Sonderforschungsbereich 640
Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel
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Ruth Schilling (geb. Simon)

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Sonderforschungsbereich 640 (SFB 640) – TP A3
Sitz: Mohrenstr. 40/41 Raum 115
Tel.: +49 30 / 2093-4748
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Email: ruth.schilling@staff.hu-berlin.de
Email: ruthschilling@gmx.de

Teilprojekt A3 "Sakrale und säkulare Repräsentationen im frühneuzeitlichen Europa"

Lebenslauf

  • Geboren am 16. Juli 1976 in Berlin, verheiratet, ein Kind
Forschungsschwerpunkte
  • Herrschaftliche Selbstdarstellung in den Stadtrepubliken Venedig, Hamburg, Bremen und Lübeck.
  • Politische und religiöse Legitimation der französischen und dänischen Monarchie von der Mitte des 17. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts

Wissenschaftlicher Werdegang

  • 2007            Abschluss der Dissertation "Politische Ordnungsvorstellungen im Ritual – die                      Selbstdarstellung Venedigs und der Hansestädte Bremen, Hamburg und Lübeck                      um 1600"
  • 2003-2005   Aufenthalte am Centro Tedesco di Studi Veneziani e.V. in Venedig
  • 2001            Abschluss der Magisterprüfung
  • 1997-1998   Auslandssemester an der University of Leicester (Großbritannien)
  • 1995-2001   Studium der Neueren/ Neuesten Geschichte, der Alten Geschichte und der
                        Graezistik an der Humboldt-Universität zu Berlin
  • 1982-1995   Schulbesuch und Abitur an der Erich-Hoepner-Oberschule in Berlin

Beruflicher Werdegang

  • Seit 2005      Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sonderforschungsbereich 640                                        „Repräsentationen sozialer Ordnung im Wandel“
  • 1997-2001    Tätigkeit als Tutorin am Lehrstuhl für Alte Geschichte der Humboldt-Universität                       zu Berlin
  • 1998             Tätigkeit als wissenschaftliche Praktikantin am Deutschen Historischen Institut in
                         Paris
  • 1998             Praktikum beim wissenschaftlichen Springer-Verlag
  • 1996             Aufenthalt in Kasachstan als Reisestipendiatin der Körber-Stiftung

Förderung

  • 2003-2005   Stipendiatin des Centro Tedesco di Studi Veneziani e.V.
  • 2001-2005   Stipendiatin des Evangelischen Studienwerks Villigst e.V.
  • 1996-2000   Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes

Sprachkenntnisse

  • Englisch          (sehr gut in Wort und Schrift)
  • Französisch    (sehr gut in Wort und Schrift)
  • Italienisch      (sehr gut in Wort und Schrift)
  • Russisch         (Grundkenntnisse)
  • Latinum
  • Graecum

