Teilprojekt B1 „Repräsentationen von Herrschaft in multiethnischen Imperien“
Die imperiale russische Armee war in den Herrschaftsvorstellungen der Eliten des Zarenreiches von zentraler Bedeutung. Mit ihren Bajonetten sollte imperiale Herrschaft nach innen und außen abgesichert werden. Als „Schule der Nation“ sollte sie Kultur und Bildung in die entferntesten Winkel des Imperiums transportieren. Mit Paraden, Uniformen und modernen Kasernenbauten sollte die Utopie des geordneten Staates überall sichtbar gemacht werden.
Die Kasernen dieser Armee waren aber auch Orte, an dem die unterschiedlichen kulturellen, sozialen und nationalen Gruppen des Imperiums aufeinandertrafen. Denn die Armee stand nicht nur für das Imperium. Sie verkörperte es zugleich auch in seiner ganzen Unübersichtlichkeit und Vielfalt. Dies wirft Fragen auf, die für die Erforschung der Geschichte des Zarenreiches von großer Tragweite sind: Wie veränderten sich Vorstellungen der lokalen Bevölkerung vom russischen Imperium, wenn sie auf einer Parade etwa einen muslimischen Gardeoffizier als Repräsentant der Zentralmacht sehen konnten? Welche Spur hinterließen die Konfrontation mit der unübersichtlichen Situation vor Ort in den Revolutionsjahren in den Vorstellungen der Offiziere und Soldaten, wie wirkten sich diese Wahrnehmungen auf ihre täglichen Praktiken und damit auf den lokalen Alltag des Imperiums in den Jahren 1905-1907 aus?
In meinem Forschungsvorhaben werde ich diesen Fragen am Fallbeispiel der russischen Garnison in Warschau, der drittgrößten Stadt des Zarenreiches nachgehen.