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Ankündigung Workshop des Teilprojekts A3: "Religiöse und säkulare Repräsentationen im frühneuzeitlichen Europa"
„Säkularisierung in der Frühen Neuzeit: begriffliche Überlegungen und empirische Fallstudien" (Workshop am 9. und 10. Dezember 2005)
Während das Mittelalter laut einer gängigen Ansicht durch eine relativ homogene Christlichkeit der Gesellschaft, der kulturellen Deutungsmuster und der individuellen Frömmigkeit gekennzeichnet sei, gilt eben dies für die Moderne nicht mehr: Sie ist ‚säkularisiert’. Der Frühen Neuzeit kommt in diesem Panorama die Funktion einer Scharnierepoche zu, in der sich die angenommene ‚Säkularisierung’ weitgehend vollzogen haben muß. Es fällt aber auf, daß – im Gegensatz zur Religionssoziologie, zur Theologie und Philosophie – in der Geschichtswissenschaft keine wirkliche Debatte über Säkularisierung stattgefunden hat und stattfindet. Eher wird der Begriff für eine „weithin irreführende Grobanalyse“ (Heinrich Lutz) verwendet, um Jahrhunderte andauernde komplexe Entwicklungen abkürzend in eine Chiffre zu fassen.
Erst in den letzten Jahren ist in unterschiedlichen Forschungsprojekten versucht worden, die Kategorie der Säkularisierung im Hinblick auf historisch-empirische Studien zur Frühneuzeit nutzbar zu machen. Neben der klassischen und weitgehend gut erforschten Perspektive der Säkularisierung von Politik und Recht sind auch weitere, vorwiegend kulturelle Objekte und Gesellschaftsbereiche in den Blick der Forschung getreten, etwa literarische Texte oder wissenschaftliche Praktiken. Insgesamt besteht aber nach wie vor Diskussionsbedarf sowohl hinsichtlich der begrifflichen Schärfung und methodischen Operationalisierung der Säkularisierungskategorie als auch hinsichtlich ihrer empirischen Anwendbarkeit. Die klassische soziologische wie philosophische Debatte, ob Säkularisierung einen Rückgang von Religion oder eine Transformation religiöser Gehalte beschreibe, ist zum Beispiel im Hinblick auf das Verhältnis von Säkularisierung und Konfessionalisierung (als der anderen großen Interpretationskategorie der Frühneuzeitforschung) zu diskutieren.
Im Kontext derzeitiger Forschung ist zu fragen, welches überhaupt die Objekte von Säkularisierung sind und wie sie sichtbar wird? Ist Säkularisierung ein Prozeß, der die gesamte soziale Ordnung betrifft und ihre Repräsentationen grundlegend umgestaltet? Oder wirkt sie auf Teilbereiche und ihre partikularen Deutungsmustern ein? Wie wandelten sich vormals religiöse Deutungskategorien im Prozeß von Konfessionalisierung und Säkularisierung? Wurden im 16. und 17. Jahrhundert die Grenzen von „Profanität“ und „Sakralität“ neu verhandelt? Oder wurden durch die Etablierung konfessioneller Repräsentationen säkulare Deutungsmuster und Semantiken gleichsam als „Nebenprodukt“ frei gesetzt?
Ist es damit sinnvoll möglich, von einer Säkularisierung so verschiedener Objekte wie des Königtums, des Wassers oder des Mondes sprechen? Geht Säkularisierung mit einem Verlust an Religion einher oder läßt sich eher von einer Verstärkung von sakralen Repräsentationen in einigen Bereichen bei gleichzeitiger Säkularisierung in anderen sprechen? Wie sind diese Teilsäkularisierungen schließlich mit gesamtgesellschaftlichen Wandlungsprozessen verbunden?
Eine Klärung dieser Probleme soll auf unserem Workshop nicht rein theoretisch geschehen, sondern im Durchgang durch verschiedene empirische Fallstudien aus unterschiedlichen historisch arbeitenden Disziplinen (Kirchengeschichte, Philosophiegeschichte, politische Geschichte, Kunstgeschichte, Literaturgeschichte). Ausgewiesene Spezialisten von Themen, die im weiten oder engen Sinne mit Säkularisierungsprozessen zusammenhängen, werden dabei ihre Forschungen vorstellen und mit uns über Inhalt und Nutzen der Kategorie der Säkularisierung diskutieren. Unsere eigene, aus den Leitlinien des SFB 640 hervorgehende Perspektive – daß es nämlich ein sinnvoller Zugang zum Säkularisierungsproblem ist, sich ihm über verschiedene sich wandelnde Repräsentationen sozialer Ordnung zu nähern – soll dabei in der interdisziplinären Konfrontation mit anderen Ansätzen erprobt werden.
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