Publikationen

  • (in Vorbereitung) in Zusammenarbeit mit Julian Jachmann, ‚Repräsentation’ – Terminologische Hürden und Potentiale im Grenzbereich von Kunstwissenschaft und Geschichte
  • (im Druck) in Zusammenarbeit mit Matthias Pohlig, Ute Lotz-Heumann, Vera Isaiasz, Heike Bock und Stefan Ehrenpreis, Säkularisierungen in der Frühen Neuzeit. Methodische Probleme und empirische Fallstudien, erscheint voraussichtlich 2008.
  • in Zusammenarbeit mit Susann Baller, Michael Pesek und Ines Stolpe, Einleitung, in: Dies. (Hg.), Die Ankunft des Anderen. Repräsentationen sozialer und politischer Ordnungen in Empfangszeremonien (= Eigene und fremde Welten, Bd. 5), Frankfurt a.M. 2008, S. 11-34.
  • Kommunikation und Herrschaft im Moment der Ankunft: Ein Empfang in Moskau (1603) und eine Audienz in Versailles (1686), in: Baller, Susann. u.a. (Hg.), Die Ankunft des Anderen. Repräsentationen sozialer und politischer Ordnungen in Empfangszeremonien (= Eigene und fremde Welten, Bd. 5), Frankfurt a.M. 2008, S. 135-151.
  • Die ganze Stadt und die Christenheit? Feiern und Gedenken an die Schlacht von Lepanto im frühneuzeitlichen Venedig und Rom, in: Isaiasz, Vera u.a. (Hg.), Stadt und Religion in der frühen Neuzeit. Soziale Ordnungen und ihre Repräsentationen (= Eigene und fremde Welten, Bd. 4), Frankfurt/ New York 2007, S. 103-124.
  • Grammatiken der Repräsentation: Die Sichtbarkeit der Zünfte in venezianischen und hansestädtischen Bild- und Textquellen um 1600, in: Schmidt, Patrick/ Carl, Horst (Hg.), Stadtgemeinde und Ständegesellschaft. Formen der Integration und Distinktion in der frühneuzeitlichen Stadt (= Geschichte. Forschung und Wissenschaft, Bd. 20), Münster u.a. 2007, S. 72-105.
  • Osmanische ‚Bedrohung’, ‚christliche Identität’? Konfessionelle und politische Repräsentationen von Gruppenzugehörigkeit in den Reaktionen auf den Sieg von Lepanto in Venedig um 1600, in: Dartmann, Christoph/ Meyer, Carla (Hg.), Identität und Krise? Zur Deutung vormoderner Selbst-, Welt und Fremderfahrungen (= Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme) Münster 2007, S. 137-154.
  • Asserting the Boundaries: Defining the City and its Territory by Political Ritual, in: Emden, Christian/ Keen, Catherine/ Midgley, David (Hg.), Imagining the City, Vl. 2: The Politics of Urban Space (= Cultural History and Literary Imagination, Bd. 8), Oxford u.a. 2006, S. 87-106.
  • Erinnerungskultur zwischen Kloster und Stadt. Rituelle Nutzung und visuelle Gestaltung des Baukomplexes der Kirche von San Zaccaria im frühneuzeitlichen Venedig, in: Rosseaux, Ulrich/ Flügel, Wolfgang/ Damm, Veit (Hg.), Zeitrhythmen und performative Akte in der städtischen Erinnerungs- und Repräsentationskultur zwischen Früher Neuzeit und Gegenwart, Dresden 2005 (= Bausteine aus dem Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde, Bd. 6), S. 51-68.
  • Rezensionen und Tagungsberichte in: „Zeitschrift für Geschichtswissenschaften“, „Italienisch. Zeitschrift für italienische Sprache und Kultur“, „Sehepunkte“ und „H-Soz-U-Kult“.

Lehrveranstaltungen

  • WiSe 2007/2008   Proseminar (in Zusammenarbeit mit Heike Bock): „Republiken und                               Republikanismus in der Frühen Neuzeit: Venedig, Niederlande und die                                  Eidgenossenschaft im Vergleich“
  • SoSe 2007            Übung: „Politische Rituale in der Frühen Neuzeit“
  • SoSe 2006            Übung (in Zusammenarbeit mit Dr. Arne Karsten):„Einführung in
                                 interdisziplinäre Arbeitstechniken am Beispiel der italienischen
                                 (Kunst-) Geschichte in der Frühen Neuzeit“
  • WiSe 2005/2006   Proseminar (mit Tutorium) „Stadt und Stadtbürgertum im 17. Jahrhundert“
  • 1997 bis 2001      Tutorien in Alter Geschichte

Vorträge und Konferenzen

  • Vortrag und Panel-Mitorganisation beim Zweiten Europäischen Kongress in Welt- und Globalgeschichte „Weltordnungen in der Globalgeschichte“ (Juli 2008)
  • Mitorganisation und Beitrag beim Colloquium “Macht, Repräsentation und Säkularisierung” des SFBs 640, Repräsentationen sozialer Ordnung im Wandel (März 2008)
  • Beitrag mit Tsypylma Darieva und Panelorganisation beim Panel „Institutionen“ der Konferenz „Begegnungsräume“, veranstaltet vom SFB 640 (Dezember 2006)
  • Beitrag beim Panel „Elections and Decision-Making Processes in Early Modern Cities in Comparative Perspective“ während der Eighth International Conference on Urban History: Urban Europe in Comparative Perspective (Ende August 2006)
  • Vortrag bei der Konferenz „Identität und Krise? Konzepte zur Deutung vormoderner Selbst- Fremd- und Welterfahrungen“, veranstaltet vom SFB 496, Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution und der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (Juni 2006)
  • Mitorganisation des Workshops „Säkularisierung“, veranstaltet vom SFB 640, Repräsentationen sozialer Ordnung im Wandel (Dezember 2005)
  • Vortrag und Mitorganisation des Workshops „Die Ankunft des Anderen“, veranstaltet vom SFB 640, Repräsentationen sozialer Ordnung im Wandel (Dezember 2005)
  • Vortrag bei der Tagung „Formen der Integration und Distinktion in der frühneuzeitlichen Stadt“, veranstaltet vom SFB 434, Erinnerungskulturen (Justus-Liebig-Universität Gießen) (April 2005)
  • Vortrag beim Colloquium „Gedenkfeiern-Chronstik-Jubiläen-Stadtmarketing. Zum Wandel städtischer Erinnerungs- und Repräsentationskultur von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“, veranstaltet vom SFB 537, Institutionalität und Geschichtlichkeit (TU Dresden) (Oktober 2004)
  • Vortrag bei der internationalen Konferenz „Imagining the City“ an der University of Cambridge, U.K. (Juli 2004)

