Die Säkularisierung von Repräsentationen sozialer Ordnung im frühneuzeitlichen Schulbuch
Stefan Ehrenpreis
1. Das Schulbuch als Medium der Repräsentation
Bezogen auf das Erziehungs- und Schulwesen verbindet man mit dem Begriff der Säkularisierung die Verstaatlichung des öffentlichen Erziehungswesens im Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft in Europa um 1800. Die Schulreformen, die im Alten Reich im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts die aufgeklärten Erziehungsideen umsetzten und ein staatliches Schulsystem schufen, sind das Paradebeispiel für die Herauslösung des Bildungswesens aus der Hand der Kirche: Die Säkularisierung der Erziehung drückt sich im Vorgang der Säkularisation aus.
In der Forschung ist diese ältere, aber gleichwohl nach wie vor einflussreiche Sicht von zwei Positionen aus in Frage gestellt worden: Zum einen hat die Pilotstudie Wolfgang Neugebauers gezeigt, dass selbst für einen zentralstaatlich starken Territorialstaat wie Brandenburg-Preußen von einer kompletten „Verstaatlichung“ des Schulwesens bis weit ins 19. Jahrhundert hinein keine Rede sein kann, sondern intermediäre Gewalten (Adel und Kirchen) erheblicher Einfluss verblieb (Neugebauer 1985). Zum andern ist in einer wachsenden Zahl von Studien auf die Abhängigkeit der aufgeklärten Schulreformen von älteren pädagogischen Vorstellungen und Erziehungspraktiken in vielen europäischen Ländern verwiesen worden (Schmale/Dodde 1991). Für die allgemeine Säkularisierungsdiskussion heißt dies, ähnlich wie auch für andere gesellschaftliche Bereiche, nach Säkularisierungen vor dem Vorgang der Säkularisation zu fragen.
Im Kontext der Problemstellung unseres Teilprojekts A3 ist zu fragen, inwieweit in der Zeit der kirchlichen Schulaufsicht säkularisierte Weltbilder und Ordnungsmodelle im Unterrichtsgeschehen Platz griffen, welche Akteure dies unterstützten bzw. hinderten und durch welche mediale Vermittlung dies geschah. Die Repräsentationen von Mensch, Gesellschaft und Natur stehen im Mittelpunkt der Frage nach der Weitergabe tradierter bzw. neu geschaffener Normen und Verhaltensweisen. Da quellenbedingt nur wenig über das frühneuzeitliche Unterrichtsgeschehen überliefert ist (Ausnahme: Egodokumente), stellt mein Untersuchungsfeld das frühneuzeitliche Schulbuch in den Mittelpunkt. Es kann einerseits inhaltlich und medial analysiert werden, andererseits beschreiben die Schulbuchautoren oft in den Vorworten ihre Problemsichten, Intentionen und pädagogische Grundideen, die ebenfalls etwas über den Unterricht aussagen. Das frühneuzeitliche Schulbuch wird so zur multiperspektivischen Quelle.
Ein bereits bekanntes und gut erforschtes Phänomen stellt die Verwendung antiker Texte als Schulbücher für den Unterricht an den humanistischen Gymnasien und städtischen Lateinschulen dar. Von den Theologen, die für die Schulen Verantwortung trugen, wurde seit dem 16. Jahrhundert diskutiert, ob solche heidnischen Texte im Unterricht verwendet werden dürften und ob sich einige Autoren erzieherisch weniger gut eigneten. Die Argumente dieser Debatte sind bekannt und können analysiert werden. Weitgehend unbekannt ist aber die Ebene der muttersprachlichen Schulbücher, sowohl der Elementarschulen als auch der so genannten „gemischten Schulen“, die im 17. Jahrhundert Fremdsprachen, Geographie, Geschichte und naturwissenschaftliche Realienkunde anboten. Schulbücher für die letztgenannten Schultypen stehen im Mittelpunkt meiner Untersuchung. Säkularisierung im Schulbuch wird damit als ein Massenphänomen in den Blick genommen, das nicht nur eine kleine Elite betraf. Da sich im Münchener SFB „Pluralität und Autorität“ schon eine Arbeitsgruppe mit frühneuzeitlichen Tabellenwerken und verwandten Formen beschäftigt, wurden solche Medien von der Untersuchung ausgeschlossen.
