutionen, Bürgern und anderen Akteuren statt.
  • In einer ersten Phase konzentrieren sich die Untersuchungen auf die Malaien, da diese Gruppe die nationale Politik dominiert und damit auch die Repräsentation des politischen. In einer geplanten zweiten Phase soll sich die Aufmerksamkeit auf die Chinesen in Malaysia richten. Da diese Gruppe im modernen Sektor der nationalen Wirtschaft verankert ist, werden die Untersuchungen eine politisch-ökonomische Perspektive einnehmen. In einer geplanten dritten Phase wird ein integrativer Ansatz verfolgt, der auch die Rolle der Inder, der ‚orang asli’ und weiterer Gruppen thematisieren wird.
  • Die gewählte historische Periode gibt Gelegenheit zu verfolgen wie sich Repräsentationen von ‚Melayu’, beginnend mit der Kolonialperiode über den Nationalismus und die Unabhängigkeit bis hin zu den Herausforderungen der gegenwärtigen Phase der Globalisierung, entwickelt haben. Die Periode beinhaltet verschiedene politische Krisen und Bruchlinien (beispielsweise 1946, 1957, 1969, 1998). Diese ‚kritischen Ereignisse’ werden bezüglich ihres Einflusses auf die Repräsentationen von Melayu untersucht werden.
  • Das Teilprojekt versucht auch den Nexus zwischen der Konstruktion der Bedeutung von ‚Malayness’ und der Implementierung während der Entstehung oder Modifizierung sozialer Ordnung in Malaysia zu erforschen.


Lehrstuhl Prof. Dr. Vincent Houben

Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Dr. Deborah Ann Johnson

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