Schwerpunkt im Teilprojekt:

Sakralität und Herrschaft im konfessionellen Zeitalter am Beispiel Frankreichs[1]

Ruth Schilling
 

1. Problemstellung [2]

Die Entstehung der Gruppe der politiques im Frankreich der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bildet in politisch-juristisch orientierten Studien zu Prozessen der Säkularisierung eine wichtige Schnittstelle: In den konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Hugenotten habe sich die Vorstellung von einem gewissensfreien, unabhängigen Raum herausgebildet, dessen Existenz ein Ende der inneren Gewalt herbeiführen sollte[3]. Säkularisierung bedeutet in diesem Kontext eine Separierung innerweltlicher Belange von Fragen der Heilsgewissheit, also nicht eine bewusste oder unbewusste Entchristlichung von Weltbildern, sondern ein Ergebnis der konfessionellen Auseinandersetzungen des 16. und 17. Jahrhunderts[4].
 
Die immer wieder festgestellte Vorreiterrolle von Autoren der politischen Theorie des frühneuzeitlichen Frankreichs bei der Konzeption eines genuin politischen, von religiösen Fragen abgekoppelten Raumes scheint zu der auf den ersten Blick archaisch anmutenden Sakralität der französischen Monarchie in Widerspruch zu stehen. Die Sakralität des französischen Königs macht Marc Bloch in seiner klassischen Studie insbesondere an dem königlichen Ritual der bis hin zu Wiederbelebungsversuchen im 19. Jahrhundert praktizierten Skrofelheilung fest[5]. Blochs Paradigma des Sakralkönigtums war sowohl in der französischen als auch in der europäischen Forschungsrezeption so erfolgreich, dass es erst seit einigen Jahren wieder verstärkt Gegenstand von Neubewertungen geworden ist. Die Kritik, die insbesondere Vertreter der deutschen Geschichtswissenschaft an der Bloch-Rezeption äußerten, galt dem Phänomen, dass die Sakralität des französischen Königs gleichsam selbst so sakrosankt geworden war, dass sie als Tatsache akzeptiert und nicht als Repräsentation wahrgenommen wurde. So weist Ivo Engels in seiner Dissertation zu französischen Königsbildern des 18. Jahrhunderts darauf hin, dass das Königsbild, das er zum Beispiel an Bänkelgesängen und Flugschriften untersucht, nicht durch eine besondere Sakralität des Herrschers gekennzeichnet gewesen sei[6]. Aufgrund seiner Quellenanalyse lehnt Engels in seinem Fazit daher die Klassifizierung der französischen Monarchie als einer Form von Sakralkönigtum[7] ab. Zu einem vergleichbaren Ergebnis gelangt Alain Boureau: Ausgehend von einer Analyse der Beschreibungen der Sterbestunden der französischen Könige stellt er fest, dass sie in diesen Augenzeugenberichten nicht als mit einer sakralen Aura umgebene sterbende Herrscher, sondern vorrangig als fromme Christen charakterisiert werden[8]. Diese Einwände weisen darauf hin, dass es sinnvoll ist, die Sakralität des französischen Königs erneut als Untersuchungsgegenstand in den Blick zu nehmen. Hierzu ist ein differenziertes Verständnis von sakraler Herrschaftsrepräsentation nötig. So ist es zum Beispiel hilfreich, sich den prozessualen Charakter des Konzeptes von Repräsentationen vor Augen zu führen. Das führt zu verschiedenen Fragen: Welche Facetten machten die Sakralität des Herrschers aus? Wie und in welchen Momenten wurden diese Facetten diskursiv und rituell ausgehandelt und kommuniziert?
 
