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| zur türkischen Projektbeschreibung
Verwandtschaft als Repräsentation sozialer Ordnung und soziale Praxis: Kulturen der Zusammengehörigkeit im Kontext sozialer und reproduktionsmedizinischer Transformationsprozesse
Teilprojektleiter: Prof. Dr. Stefan Beck und Dr. Michi Knecht Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen: Dr. Nevim Çil und Maren Klotz Studentische Mitarbeiterinnen: Feray Halil und Markus Quetsch Ehemalige Mitarbeiterinnen: Dr. Sabine Hess, Dr. Cristina Palli y Monguilod, Dr. des. Asiye Kaya
Das Projekt untersucht in Form von vergleichenden ethnographischen Fallstudien in der Türkei und in Deutschland, wie Verwandtschaftlichkeit in Beziehungen und Netzwerken hergestellt und gedeutet wird, die durch die Nutzung von In-Vitro-Fertilisation (IVF, ICSI, Ei- und Samenspenden) oder durch Adoption zustande gekommen sind. Unter Verwandtschaftlichkeit werden dabei die Verbindungen, Regeln und Grenzen solidarischen Verhaltens und die Formen familiären Zusammenhaltes verstanden, die in symbolischen, narrativen und rituellen Praxen und Repräsentationen artikuliert werden. Untersucht wird damit eine Ordnung des Sozialen, die unterhalb oder neben staatlichen Ordnungen existiert und teilweise komplementär zu moderner, nationalstaatlicher Sozialität, teilweise aber auch als Gegenmodell zu spezifisch modernen Formen des Sozialen konzipiert wird. Verwandtschaft definiert Generationen und Identitäten, reguliert und bestimmt soziale Zugehörigkeiten und Exklusionen. Verwandtschaft ermöglicht und strukturiert Vorstellungen über Herkunft und Heredität, Vergangenheit und Zukunft und trägt damit entscheidend zur Konstitution und Dynamik gesellschaftlicher Prozesse bei. Dabei stellt sie in unterschiedlichen Kulturen nicht nur ein formales Klassifikationssystem sozialer Beziehungen dar, Verwandtschaft ist vielmehr als „strukturierende Struktur“, als Erzeugungsprinzip von Inszenierungen, Praxisformen, Identitäten, Mentalitäten und sozialen Formen anzusehen. In europäischen und westlichen Gesellschaften wird Verwandtschaft gemeinhin als „biologisch-soziale Doppelnatur“ begriffen, als natürliche Tatsache, die sozial und kulturell ge- und überformt wird. Dieser von Substanz (Blut, Genen) und Code (langanhaltender, diffuser Solidarität) regulierte biologisch-soziale Ordnungszusammenhang wird gegenwärtig jedoch sowohl durch soziale Transformationen als auch durch neue reproduktionsmedizinische Optionen und genetisches Wissen radikal in Frage gestellt.
Das Forschungsprojekt fragt danach, wie in Verwandtschaftsnetzen auf diese Veränderungen konzeptionell wie auch pragmatisch reagiert wird; welche neuen oder alten Balancen sich zwischen verwandtschaftlichen und außerverwandtschaftlichen Formen von Solidarität und Vertrauen ergeben; und welche Muster der Zugehörigkeit und Exklusion sich entwickeln. Die ethnographischen Daten werden durch teilnehmende Beobachtung sowie auf der Grundlage multipler, biographisch und narrativ angelegter Interviews erhoben. Dabei werden der Vergleich von Verwandtschaftsnetzwerken in unterschiedlichen soziokulturellen Kontexten und die Untersuchung von Transfers (von Wissen, Deutungsmustern und sozialen Praxen) innerhalb transnationaler Netze kombiniert. Durch die ethnographische Begleitung einzelner Familien und Verwandtschaftsnetzwerke über mehrere Jahre – idealer Weise über einen Zeitraum von bis zu zwölf Jahren – wird ein einzigartiger, qualitativer Datensatz erzeugt, der einerseits kurzfristigen kulturellen Wandel abbildet und andererseits die Implikationen von Reproduktionstechnologien und alten wie neuen Formen der Adoption auf Alltagspraxen und -konzepte in einer Langzeitstudie empirisch verfolgt.
Teilprojektleiter: Prof. Dr. Stefan Beck (Professor am Institut für Europäische Ethnologie Humboldt-Universität) Dr. Michi Knecht
Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen: Dr. Nevim Çil Maren Klotz
Ehemalige Mitarbeiterinnen: Dr. Sabine Hess Dr. Cristina Palli y Monguilod Dr. des. Asiye Kaya
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