Sonderforschungsbereich 640
Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel
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Pierre Bourdieu: Sozialer Raum und „Klassen“, in: Ders.: Sozialer Raum und „Klassen“. Leçon sur la leçon. Zwei Vorlesungen. Übersetzt von Bernd Schwibs, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1991, S. 9-46.

Einführung von Cristina Palli und Vera Isaiasz

 
Will man wie der SFB 640 Repräsentationen des Sozialen untersuchen, so bietet das Werk Pierre Bourdieus, nach seiner eigenen Formulierung, eine „Ökonomie der kulturellen und symbolischen Formen“[1] an. Bourdieus Theorie will eben das Verhältnis zwischen Bedeutungs- und Sinnsystemen, die individuelles Handeln leiten, und jenen Symbolsystemen, die soziale Lagen widerspiegeln, in den Blick nehmen.[2]
 
„Sozialer Raum und Klassen“ beschreibt zunächst das „Feld des Politischen“ und ist zugleich eine Auseinandersetzung mit dem Marxismus. Die folgende kurze Einleitung ist daher weniger eine Zusammenfassung des Textes, sondern als eine kurze Einführung in die Theorie Bourdieus gedacht, die als Diskussionsgrundlage für das SFB-Kolloquium dienen soll.
 
Theorie und Begriffe Bourdieus wirken auf den allerersten Blick fast statisch und vereinfachend, spricht er doch stets in Kategorien wie Klassen, Schichten und Feldern. Bourdieu verfolgt eine dezidiert konstruktivistische Methode, eine in Relationen denkende Soziologie, die mit Hilfe weniger Leitbegriffe wie Feld, Habitus, Akteur und symbolischem Kapital, den sozialen Raum untersucht.
 
Bourdieu geht davon aus, dass soziales Handeln einer immanenten Logik folgt, die es zu untersuchen gilt. Seine Theorie ist eine „Theorie der Praxis“. Das wird nicht zuletzt gerade an seiner eigenen Publikationsliste deutlich, die eine fast unüberschaubare Vielfalt an konkreten empirischen Einzeluntersuchungen aufweist. Seine Arbeiten umfassen Untersuchungen zur traditionellen Gesellschaft der algerischen Kabylei, über das französische Bildungssystem, zum Kulturkonsum am Beispiel der Fotografie sowie zur „Genese des Literarischen Feldes“. Bekannt sind v.a. seine Arbeiten zur Kultursoziologie: In „La distinction“ (1979, dt. „Die feinen Unterschiede“), zeigt er auf, wie dem Konsum legitimer Kulturgüter die Funktion sozialer Distinktion zukommt. Seine breit angelegten empirischen Untersuchungen bilden eigentlich das Fundament seiner Arbeit und kommen in diesem Abriss seiner Theorie sicher zu kurz. 
 
Bourdieus erklärter Untersuchungsgegenstand ist das Soziale, verstanden als der Komplex von Beziehungen, den Relationen, zwischen Menschen. Diese firmieren bei ihm als Akteure, indem sie relational zueinander unterschiedliche Positionen im sozialen Raum einnehmen.
Bourdieus Ziel ist es, wie er im ersten Absatz von „Sozialer Raum und Klassen“ schreibt, die „symbolischen Auseinandersetzungen und Kämpfe, die innerhalb verschiedener sozialer Felder ausgetragen werden und in denen es neben der Repräsentation der sozialen Welt um die Rangfolge innerhalb jedes einzelnen Feldes wie deren Gesamtheit geht,“ zu untersuchen.[3] Soziale und symbolische Strukturen bedingen sich also wechselseitig, so dass eine Analyse kultureller Praktiken die Analyse der Sozialstruktur voraussetzt und umgekehrt.
 