Dennoch soll und kann es in dem vorliegenden Projekt nicht um den Versuch gehen, eine generelle Neubewertung des Paradigmas des französischen Sakralkönigtums anzugehen. Vielmehr ist das Ziel eine Verbindung der hier skizzierten, auf den ersten Blick widersprüchlich anmutenden Forschungs- und Paradigmenstränge, nämlich der Vorreiterrolle Frankreichs bei der Entstehung des Konzepts eines säkularisierten Staates einerseits und der lange andauernden Vorstellung von christlich begründeten sakralen Fähigkeiten des französischen Herrschers andererseits. Die Entwicklungen in der politischen Theorie sind als Konsequenz der konfessionellen gewaltsamen Auseinandersetzungen der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts anzusehen. Weitgehend ungeklärt ist die Frage, ob die Trennung von Religion und Politik, die hier stattfand, sich auch mit der Genese einer spezifisch politischen Repräsentation verband. Diese ist in dem vorliegenden Fall immer mit der monarchischen Herrschaftsrepräsentation verbunden. Denkbar wäre etwa neben einer Beschränkung des Königs auf seine politisch-rechtlichen Funktionen auch eine Verstärkung seiner sakralen Repräsentation im Sinne einer überkonfessionellen religiösen Symbolik. Es geht also im vorliegenden Projekt darum, zwei Konzepte von Säkularisierungen miteinander zu verbinden, nämlich der durch Makroprozesse in Gang gesetzten Trennung von Religion und Politik und der damit eventuell verbundenen Wandlung von Repräsentationen.
 

