Das Projekt "Von Menschen, Mücken, Ratten: Gesundheit und Moderne an der sowjetischen Peripherie, 1929-1953" untersucht stalinistische Herrschaft im sowjetischen Vielvölkerreich. Es beschreibt den Versuch, mit Mitteln der Biopolitik eine europäisch informierte Moderne in einem außereuropäischen Kontext zu erschaffen. Untersucht wird die Bekämpfung endemischer und epidemischer Krankheiten in den Jahren 1929 bis 1953 in der Sowjetrepublik Aserbaidschan. Das Projekt geht davon aus, dass der Kampf des Staates gegen Malaria und Pest zwei Ziele hatte. Erstens sollte die Natur dem Menschen unterworfen werden. Zweitens sollte bei den Menschen ein nachhaltiger Bewusstseinswandel herbeigeführt werden. Die Praktiken, die dabei staatlicherseits angewendet wurden, lassen sich als Zeremonielle Pädagogik interpretieren. Das Projekt beschreibt zunächst die intellektuellen Grundlagen der bolschewistischen Gesundheitspolitik an der muslimischen Peripherie. Diese wurden schon im Zarenreich gelegt und waren westlich informiert. Sodann wird der Aufbau der Institutionen des Gesundheitswesens nachvollzogen. An der muslimischen Peripherie war ab den 1930er-Jahren ein gewaltiger Institutionalisierungsschub zu beobachten. Schließlich werden kulturelle Praktiken vorgestellt, die der sowjetische Staat entwickelte um die endemische Malaria zurückzudrängen und immer wieder auflodernde Pestepidemien zu kontrollieren. Dabei treten die Konturen einer biopolitischen Moderne zutage, die spezifisch sowjetisch war: In der Vorstellung der Bolschewiki waren Natur und Mensch fast unbegrenzt formbar, Widerständen wurde mit Gewalt begegnet.