Bourdieu wendet sich gegen einen ökonomischen oder mechanistischen Reduktionismus, wie er ihn etwa bei Marx findet. Theorien wie der Marxismus vernachlässigen die symbolische Dimension der sozialen Welt, und die sozialen Beziehungen sind eben nicht nur aus der Ökonomie heraus zu erklären. Eine Theorie muss
 nach Bourdieu in sich aufnehmen, welche Vorstellungen die Akteure sich von der sozialen Welt machen, und genauer, was die Akteure „zur Konstruktion der Sicht von sozialer Welt, und damit zur Konstruktion dieser Welt selber beitragen – vermittels jener unaufhörlichen Repräsentationsarbeit (...), mit der sie ihre Weltsicht bzw. Auffassung von ihrer eigenen Stellung in dieser Welt, d.h. ihre gesellschaftliche Identität, durchzusetzen suchen.“[4]
Die Wahrnehmung von sozialer Welt durch den Akteur setzt einen Konstruktionsakt voraus. Über diese „Konstruktionsarbeit“ wird jedoch meist nicht reflektiert, sondern sie „vollzieht sich wesentlich in der Praxis, jenseits explizierter Vorstellung und verbalem Ausdruck“[5].
Sie ist letztlich meist ein unbewusster Vorgang, der vom Akteur nicht mehr verlangt, als seine Rolle zu spielen. Der Akteur ist also auch unbewusst so sehr von seinen sozialen Dispositionen bestimmt, dass Bourdieu im vorliegenden Text vom „Klassen-Unbewussten“ sprechen kann. Lebensstil, Konsumverhalten, Modebewusstsein und Wahl von Kleidung, Freizeitgestaltung bis hin zum Kauf bestimmter Speisen lassen sich als Ausdruck solcher Prägungen analysieren. Eben diesem Unternehmen ist er in „La distinction“ nachgegangen.
 
Konkret untersucht werden die sozialen Beziehungen, symbolischen Kämpfe und unbewussten Distinktionsmechanismen in jeweils vom Wissenschaftler genau definierten Teilbereichen des sozialen Raumes, die Bourdieu als „Felder“ bezeichnet.
Bei diesen Feldern handelt es sich um relativ autonome Zonen mit unterschiedlichen Funktionen. Bourdieu identifiziert etwa ein ökonomisches, ein soziales, ein politisches, ein religiöses und ein literarisches Feld. Das Feld ist, wie schon gesagt, ein vom Wissenschaftler entworfenes Konstrukt, ein Bedingungsgefüge, das als ein mehrdimensionaler Raum vorzustellen ist, der dazu dient, die Relationen zwischen Akteuren oder Gruppen von Akteuren sichtbar zu machen. Anhand der Stellungen im Raum, die die Akteure einnehmen, lassen sich Ensembles von Akteuren identifizieren, mit „ähnlichen Konditionierungen..., die aller Voraussicht nach ähnliche Dispositionen und Interessen aufweisen, und „folglich auch ähnliche Praktiken und politisch-ideologische Positionen“[6] vertreten.
 
Jedes Feld „stellt den Schauplatz dar, eines mehr oder minder offen deklarierten Kampfes um die Definition der legitimen Gliederungsprinzipien des Feldes.“[7] Das Feld ist also als Kraft- und Machtraum zu verstehen.
 
Die Stellung des Akteurs im Feld wird bestimmt durch sein Kapital, wobei Bourdieu zwischen ökonomischen, kulturellem, sozialem und symbolischen Kapital unterscheidet. Das symbolische Kapital ist die gesellschaftliche Anerkennung, das Renommee, das der Besitz einer der genannten Kapitalarten einbringt. Die Hierarchie der Kapitalarten ist von Feld zu Feld verschieden. Die spezielle Zusammensetzung der Kapitalsorten bestimmt, in welcher Weise ein Akteur auf einem bestimmten Feld „mitspielen“ kann. Jedes Feld besitzt dabei eine Eigenlogik, nach der die verschiedenen Kapitalsorten dort zum Tragen kommen. Ein hoher Bildungsabschluss besitzt auf dem kulturellen Feld natürlich höheres symbolisches Kapital als auf dem ökonomischen. Innerhalb des Feldes werden die Akteure nach drei Gesichtspunkten positioniert, nämlich nach ihrem Gesamt-Kapital, nach der Struktur ihres Kapitals und nach den Wandlungen, denen dieses Kapital im Lauf der Zeit unterworfen war.
In den Feldern werden die Kapitalsorten aber auch transformiert. Z.B. kann man sich für Geld, also ökonomisches Kapital, eine gute Ausbildung kaufen und so einen anerkannten Titel mit hohem kulturellen Kapital erlangen, der wiederum in symbolisches Kapital, nämlich in gesellschaftliche Anerkennung, verwandelt wird, was wiederum das soziale Kapital, nämlich die Beziehungen und soziale Netzwerke, vergrößert. Daraus folgt wiederum, dass man eine bessere Arbeitsstelle bekommt, woraufhin man noch mehr ökonomisches, soziales und symbolisches Kapital erwerben kann. Ortsveränderungen im Feld oder sozialer Aufstieg sind also nur um den Preis von Arbeit und von Zeit zu erreichen, und „Aufsteigern sieht man die Kletterei an“.
 