2. Methodische Überlegungen

Zu Beginn meiner Quellenrecherchen bin ich zunächst der Frage nachgegangen, in welchen Kontexten und in welcher Qualität der französische König mit Gott in Zusammenhang gebracht wird. Unter den Begriff "Sakralität" subsumiere ich dabei alle diejenigen Zuschreibungen, die seine Person in den Augen der Zeitgenossen von anderen Christen unterschieden.
Dabei haben sich folgende Schwerpunkte herauskristallisiert:
-         Die Heilfähigkeiten. In welcher Weise werden diese begründet und beschrieben? Die sakralen Fähigkeiten Heinrichs IV. waren zum Beispiel deswegen umstritten, weil er aufgrund der Bürgerkriegssituation in Frankreich zur Zeit seiner Krönung nicht in Reims gesalbt und gekrönt werden konnte[9]. Heinrich IV. freundlich gesonnene Autoren verlegten sich daher darauf, exakte Beschreibungen seiner Heilungen zu geben. Allein in dem Versuch, diese Ereignisse mit möglichst wissenschaftlichem Vokabular zu umschreiben, boten die jeweiligen Autoren wiederum Angriffspunkte für Kritik. Ihre Beschreibungsmuster des Geschehens lassen sich als Indizien für kontingente, gleichsam gegen ihren Willen einsetzende Wandlungen von Repräsentationen sozialer Ordnung lesen[10]. Hersteller und Rezipienten dieser Repräsentationen trugen dazu bei, dass die sakralen Heilfähigkeiten zum Gegenstand von kritischer Kommunikation wurden und sie somit als Teil einer fest institutionalisierten Herrschaftslegitimation erodierten.
-         Die Verbindung von Sakralität und Dynastie. Viele Autoren geraten durch die enge Verknüpfung der sakralen Fähigkeiten an den Akt der Krönung in einen Widerspruch zu dem vor allem dynastisch begründeten Herrschaftsanspruch der königlichen Familie. Werden die sakralen Fähigkeiten des Herrschers erst im Zeremoniell verliehen oder noch einmal die schon bei seiner Geburt vorhandenen Kräfte verstärkt? Um diesen Konflikt zu umgehen, betonen die dem Königshaus wohlwollend gesinnten Autoren die besondere Qualität des königlichen Blutes. Hier lassen sich Säkularisierungstendenzen in einer Langzeitperspektive beobachten. Für Heinrich IV. war es gleichsam eine sich zwischen Skylla und Charybdis bewegende Strategie, zwischen einer Begründung seiner Sakralität aufgrund seiner (angreifbaren) Krönung oder seiner dynastischen (gleichfalls angreifbaren) Legitimation zu entscheiden. Den hier angelegten Wettstreit zwischen zwei Repräsentationen gewann auf Dauer das Argument der besonderen, mit dem königlichen Blut verbundenen Fähigkeiten, so dass es zu einem der beliebtesten Herrschaftstopoi unter Ludwig XIV. wurde. Im Gegensatz zum sacre war das dynastische Element nicht angreifbar und erwies sich im Vergleich als eine stabilere Komponente der Herrschaftssicherung. Gleichzeitig ging damit aber auch wiederum eine Schwerpunktverlagerung von einer auf einem Ritual begründeten Sakralität zu einer gleichsam im natürlichen Wesen des Königs verankerten Sakralität einher.
-         Die christliche Obrigkeit. Auch die französische Herrschaftslegitimation griff auf nicht spezifisch französische Elemente des europäischen Symbolhaushalts zurück, die ein gutes Regiment mit dem Wohl für das Seelenheil der Untertanen begründete. Hier geht es mir darum, in einer Verbindung aus Langzeitperspektive und Einzelfalluntersuchungen die Konjunkturverhältnisse dieser Argumentationsmuster im Vergleich zu anderen Komponenten sakraler und politischer Herrschaftslegitimation zu analysieren. So erwies sich zum Beispiel meine Vermutung, dass die außenpolitischen Aktivitäten unter Ludwig XIV. primär mit antiken, also nicht christlichen heroischen Symbolmustern belegt wurden, als korrekturbedürftig, da vielmehr häufig auf eine Begründung der Eroberungen als Schutzaktionen vor Muslimen und Protestanten zurückgegriffen wurde. Die im Vergleich hierzu spärliche Aktivierung dieses Argumentationsmusters unter Heinrich IV., der vielmehr seine Einigungsaktivitäten mit dem antiken Herkulessymbol belegte[11], zeigen, dass und in welchem Ausmaß die Säkularisierung von Deutungsmustern insbesondere aufgrund ihrer spezifischen Kontextabhängigkeit möglich ist. Ludwig XIV. konnte im Gegensatz zu seinen Vorgängern uneingeschränkter auf die traditionelle christliche Topik zurückgreifen, da er nach der Aufhebung des Edikts von Nantes offiziell nur noch über katholische Untertanen herrschte. In Mikrostudien und Einzelfallanalysen werde ich untersuchen, wie die Vorgänger Ludwigs XIV. mit diesem Widerspruch zwischen ihrer Pflicht, sich um das Seelenheil ihrer Untertanen zu kümmern, und der Tatsache der Existenz zweier Glaubensbekenntnisse in ihren Territorien umgingen. Hierzu bedarf es insbesondere archivalischer Studien zu den entsprechenden Reden und Ritualen im Rahmen des sacre, die für das Jahr 2006 geplant sind.
-         Geschichtsbilder. Ein weiteres Themenfeld, in dem die Sakralität des französischen Herrschers zur Sprache kommt, besteht in der Einordnung des Herrschers in geschichtliche Konzeptionen, die wiederum Untersuchungsperspektiven für die Frage nach der Säkularisierung als einer Wandlung von Weltbildern eröffnen. Werden zum Beispiel die französischen Herrscher mit dem Heiligen Chlodwig oder Ludwig in Verbindung gebracht, so lässt sich wiederum unterscheiden, ob sie direkt als deren Verkörperungen dargestellt oder linear, historisierend in ihrer Nachfolge eingeordnet werden. Gleiches gilt für die damit verbundenen Verknüpfungen mit Vorstellungen von Universalmonarchie, die mit politischen Argumenten begründet oder aber mit Vier-Reiche-Konzepten oder dem Goldenen Zeitalter in Verbindung gebracht werden.
 