Inhaltlich stehen Fragen der Darstellung göttlicher versus innerweltlicher Legitimation von Mensch und Kosmos im Vordergrund. Im langfristigen Wandel der Repräsentationen ist besonders auf den Zusammenhang von religiös-konfessionellen Bewegungen und der Wissenschaftsentwicklung zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert zu achten. Wann und in welchem Ausmaß halten Darstellungen der Ordnung von Natur Einzug im Schulbuch? Wie wird das Verhältnis von göttlicher Offenbarung, christlicher Moral und sozialen Verhaltensstandards der Ständegesellschaft beschrieben? Werden Ausdifferenzierungen gesellschaftlicher Subsysteme (z.B. Verhältnis Staat-Kirche) dargestellt und diskutiert? Wann tauchen neue anthropologische Bestimmungen in Beschreibungen des Menschen auf? Wie wird das Spannungsverhältnis von humanistischer Geschichtsphilosophie und religiöser Offenbarung behandelt? Wie werden nichtchristliche Gesellschaften dargestellt?
2. Die Produktion und Verwendung von Schulbüchern in der Frühen Neuzeit
Die Forschung hat sich bisher – von Teilbereichen wie der Untersuchung der Sprachgrammatiken und der theologiegeschichtlichen Katechismusforschung einmal abgesehen – mit dem frühneuzeitlichen Schulbuch kaum beschäftigt (Fertig 2003). Für mein Untersuchungsfeld waren deshalb im ersten Jahr zunächst einige Grundlagen zu legen. Dies betraf vor allem die Produktion und Verteilung der verschiedenen Arten von Schulbücher, die im Alten Reich verwendet wurden. Dabei lassen sich deutlich Phasen unterscheiden: während in der Reformationszeit neben der humanistischen Lektüre für die höheren Schulen besonders die Katechismusproduktion anstieg (bei den Katholiken mit Verzögerung), kamen im 17. Jahrhundert neue Schulbuchtypen auf. Für die höheren Schulen und die Privatlektüre waren dies vor allem illustrierte Sachbücher zu allen Bereichen der Natur, der Geographie und der Geschichte. Für den Elementarbereich lässt sich die Verbreitung der ABC-Fibeln, der Rechenbücher und einfacher illustrierter Bibelauszüge feststellen; beide Typen wurden in billiger Massenproduktion hergestellt.
Im Textkorpus lassen sich nach meinen derzeitigen Forschungen für den Elementarbereich wichtige Veränderungen feststellen: so treten in den Katechismen beider Konfessionen die an die meist dialogisch aufgebauten Haupttexte angehängten Morallehren (bei Luther „Haustafeln“ genannt) im 17. Jahrhundert zurück und werden durch konfessionell geprägte Grundtexte ersetzt, z.B. die jeweilige Kirchenordnung etc. Zusätzlich werden jedoch Frömmigkeitsformen eingeübt, z.B. anlassbezogene Gebete aufgenommen, die Bezug auf den Lebensalltag der Kinder haben. Im katholischen Raum waren die Entwicklungen ähnlich, allerdings waren hier die Katechismen wesentlich stärker auf die Ausgaben von Canisius und Bellarmin konzentriert und daher die Spannbreite der Produktion geringer. Erst im 18. Jahrhundert gingen die deutschen Bistümer - wie in Frankreich schon seit dem 17. Jahrhundert - den Weg eigener zusätzlicher Katechismusausgaben.