Ein Beispiel für die konkrete Anwendung dieser Theorie hat Simone Lässig in ihrer im vergangenen Jahr erschienen Habilitationsschrift „Jüdische Wege ins Bürgertum“ geliefert.[8] Sie beschreibt eine solche Transformation von Kapital anhand des Prozesses der Verbürgerlichung der jüdischen Bevölkerung im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Dabei war der Erwerb von kulturellem Kapital, in diesem Fall primär die schulische und universitäre Bildung, die Voraussetzung für den sozialen und politischen Aufstieg. Dieser Prozess einer kulturellen Verbürgerlichung, der sich über mehrere Generationen hinweg vollzog, so die These Lässigs, ging sowohl dem Aufstieg in bürgerliche Berufsgruppen als auch der Erlangung des formal-rechtlichen Bürgerstatus voraus.
 
Damit komme ich zu einem weiteren wichtigen Begriff in der Theorie Bourdieus, dem des Habitus. Habitus meint den gesamten Komplex von Prägungen und Dispositionen, die ein Akteur erworben hat und mit denen er auf dem Feld zum Mitspieler wird.
Der Habitus eines Akteurs ist ein Produkt von Geschichte; er ist sozial vermittelt und umfasst die persönlichen Prägungen und gesellschaftlich erworbenen, oft unbewussten Dispositionen, die er beispielsweise durch seine Erziehung im Elternhaus, seine schulische Bildung, seinen Beruf usw. erworben hat.
Habitus umschreibt damit ein System „verinnerlichter Muster, die es erlauben, alle typischen Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen einer Kultur zu erzeugen“[9]. Oder: ein dem Verhalten zugrunde liegendes generatives Regelsystem, eine allgemeine Grundhaltung gegenüber der Welt, die dem Akteur eine Stellungnahme erst ermöglicht. Der Habitus ist dabei gleichermaßen, wie Bourdieu es nennt, „strukturiert“ und „strukturierend“; er selbst ist geformt durch die objektiv-materiale Ebene des sozialen Raumes, wirkt aber auch selbst formend auf die kulturellen Praxisformen oder symbolischen Repräsentationen des Sozialen ein.[10]
Mit welchem Habitus ich auf dem Feld auftrete, ist somit weitgehend vorgeprägt. Andererseits erzeuge ich durch mein habituelles Verhalten dieses Feld eigentlich überhaupt erst mit.
 
An diesem Doppelaspekt wird deutlich, dass der Habitus-Begriff eine vermittelnde Funktion zwischen den objektiven Lebensbedingungen, also der Klassenlage des Akteurs und seiner Stellung im sozialen Raum, und den symbolischen Praktiken, den Lebensstilen, einnimmt.
Mit dem Habitus-Begriff zielt Bourdieu letztlich darauf ab, den Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen Handlung und Struktur, letztlich zwischen Objektivismus und Subjektivismus zu überwinden oder zumindest zu überbrücken.
Er wendet sich damit einerseits gegen den „Strukturalismus... (der) den Handelnden dadurch zum Verschwinden bringt, dass er ihn auf die Rolle des Trägers einer Struktur reduziert“... und andererseits gegen „eine Wiederkehr des reinen erkennenden Subjekts“. Stattdessen beabsichtigt Bourdieu, „die aktiven, erfinderischen, ‚schöpferischen‘ Fähigkeiten‘ des Habitus und des Akteurs“ hervorzuheben.[11]
 
Diese Konstellation führt uns zu einem zentralen Problem, über das wir gleich im Anschluss sicher noch diskutieren sollten, nämlich die Frage, ob individuelle Strategien des Erwerbs von Kapital und seiner Umsetzung in Habitus für den Akteur, also den Menschen, überhaupt möglich sind. Fest steht, dass sowohl der normative Druck auf den Akteur als auch sein unbewusstes Streben, sich gemäß den Anforderungen des Feldes zu verhalten, bei Bourdieu ein starkes Gewicht haben. Welchen Platz das Individuum mit einem wie auch immer gearteten Rest von Autonomie in diesem Konzept haben kann, sollten wir gleich noch besprechen.
 