Für den französischen Kontext sind außerdem mehrere Ebenen zu unterscheiden, die mit einer genauen Analyse der Kommunikationssituationen, in denen die Sakralität des Herrschers zur Sprache kommt, in Zusammenhang gebracht werden müssen: Zum einen die rechtliche Beziehung der französischen Krone zu den Kirchenorganisationen in den unter ihrer Gewalt stehenden Territorien, zum anderen die Beziehung der französischen Krone zum Papst. Beide Faktoren sind jeweils zu beachten, wenn in Druckwerken polemisch oder panegyrisch die Beziehung des französischen Herrschers zu Gott thematisiert wird. Zum Beispiel ist bei einer Analyse der Traktate, die die Skrofelheilung beschreiben, auffällig, dass es sich anscheinend häufig um Versuche regionaler Amtsträger handelt, sich mit ihrer Beschreibung sowohl der Sakralität des Herrschers zu nähern, aber auch gleichzeitig die Kirchenstruktur der Gemeinde, aus der sie stammen, der Zentralgewalt zu empfehlen[12]. Die Beziehung der französischen Krone zum Papsttum stand immer in Konkurrenz zu der der Habsburger, sodass die jeweiligen Rangverhältnisse in Rom sich aufgrund dieser Gemengelage von Politik, Theologie und Religion auch immer in einer Konjunktur entsprechender Druckwerke in Paris niederschlugen.
 
Weitere Kontexte ergeben sich aus den inneren Verhältnissen in Frankreich, aus den Machtkämpfen zwischen der Krone, den verschiedenen Gruppierungen des Adels und den Städten. Auch die entschiedensten Gegner der französischen  Krone bezogen zur sakralen Position des Herrschers Stellung. So konnten zum Beispiel die Gegner Heinrichs III. erst dann seine Heilfähigkeiten in Frage stellen, als er sich in ihren Augen durch die von ihm initiierten Attentate von Blois auf den Herzog und Kardinal de Guise (1588) entsakralisiert hatte[13]. Daraus ergab sich wiederum eine – wenn auch gleichsam zufällige – Möglichkeit eines Deutungswandels, da zum ersten Mal die enge Beziehung zwischen dem Körper des Königs und seiner Sakralität in Frage gestellt wurde. Die Schwierigkeit, diesen Deutungswandel zu vollziehen, zeigt sich daran, dass die Gegner Heinrichs III. (und auch Heinrichs IV.) dazu tendierten, die Körperlichkeit des Herrschers ins Monströse zu überzeichnen. In dem sich hier eröffnenden Sinn- und Symbolhorizont war es aber dann auch möglich, sich auf diesen Körper zu konzentrieren, ohne sich zu seiner Teilhaftigkeit an Gott äußern. Meines Erachtens liegen hier die Wurzeln für die gleichsam von religiösen Symbolen abgekoppelte Konzentration auf den königlichen Leib unter Ludwig XIV. Auch bei der Erforschung dieses Zusammenhanges muss in einer Verbindung aus Langzeitperspektive und dichten Diskursanalysen gearbeitet werden. Konzentriert habe ich mich hierbei auf folgende Gebiete: Das Verhältnis zwischen der Stadt Paris und der in ihr sichtbaren Manifestation königlicher sakraler Herrschaft. Davon ausgehend will ich der Reichweite der Herrschaftslegitimation ausgehend von Paris nachgehen und schließlich den Sonderfall des zwischen der französischen Krone und dem Reich stehenden Herzogtums Lothringen untersuchen: Zu Ende des 16. und im Verlaufe des 17. Jahrhunderts war es das lothringische Herzoghaus der Guise, das mit der Dynastie der Bourbonen im Rangstreit lag. An seinem Hofe kopierte zum Beispiel Herzog Charles III. das französische königliche Begräbniszeremoniell[14]. In diesem Zusammenhang ist zu fragen, ob und, wenn ja, wie die sakrale Begründung der französischen Königsherrschaft von beiden Gruppen in Anspruch genommen wurde.


