Stephan Schlak
Gepflegte Semantik um 1980: Niklas Luhmann
Auch wenn es sieben Jahre nach seinem Tod an der Universität merklich stiller um ihn geworden ist, Niklas Luhmann ist immer noch Teil des Systems Wissenschaft: Aber sein legendärer Zettelkasten, das habituelle Herzstück seiner Theorie, aus dem sie sich scheinbar so spielerisch leicht speiste, ist es nicht mehr. Um den Zettelkasten ist zwischen seinen Kindern ein heftiger Familienstreit ausgebrochen, der mit allen Bandagen geführt wird. Und entschieden wird über den endgültigen Verbleib dieser einzigartigen akademischen Fundgrube, auf die auch die Bielefelder Universität ihre begehrlichen Blicke richtet, schon lange nicht mehr im System Wissenschaft, sondern in immer neuen Instanzen im System Recht. Momentan sieht es so aus, als mache die erstgeborene Tochter Veronika Luhmann-Schröder aus Lemgo im Erbstreit das Rennen, ihr systemtheoretischer Vater hatte noch zu Lebzeiten ganz undifferenziert alteuropäisch bestimmt, dass sein Nachlass in einer Hand bleiben solle. – Niklas Luhmann, der Meistertheoretiker, der den Menschen in die Umwelt verbannte, um mal gleich mit einer systemtheoretischen Grundentscheidung anzufangen, ist heute in der Wissenschaft auf dem besten Wege, zu einem Umweltphänomen zu werden. Der urdeutsche philosophische Geist der Spekulation, den seine Soziologie doch ein für alle Male abräumen wollte, hat sich seiner indiskret angenommen. „Welche Neugier trieb Luhmann an, in den Neunzigern am Kairoer Stadtrand in billigen Absteigen zu übernachten?“ Eine neugierige Generation junger Forscher steckt die Köpfe zusammen und grübelt hermeneutisch über eine Note in einem Friedrich Kittler-Nekrolog: „An welchem Virus ist die Systemtheorie vor sieben Jahren bloß dahingerafft?“
Ob nun Umweltphänomen oder Fußnote – Luhmann und seine großartigen Bielefelder Theoriekathedralen werden heute ohne Frage historisiert. „Viele Indizien (darunter 9/11) sprechen dafür,“ hat unlängst ein Beobachter in Hans Magnus Enzensbergers „Anderen Bibliothek“ mit paradoxem Augenzwinkern – also durchaus auf geistiger Höhe der Systemtheorie – formuliert, „dass die Wirklichkeit der Weltgesellschaft nicht auf dem Niveau der Systemtheorie ist.“ Umso schlimmer für die Wirklichkeit, mag man hegelianisch spötteln. Muss es aber nicht: Die Systemtheorie hat nie ernsthaft den Anspruch erhoben, die Wirklichkeit einfach abzubilden. In radikal konstruktivistischer Manier und unendlicher Bescheidenheit schreibt Luhmann nach 1200 Seiten in seinem kurz vor dem Tode fertig gestellten Vermächtnis, dem opus magnum „Die Gesellschaft der Gesellschaft“. „Eine heute adäquate Gesellschaftstheorie (verlangt) auf den bloßen Genuss des Wiedererkennens zu verzichten und die Theoriekonstruktion aus sich selbst heraus zu beurteilen.“ Wer die konkrete Wirklichkeit, gar seine bunte Lebenswelt, in der Systemtheorie wieder erkennen möchte, ist bei Luhmann an der falschen theoretischen Adresse. Mit diesem „Genuss“ wartet er nicht auf, was wohl einen großen Teil der Frustrationen erklärt, die Kohorten von systemtheoretisch zwangsverpflichteten Lesern in Seminaren und Colloquien mit seinen Texten haben. Luhmanns begriffliches Entfremdungsspiel, die feine soziologische Ironie des Meisters verfängt hier nicht. Und wer so einmal systemtheoretisch auf stur gestellt hat, wird es sicher auch nicht als besonders „witzig“ empfinden, dass mit Luhmann der letzte große „Humorist“ der deutschen Wissenschaft von Bord gegangen ist. Wer will schon in das charmante Versprechen der Systemtheorie – „Komplexität zu reduzieren“ – investieren, wenn sich bei der Luhmann-Lektüre erst einmal alles verkompliziert?