Eine europäische Besonderheit stellen die deutschen ABC-Fibeln dar, die dem Lesenlernen dienten. Während z.B. in England das ABC im Anhang mit dem Katechismus verbunden war („ABC with the catechism“; Green 1996), dessen Gebrauch von der Anglikanischen Kirche vorgeschrieben wurde, entstanden im deutschsprachigen Raum vom Katechismus getrennte ABC-Bücher, deren Inhalt keine religiösen Kenntnisse vermittelte. Im späten 17. Jahrhundert kommen in allen Konfessionen zusätzliche kleine Flugschriften mit Frömmigkeitsanleitungen hinzu, die gleichzeitig in Schule und Katechese gebraucht werden. Bestes Beispiel hierfür ist die weit verbreitete Produktion der Waisenhausdruckerei der Francke’schen Anstalten, deren Konzeption von mir momentan archivalisch bearbeitet wird.
Die Produktion und Verteilung der Schulbücher war zwar ein von den Druckereien vorgenommener Prozess, der aber von territorialhoheitlichen Stellen (Regierung, Landeskonsistorien, Bischöfe) beeinflusst und kontrolliert wurde. Vor allem in der Hochphase der Konfessionalisierung 1570-1620 folgte aus der konfessionellen Konkurrenz eine genaue Aufsicht über die verwendeten Schulbücher, insbesondere die Katechismen. Hier lassen sich auch direkte Eingriffe feststellen, etwa indem einzelne Fürsten ihre Theologen mit der Ausarbeitung eines Katechismus beauftragten und die Verwendung durch Abnahmepflichten der Schulen beim Drucker erzwungen wurde. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kam es aber zu einer Verwischung der Grenzen zwischen Schulbuch und Privatlektüre, da neben den Katechismen zunehmend ABC-Fibeln und Sachbücher verwendet wurden, die der Schulmeister aussuchte und die in den gedruckten Schulprogrammen für höhere und „gemischte“ Schulen verzeichnet wurden. Hier wurde in popularisierter Form die Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der frühneuzeitlichen Naturwissenschaft betrieben. Mit der Produktion wurde aber auch Wirtschaftspolitik gemacht, etwa als der Markgraf von Ansbach 1652 verbot, Schulbücher aus der Reichsstadt Nürnberg zu kaufen, obwohl beide Territorien eine einheitliche Kirchenordnung verband. Diese Entstehungskontexte, aber auch die Preisgestaltung und Distribution der Schulbücher bilden den Erklärungsrahmen für ihre inhaltliche Analyse.
3. Visualität als Schlüssel der Untersuchung
Den Einsatz von Visualität verstehe ich als einen Schlüssel für die Erschließung von frühneuzeitlichen Repräsentationen (in meinem Untersuchungsgebiet: für den Vermittlungsgehalt der Schulbücher). Von kunsthistorischer Seite ist von barockem Aufstieg und aufgeklärtem Niedergang der visuellen Bildung gesprochen worden (Stafford 1998). Dies lässt sich sowohl auf der Ebene der privaten populären Sachbücher als auch von den eigentlichen Schulbüchern sagen. Die ABC-Bücher, die nach der Lautiermethode den Buchstabenlaut durch einen Tierlaut darstellten, enthielten in ihrem Bildprogramm zahlreiche Illustrationen, die die Alltagserfahrung eines mitteleuropäischen Kindes überstiegen und fremde Welten symbolisierten (Teistler 2003). Die reich illustrierten Bibelauszüge brachten zahlreiche Abbildungen, die den christlichen Glauben und soziale Verhaltensweisen darstellten und interpretierten. Die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstehenden realienkundlichen Schulbücher - das bekannteste ist der „Orbis pictus“ des Comenius von 1657 - erweiterten den Horizont, der im Schulbuch vertreten war. Diese visuellen Vermittlungsmedien sind im weiteren Verlauf des Forschungsprojekts unter Heranziehung der zeitgenössischen pädagogischen Diskussion einer genauen Analyse zu unterziehen. Das Beispiel des Comenius zeigt, welche überraschenden Rückverweise sich hier ergeben können: Detailanalysen zur Druckproduktion in Nürnberg ergaben, dass das Bildprogramm des „Orbis pictus“ zu wesentlichen Teilen auf ein Werk eines Theologen von 1570 zurückgeht und damit auf die Konfessionalisierung verweist.
