In der derzeitigen Bearbeitungsphase liegt der Schwerpunkt darauf, wie die chinesischen Eliten zwischen 1912, dem Gründungsjahr der Republik, und 1927, dem Ende der Warlord-Periode, ihre Debatte um Beruf und Berufsbildung konstruiert haben. Es wird dabei davon ausgegangen, dass innerhalb sich modernisierender Gesellschaften die zunehmend professionalisierte berufliche Organisation von Arbeit auf bestimmte Konzepte von Arbeit und Beruf zurückgreift, die sich, obwohl sie auf ganz spezifische Modernisierungsbedürfnisse reagieren, gleichwohl aus kulturell verankerten, auf gesellschaftlichen Kollektiverfahrungen beruhenden Deutungstraditionen oder Mustern speisen. Die Bezugshorizonte der chinesischen Deutungsmuster um Beruf, Arbeit und Berufsbildung waren dabei einerseits eigene Ressourcen und Traditionen, andererseits das als ’modern’ und erfolgreich wahrgenommene, oftmals aber ungeliebte Ausland – Japan und der ’Westen’. Es wird untersucht, wie sich im Laufe der chinesischen Modernisierungsdebatte diese Deutungsmuster in einem komplexen Zusammenspiel von teilweise traditionellen, teilweise modernisierten und globalisierten Umgebungen (um-)formiert haben.Die Untersuchung konzentriert sich dabei auf die Unterstützer von Modernisierung und Reformbewegungen – einem Konglomerat aus u.a. konfuzianisch geprägten Gelehrten, modernen Wissenschaftlern mit Auslandserfahrung (oder auch einer Mischung aus beidem), Unternehmern, Journalisten, Politikern und Politikberatern. Als Beispiel fokussiert sich die Untersuchung auf die Mitglieder der 1917 von Huang Yanpei gegründeten Chinesischen Gesellschaft für Berufsbildung (Zhonghua Zhiye Jiaoyushe), die besonders aktiv (und teilweise erfolgreich) in der Verbreitung und Erforschung der Berufsbildung war. Anhand einer Datenbank, in die alle Mitglieder und assoziierte Personen aufgenommen wurden, wird das Profil dieser Gruppe beschrieben und analysiert: Bildungshintergrund und berufliches Profil, die geographische Reichweite ihres Handelns, Typen und Orte der von ihnen neu gegründeten Institutionen, ihre Mitgliedschaft in verschiedenen Vereinigungen, ihre internationalen Erfahrungen sowie die Beziehungen und Netzwerke zwischen diesen Akteuren. Dieses Profil wird dann dazu in Beziehung gesetzt, was diese Personen über Berufsbildung geschrieben haben in der Zeitschrift für Bildung und Erziehung (Jiaoyu Zazhi), einer der wichtigsten Bildungszeitschriften in dieser Zeit, und in der von der Gesellschaft für Berufsbildung herausgegebenen Zeitschrift Bildung und Beruf (Jiaoyu yu Zhiye). Es soll dabei herausgeschält werden, wie die Akteure – als Mitglieder sowohl einer lokalen Organisation und einer zunehmend verflochtenen globalen pädagogischen Gemeinschaft – auf die Modernisierungsprozesse in China reagiert haben und sie gleichzeitig mitgeformt haben; wie sie zwischen einem lokalen Publikum und der globalen akademischen Arena vermittelt haben; und wie sie schließlich die ausländischen Ideen und Designs im (durch die Akteure selbst konstruierten) chinesischen Kontext einem Transformations- und Aneignungsprozess unterzogen haben. Die Untersuchung will damit einen Beitrag zur historischen Globalisierungsforschung leisten, indem gezeigt wird, wie in dieser Zeit Prozesse von Globalisierung auf lokaler Ebene innerhalb einer spezifischen Gemeinschaft reflektiert und geprägt wurden.