Verlassen wir aber nun endlich die Luhmann-Umwelt, die uns schon auf etwas bedrohliche Abwege geführt hat: Stoßen wir vor ins System Wissenschaft, beugen wir uns seinem unbedingten Code und versuchen auch im Weiteren keine Falschaussage zu machen. Mit einem Wort: Stellen wir unsere konkrete SFB-Frage: Wie hält es Luhmann mit der Repräsentation?
Zuerst ist zu beobachten, dass der Begriff bei Luhmann keine prominente Rolle spielt. In unserem Basistext für die heutige Stunde aus dem ersten Band von „Gesellschaftsstruktur und Semantik“ suchen wir den Begriff „Repräsentation“ vergeblich. An zwei Stellen taucht das Verbum „repräsentieren“ auf – S.56/60 (so wendet Luhmann auf S.60 gegen seinen wissenssoziologischen Lieblingskontrahenten Karl Mannheim ein, dass kaum einer wohl so wenig geeignet ist die Wahrheit zu „repräsentieren“ wie eben die von Mannheim in „Ideologie und Utopie“ favorisierte, ewig streitende und „schnatternde Klasse“ der Intellektuellen) – hier und an der anderen Stelle ist das Verbum „repräsentieren“ aber ganz unspezifisch und theoretisch unschuldig gemeint. Und wenn wir unseren Text noch einmal kurz zur Seite legen und in seinem opus magnum „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ nachblättern, das Luhmann etwas atemlos und gehetzt ein Jahr vor seinem Tode abschloss, so finden sich in dem ausführlichen Register gerade mal drei magere Einträge zum Begriff der Repräsentation. Zum ersten Mal taucht der Begriff kurz vor Toresschluss am Ende des zweiten Bandes auf, auf Seite 920 im Kapitel „Die Semantik Alteuropas (römisch) II: Das Ganze und seine Teile“. Hier ist „Repräsentation“ ein zeitgebundener Begriff – Ich zitiere hier einen Luhmann-Satz, der unseren Abenddiskussionen doch nur allzu vertraut ist. „Der Begriff der Repräsentation läuft auf verschiedene Schwierigkeiten auf“ –, der in der alten Welt dazu diente, Aporien und Schwierigkeiten, die die „Ganze-Teile-Semantik“ freisetzte, zu bearbeiten. Repräsentation gehört für Luhmann wie „Zentrum und Peripherie“, „Stand“ und „Ehre“ – und wie all die anderen Flaggenwörter und Selbstbeschreibungsformeln der ständisch gestuften Welt heißen mögen –, zur „Semantik des Übergangs“. Repräsentation ist ein Leitbegriff der stratifikatorischen Gesellschaft. In der modernen Theorieliga aber, wo Luhmann zu Hause ist, „Autopoiesis“ und „Selbstreferenz“ aufspielen und regieren, spielt die Repräsentation keine relevante gesellschaftliche Rolle mehr. Auch wenn sie als verfassungsrechtlicher Begriff „überlebt“ hat, in die neue Zeit herübergerettet wurde, wie Luhmann weiter unten schreibt, und dort ein formales Geisterleben führt – ; als gesellschaftliche „Problemlösungskomponente“ hat der Begriff der Repräsentation für Luhmann zweifelsohne seine beste alteuropäische Zeit hinter sich.
Das stellt uns nun vor gewisse Probleme. Ungern wollen wir uns nachsagen lassen, auch nicht von Niklas Luhmann, dass wir in unserem modern designten Sonderforschungsbereich überlebtes alteuropäisches Vokabular so einfach die Treue hielten. Und da wir um den immensen rhetorischen Einschüchterungsgestus der Systemtheorie wissen, suchen wir also nicht weiter nach dem Begriff der „Repräsentation“ in Luhmanns Systemtheorie. Wir lassen uns von ihm nicht mehr auf alteuropäische Spuren locken, sondern weichen aus und fragen anders: Welche theoretischen und begrifflichen Lösungen und Vorschläge hat Luhmann für unsere „Probleme“ gefunden? Und dass wir von dem begnadeten Unterscheider und Grenzzieher Luhmann viel für unser Thema lernen können, darauf vertrauen wir nun mal einfach, und davon gehen wir so aus, wie der Konstruktivist Luhmann davon ausgeht, dass es so etwas Unwahrscheinliches und Komplexes wie Kommunikation und Systeme gibt.