Hinweise auf die pädagogische Diskussion um den Einsatz visueller Mittel sind aus der Emblemforschung bekannt (Leidener Emblematik-Projekt, Porteman 2000) und werden von mir systematisch in Beziehung zum vorhandenen Schulbuchmaterial gebracht. Die für den deutschsprachigen Raum gewonnen Ergebnisse werden abschließend mit dem z.T. erheblich fortgeschritteneren europäischen Forschungsstand verglichen.
4. Quellen
Archivalische Bestände zur Produktion und Verwendung von Schulbüchern finden sich in Nürnberg (Staatsarchiv) und Halle (Archiv Francke’sche Stiftg.) für den protestantischen und in Köln (Stadtarchiv) und Speyer (Landeshauptarchiv) für den katholischen Raum. Schulbuchmaterialien finden sich in den Sammlungen von Kinderbüchern in den Staatsbibliotheken in Berlin und München, der HAB Wolfenbüttel, dem Germanischen Nationalmuseum und der Stadtbibliothek Nürnberg, der Jugenbuchbibliothek Schloss Blutenburg bei München und der Bibliothek für bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin.
5. Literatur
Stefan Ehrenpreis: Reading Materials and Visuality: Religion and Educational Models of Early modern Europe. In: Religious Ceremonials and Images: Power and Social Meaning, ed. by Josè Pedro Paiva, Coimbra 2002, S. 303-313.
Enseigner le catéchisme: autorités et institutions, XVIe-XXe siècles, ed. par Raymond Brodeur et Brigitte Caulier, Saint Nicolas 1997.
Ludwig Fertig: Buchmarkt und Pädagogik 1750-1850. Eine Dokumentation. In: Archiv für die Geschichte des Buchwesens 57 (2003), S. 1-145.
Ian Green: The Christian’s ABC: catechisms and catechizing in England 1530-1740, Oxford 1996
Dominique Julia: Livres de classe et usage pédagogiques. In: Histoire de l’edition francaise, ed. par Roger Chartier. Tome II: Le livre triomphans 1660-1830, Paris 1984, S. 468-497.
Kinder- und Schulbibeln. Probleme ihrer Erforschung, hg. von Gottfried Adam, Göttingen 1999.
Wolfgang Neugebauer: Absolutismus und Schulwirklichkeit in Brandenburg-Preußen, Berlin 1985.
Cornelia Niekus-Moore: The Maiden’s Mirror. Reading materials for girls in the Sixteenth and Seventeenth Centuries, Wiesbaden 1987 (Wolfenbütteler Forschungen 36).
Dietmar Peil: Zur „angewandten Emblematik“ in protestantioschen Erbauungsbüchern. Dilherr – Arndt – Francisci – Scriver, Heidelberg 1978.
Karel Porteman: The Use of the Visual in Classical Jesuit Teaching and education. In: Paedagogica Historica 36 (2000), S. 179-196.
Revolution des Wissens? Europa und seine Schulen im Zeitalter der Aufklärung (1750-1825), hg. von Wolfgang Schmale und Jan Dodde, Bochum 1991.
Barbara Stafford: Kunstvolle Wissenschaft. Aufklärung, Unterhaltung und der Niedergang der visuellen Bildung, Amsterdam/Dresden 1998.
Gisela Teistler: Fibel-Findbuch: „Fi-Fi“. Deutschsprachige Fibeln von den Anfängen bis 1944, eine Bibliographie, Osnabrück 2003.
Willem Verboom: De catechese van de Reformatie en de Nadere Reformatie, Amsterdam 1987.