Mitarbeitende:
Obwohl Religion nominal nur in einem der Teilprojekte des SFB 640 die Themenstellung bestimmt, spielen Fragen nach dem Verhältnis von Säkularität und Sakralität, nach den Formen und Genres ihrer Repräsentation sowie nach den je spezifischen Konstellationen ihrer gegenseitigen Bezogenheit in einer größeren Zahl von Teilprojekten eine bedeutsame Rolle. Diesem Umstand trägt die der Kürze halber "AG Religion" genannte interdisziplinäre Arbeitsgruppe Rechnung, die sich jedoch tatsächlich nicht einfach mit Religion, sondern mit den je kultur- und epochenspezifischen Verhältnissen der Herausbildung und des relationalen Fortbestehens von Religion und dem Säkularen beschäftigt. In der AG kooperieren Historiker des Mittelalters und der frühen Neuzeit mit Mittelasien- und Lateinamerikaspezialisten, Ethnologen, Afrikanisten und Sozialwissenschaftlern. Der Verständigungsbedarf und -aufwand über Fach- und Epochengrenzen hinweg ist hoch. Für Einsichten in die Pluralität und Kulturspezifik unterschiedlicher, wissenschaftlicher wie alltäglicher Begriffe des Religiösen und des Säkularen, ihrer Repräsentationen und sozialen Praktiken, ist aber ein so breit intertemporär wie interkulturell vergleichendes Arbeiten besonders produktiv.
Im Zentrum der gemeinsamen Arbeit der AG stehen Muster und Prozesse des Transfers, der Übersetzung und der Transformation am Übergang zwischen religiösen und profan-säkularen Orten, Objekten, Konzepten und Praktiken, die sowohl analytisch wie empirisch untersucht werden. Daten und Quellen zu unterschiedlichen Verläufen und Formen der Grenzziehung zwischen Religion und Nicht-Religion entstammen bereits veröffentlichten historiographischen und ethnographischen Fallstudien, vor allem aber den eigenen Forschungsprojekten. Einen zweiten frühen Schwerpunkt der Zusammenarbeit bildeten außerdem Konzepte säkularer und religiöser Öffentlichkeit. Die im Frühling 2007 von der Arbeitsgruppe „Religion“ ausgerichtete internationale Tagung „Religion and It’s Other: Secular and Sacral Concepts and Practices in Interaction“ stellte dezidiert die gegenseitige Durchdringung und das interaktive Verhältnis von Religion und Säkularität in einem historisch und kulturell breit gefächerten Spektrum unterschiedlicher Situationen in den Mittelpunkt ihres analytischen Interesses. Am Beispiel historischer, ethnologischer sowie islam-, religions- und kulturwissenschaftlicher Fallstudien wurde diskutiert, wie sich Konzepte und Praxen des Säkularen und des Religiösen in antagonistischen oder affirmativen Verhältnissen und Relationen herausbilden und gegenseitig durchdringen und verändern können. Ins Zentrum rückten hierbei die Mobilität und Dynamik, die Modifizierbarkeit und die Uneindeutigkeit unterschiedlicher Praktiken und Konzepte des Säkularen und des Religiösen in Raum und Zeit.
Aus der Tagung wird ein englischsprachiger Sammelband „Religion and Its Other: Secular and Sacral Concepts and Practices in Interaction“, hrsg. von Heike Bock / Jörg Feuchter / Michi Knecht, Campus: Frankfurt am Main und New York (voraussichtlich Herbst 2008) hervorgehen. Die Beiträge des Sammelbandes problematisieren universalisierende und zu homogene Konzepte von Religion und Säkularität, in dem sie einerseits detailliert die Genealogien von Konzepten und Repräsentationen rekonstruieren und andererseits in historischen wie kulturwissenschaftlichen Fallstudien Praktiken der Grenzziehung, der Disziplinierung, der Enkorporation und der Subjektivierung durch Religion wie durch säkulare Regime untersuchen. Formationen des religiösen und säkularen Selbst, säkulare und religiöse Heilpraktiken, Reformbewegungen und das Verhältnis zwischen Religiosität und Staatlichkeit in Islam, Christentum und Judentum werden dabei sowohl komparativ als auch in der Perspektive auf Transfers und Translationen in den Blick genommen.