Nach Habermas und Rabinow setzen wir mit Luhmann also nun unsere Zeitreise in die Achtziger Jahre fort. Mit den vier Bänden „Gesellschaftsstruktur und Semantik“ hat die Textmaschine Luhmann in den Achtzigern seine Teiluntersuchungen einzelner Funktionssysteme (Recht, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft) historisch flankiert. Der erste Band erschien 1980, also nur wenige Jahre nach der „sogenannten“ Habermas-Luhmann-Kontroverse, dessen Nachbeben sich in den Fußnoten findet. Mit herrischem Gestus hatte der Diskurshegemon Habermas damals dem Technologen Luhmann den Theorieanspruch abgesprochen. Eine so schwere Diskriminierung konnte Luhmann natürlich nicht auf sich sitzen lassen. So sehen wir ihm heute manch trockene, klappernde Formulierung nach, vor allem die ersten zwanzig Seiten unseres Textes schleppen am appellativen, programmatischen Gestus. Allen kritischen Geistern der Republik muss hier noch einmal gesagt werden: Hier spricht auch die Theorie.
Wogegen spricht sie aber? Natürlich gegen die wissenssoziologische Tradition von Karl Marx über Mannheim bis zur Schwundform Jürgen Habermas, die Ideen und Wissen sozialen Trägerschichten und Milieus zurechnet, und die sich für Luhmann bei der Suche nach systemunabhängigen, unkorrumpierten Repräsentanten in Selbstwidersprüche verzettele. Mit Fußtritt gegen Habermas heißt es in der Fußnote 26: „Jedenfalls dürfte es soziologisch kaum haltbar sein, für die Lebenswelt eine Art ‚Seinsvorrang’ vor den semantischen Strukturen funktionsspezifischer Provenienz in Anspruch zu nehmen.“ Bekanntlich gibt es für Luhmann keinen externen Beobachtungsposten außerhalb der Gesellschaft. Was er selbst treibt, ist „soziologische Beobachtung der Gesellschaft in der Gesellschaft.“
Nun ist das Titelpaar „Gesellschaftsstruktur und Semantik“ nicht so unschuldig, wie es einem von Luhmanns Titel so theoretisch abstrakt anschaut. Eine kurze ideengeschichtliche Dramatisierung sei erlaubt. Ich zitiere den Kronjuristen Carl Schmitt aus seinem Glossarium (23. September 1947): „Ich höre: Kritik und kritisch und weiß und höre: Krise, Krise. Ich höre: Urschleim und sehe das ganze 19. Jahrhundert von 1848-1948“. Kritik und Krise stammen in dieser konservativen Lesart nicht nur vom selben Wort ab, sondern bilden, wie Koselleck dann in seiner an Schmitt angehängten begriffspolitischen Dissertation „Kritik und Krise“ geschrieben hat, einen Kausalkonnex. Die Kritik zieht die Krise nach sich, die Geschichtsphilosophie den Weltbürgerkrieg. Das sei hier nur zitiert, weil es die klassische konservative Furcht vor der revolutionären Gewalt der Semantik prägnant auf den Punkt bringt. Koselleck hat das später in seinem Lexikon wieder ein wenig entspannter gesehen.
Neben der Wissenssoziologie grenzt Luhmann seine Gesellschaftstheorie von der Begriffsgeschichte ab. Mit der Begriffsgeschichte, die in gelehrten Runden den Aufstieg und Verfall von Leitvokabular untersucht, kann Luhmann wenig anfangen. Viel zu sehr kapriziere sie sich, moniert Luhmann, auf „gepflegte Semantik“. „Von der Basis des Sinnproduzierens“ sei sie „viel zu sehr abgehoben“. Darum benutzt Luhmann auch anders als die Begriffsgeschichte eher „zweitrangige als erstrangige Texte“, „um auf eine durchschnittliche verbreitete Semantik zu stoßen.“ An der Wissenssoziologie vermisst Luhmann das aufgeklärte Bewusstsein, an der Begriffsgeschichte die Struktur. Aber sie erst, die Struktur, setzt für Luhmann der Semantik ihre „Grenzen“. Ich zitiere aus unserem Text: „Über Bedingungen und Formen der Ausdifferenzierung vermitteln sich daher auch Transfer-Bedingungen, Plausibilitätsansprüche, Tempo-Erfordernisse für Lernen und Verständigung“ – „der Absonderung, Esoterik und Komplikation werden so Grenzen gezogen.“ Nicht an „Zukunftsbildern“ und Utopien – wie die Linke hofft, und die Rechte fürchtet – entwickele sich die Gesellschaft, sondern autopoietisch aus sich selbst heraus. „Die Gesellschaft entwickelt sich in Reaktion auf Entwicklung, in Reaktion auf bereits zunehmende Komplexität.“