[1] Die gewählte Untersuchungsperiode liegt zwischen 1575, also der Thronbesteigung Heinrichs III. und 1715, dem Begräbnis Ludwigs XIV. und folgt damit spezifisch französischen Epochenschnitten im Verhältnis von Staat und Kirche. Vgl. zu Problematiken bei der Periodisierung Peter Hersche, ‚Klassizistischer’ Katholizismus. Der konfessionsgeschichtliche Sonderfall Frankreich, in: HZ 262 (1996), S. 357-389.
[2] Dieses Projekt wird seit Januar 2005 von mir bearbeitet. Die Quellenrecherchen im Jahre 2005 konzentrierten sich auf eine Analyse von Druckschriften. Aufgrund der Kürze dieser Präsentation ist im Folgenden in keiner Weise ein hinreichender Überblick über die Forschungssituation beabsichtigt. Auch die angeführten Quellenbelege erheben keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit.
[3] Hierfür ließen sich viele Belege anführen, als eines der prominentesten Beispiele sei genannt: Ernst Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation, in: ders., Staat, Gesellschaft, Freiheit, Frankfurt a.M. 1991, S. 92-114 (zum ersten Mal publiziert in: Säkularisation und Utopie. Ebracher Studien. Ernst Forsthoff zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1967, S. 75-94), hier: S. 100-104.
[4] Olivier Christin spricht von einer „Autonomisierung“ des politischen Denkens: Olivier Christin, La Paix de Religion. L’autonomisation de la raison politique au XVIe siècle, Paris 1997.
[5] Marc Bloch, Les rois thaumaturges: étude sur le caractère surnaturel attribué à la puissance royale particularièrement en France et en Angleterre, Straßburg 1924, benutzt wurde der Nachdruck Paris 1987.
[6] Jens Ivo Engels, Königsbilder. Sprechen, Singen und Schreiben über den französischen König in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts (= Pariser Historische Studien 52), Bonn 2000 und mit weiterführenden theoretischen Überlegungen ders., Das ‚Wesen’ der Monarchie ? Kritische Anmerkungen zum ‚Sakralkönigtum’ in der Geschichtswissenschaft, in: Majestas 7 (1999), S. 3-39.
[7] Auch zur Forschungsgeschichte des Konzepts des Sakralkönigtums lässt sich hier selbstverständlich kein annähernd hinreichender Überblick geben, zur Weiterführung seien aber die Beiträge genannt in Franz-Reiner Erkens (Hg.), Die Sakralität von Herrschaft. Herrschaftslegitimierung im Wechsel der Zeiten und Räume, Berlin 2002 und Alain Boureau/ Claudio Sergio Ingerflom (Hg.), La Royauté Sacrée dans le Monde Chrétien (Colloque de Royaumont, mars 1989), Paris 1992 (= L’Histoire et ses Représentations 3).
[8] Alain Boureau, Le simple corps du roi: l’impossible sacralité des souverains français, XVIe-XVIIIe siècle, Paris 2000.
[9] Vgl. zu den Krönungen generell und auch zu Heinrich IV. Richard A. Jackson, Vivat Rex. Histoire des sacres et couronnements en France, Paris 1984.
[10] Vgl. Hermann Weber, Das ‚Toucher Royal’ in Frankreich zur Zeit Heinrichs IV. und Ludwigs XIII., in: Heinz Duchhardt (Hg.), European Monarchy: Its Evolution and Practice from Roman Antiquity to Modern Times, Stuttgart 1992, S. 155-170.
[11] Vgl. Corrado Vivanti, Henry IV, The Gallic Hercules, in: Journal of the Warburg and Courtauld Institutes 30(1967), S. 176-197.
[12] Besonders deutlich kommt dies zum Ausdruck bei <Simon Faroul> De la Dignité des Roys de France, et du privilege que Dieu leur a donné de guarir les escroüelles: Ensemble la Vie de sainct Marcoul Abbé de Nantueil, au Pays de Constantin en Normandie, les sacrez Reliques duquel reposent en l’Eglise Royale & Collegiale de nostre Dame de Mante, au Diocese de Chartres. Dedié au Roy Tres-Chrestien Louys Le Iuste. Par M. Simon Faroul, Licentié és Droicts, Doyen &Official de Mante, Paris, 1633.
[13] Vgl. David A. Bell, Unmasking a King: The Political Uses of Popular Literature Under the French Catholic League, 1588-1589, in: The Sixteenth Century Journal 20 (1989), S. 371-387.
[14] Vgl. Kate Currey, ‚Au temple de mémoire’: princes of the House of Lorraine and their historical image in ducal pompes funèbres 1608-1624, in: Chantal Grell/ Werner Paravicini/ Jürgen Voss (Hg.), Les princes et l’histoire du XIV au XVIII siècle, Bonn 1998 (= Pariser Historische Studien 47), S. 483-497.


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