Damit verbunden ist ein zweiter Punkt, nämlich die Frage, ob Bourdieus Theorie einen Ansatz für die Analyse eines sozialen und kulturellen Wandels bietet. Das Feld, wie Bourdieu es beschreibt, wirkt ja gerade normierend und disziplinierend; ihm liegen Machtstrukturen zugrunde, die es dem Akteur kaum erlauben, sich gegen die Spielregeln zu verhalten. In der Regel ist ihm diese Abhängigkeit jedoch nicht einmal bewusst: Bourdieu spricht von symbolischer Gewalt, die sich darin äußert, dass die Machtstrukturen von den Akteuren unhinterfragt bestehen bleiben. Abgebildet werden diese Machtstrukturen in symbolischen Praktiken der Distinktion. Ein grobes Beispiel: Kinder aus reichen Elternhäusern besuchen weiterführende Schulen und studieren in der Regel; Kinder mit sozial schwachem Hintergrund erreichen ein weit niedrigeres Bildungsniveau. Ein höherer Bildungsabschluss wird von ihrem sozialen Umfeld oft erst gar nicht erwartet.
 
Noch einmal zurück zum Aspekt des gesellschaftlichen Wandels:
Wie ein Feld transformiert wird, zeigt Bourdieu am Beispiel des Begriffs der „Arbeiterklasse“ und seiner Propagierung im vorliegenden Text. Er arbeitet heraus, dass der Begriff der Arbeiterklasse zunächst nur ein analytischer Terminus war, bevor er zur sozialen „Wirklichkeit“ wurde, bevor es Akteure auf dem Feld gab, die andere und sich selbst als Angehörige dieser Klasse definierten.
Es war Ergebnis einer intensiven Arbeit von „Sinn-Produktion und Sinn-Durchsetzung“, die aus einem Terminus eine konstruierte Klasse gebildet hat. Getragen wurde sie von Akteuren mit dem nötigen kulturellen Kapital, den marxistischen Intellektuellen, einer kleinen Gruppe berufsmäßiger Produzenten von „objektivierten Repräsentationen der sozialen Welt“ oder auch von „Objektivierungsmethoden“[12]. D.h. erst durch diese Intellektuellen erlangte der Begriff der Arbeiterklasse soziale Realität auf dem Feld des Politischen, indem er als politischer Begriff eingesetzt und politisches Handeln nach ihm ausgerichtet wurde.
 
 
 
Literatur
 
Pierre Bourdieu: Sozialer Raum und „Klassen“, in: Ders.: Sozialer Raum und „Klassen“. Leçon sur la leçon. Zwei Vorlesungen. Übersetzt von Bernd Schwibs, 2. Aufl., Frankfurt a.M. 1991, S. 9-46.
 
Bourdieu, Pierre: Zur Soziologie der symbolischen Formen, 4. Aufl., Frankfurt a.M., 1994.
 
Bourdieu, Pierre: Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes, Frankfurt a.M. 2001.
 
Gilcher-Holtey, Ingrid: Kulturelle und symbolische Praktiken: das Unternehmen Pierre Bourdieu, in: Hardtwig, Wolfgang/ Hans-Ulrich Wehler (Hg.): Kulturgeschichte Heute. (Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 16), Göttingen 1996.
 
Jurt, Joseph: Pierre Bourdieu (1930-2002). Eine Soziologie der symbolischen Güter, in: Hofmann, Martin Ludwig u.a. (Hg.): Culture Club. Klassiker der Kulturtheorie, Frankfurt a.M. 2004, S. 204-219.
 
Lässig, Simone: Jüdische Wege ins Bürgertum. Kulturelles Kapital und sozialer Aufstieg im 19. Jahrhundert, Göttingen 2004.
 
 
 


[1] Bourdieu, Pierre: Satz und Gegensatz, Berlin 1989, S. 9.
[2] Vgl. die Einleitung in die Theorie und die Biographie Bourdieus von J. Jurt in „Culture Club“, Frankfurt a.M. 2004.
[3] Bourdieu, Sozialer Raum und „Klassen“, S. 9.
[4] Bourdieu, Sozialer Raum und „Klassen“, S. 16.
[5] Ebd., S. 17.
[6] Ebd., S. 12.
[7] Ebd., S. 27.
[8] Lässig, Jüdische Wege ins Bürgertum, Göttingen 2004.
[9] Bourdieu, Zur Soziologie der symbolischen Formen, S. 143.
[10] Vgl. Gilcher-Holtey, Kulturelle und symbolische Praktiken, S. 115.
[11] Bourdieu, Regeln der Kunst, S. 285f.
[12] Bourdieu, Sozialer Raum, S. 19.
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