Wie wir es auch nicht anders von ihm erwartet haben, wartet Luhmann mit „komplexeren“ Begriffen auf, um das Verhältnis von „Gesellschaftsstruktur und Semantik“ zu beschreiben. Luhmann spricht von „Korrelation“, „Kovariation“ und „Kompatibilität“ von Wissen und gesellschaftlichen Strukturen. Auch wenn die Semantik in enger Verbindung zur Struktur steht, kann sie ihr zum Teil voraus oder hinterherlaufen. Es ist durchaus möglich, schreibt Luhmann in einem späteren Aufsatz, dass in der Semantik ein anderer „Zeitrhythmus“ herrsche als in der Gesellschaftsstruktur. Es gibt Vorgriffe“ und semantische „Innovationen“, die noch nicht von der Struktur aufgefangen und deshalb als fluide Semantik jederzeit wieder aufgegeben werden könne. Teils schleppen sich aber auch alte Begriffe und Ideen über Epochenschwellen und „Sattelzeiten“ hinweg und verschleiern so den gesellschaftlichen Strukturwechsel. Das hat Luhmann schön an einem Aufsatz über das Individuum gezeigt. Je mehr das Individuum in der Moderne aus der Gesellschaft „exkludiert“ wird, umso mehr schwillt der Subjektivitätsgesang an. (Und vielleicht lässt sich Ähnliches für den Begriff der Repräsentation behaupten).
Trotzdem wollen wir Luhmann nicht so einfach davon kommen lassen. Worauf legt er denn nun die Betonung? Auf Gesellschaftsstruktur oder Semantik? „Wir können nicht zwei, dem Sinne nach koordinierte Begriffe aussprechen,“ hat ein anderer großer Soziologe, Georg Simmel in der „Philosophie des Geldes“ an einer Stelle notiert, „ohne dass psychologisch der eine den Akzent der Hebung, der andere den der Senkung erhielte: so ist z.B. ‚Wahrheit und Dichtung’ etwas ganz anderes als ‚Dichtung und Wahrheit’“. Und so will es mir nicht als Zufall erscheinen, dass Luhmann mit der „Gesellschaftsstruktur“ aufmacht und darauf die „Semantik“ folgt. „Semantik und Gesellschaftsstruktur“ – das würde gesellschaftstheoretisch nicht gehen. Nicht weil sich bei dem Hegelpreisträger Luhmann, wie Habermas lange Zeit unterstellte, Restspuren idealistischen Systemgedankens finden. (Luhmann hat das Bewusstsein den „psychischen Systemen“ zugeschlagen und aus der Gesellschaft exkludiert.) Sondern weil sein Erkenntnisinteresse darauf zielt, den Strukturwandel von Stratifikation zu funktionaler Differenzierung zu belegen. Dieser Wandel der primären Differenzierung der Gesellschaft lässt sich aber an den Strukturen allein nicht ablesen. Im Vorwort zum dritten Band 1988 schreibt Luhmann: „Der Strukturwandel der Gesellschaft selbst entzieht sich der Beobachtung und Beschreibung durch die Zeitgenossen; und erst nachdem er vollzogen und praktisch irreversibel geworden ist, übernimmt die Semantik die Aufgabe, das nun sichtbar Gewordene zu beschreiben.“
Ich habe mich an das Reduktionsgebot der Systemtheorie gehalten, und viele wichtige theoretische Unterscheidungen stillschweigend unter den Tisch fallen lassen. Wer die siebzig Seiten Luhmann in Vorbereitung auf die Sitzung gelesen hat, wird in meinem Vortrag vor allem den „Sinn“ vermissen. Dem ominösen Luhmannschen „Sinn“ kommt es in der Systemtheorie zu, die Semantik nach bestimmten Dimensionen (Sach-, Zeit-, und Sozialdimension) aufzubereiten und zu ordnen. „Unter Semantik verstehen wir,“ heißt es definitorisch knapp an einer Stelle, „demnach einen höherstufig generalisierten, relativ situationsunanbhängig verfügbaren Sinn.“ Umso mehr setze ich nun auf Euch, dass ihr der Diskussion weiteren „Sinn“ verleiht.