Sonderforschungsbereich 640
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1. Deutsche Ankündigung / German prospectus
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2. Englische Ankündigung / English prospectus
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Ankündigung des Workshops

Genealogische Praktiken:
Transdisziplinäre Kartographie eines Denkstils

I. Fragen nach der Aktivität und Aktualität genealogischer Praktiken

Was tun genealogische Praktiken eigentlich und was tun wir mit ihnen?
Wie tun sie das, was sie tun und wer sind ihre Akteure? Wie können wir mehr über ihre relationalen Gefüge verstehen?

Die Frage nach der Aktivität dieser Praktiken ist keineswegs nur für Historikerinnen und Historiker des Mittelalters oder der Adelsgeschlechter relevant, sondern ist von großer Aktualität. Genealogische Methoden und Verfahren bilden einen festen Bestandteil des Wissenskorpus so unterschiedlicher Disziplinen wie der Geschichtswissenschaften, der Medizin, der Anthropologie, der Biologie und der Rechtswissenschaften, um nur einige zu nennen. Sie werden benutzt um die Spur des Pathologischen durch Generationen hinweg zu verfolgen, um die Theorie der Evolution zu veranschaulichen, um Verwandtschaft zu untersuchen, um Beziehungen zu legitimieren. Aber auch außerhalb wissenschaftlicher und akademischer Institutionen spielen genealogische Praktiken eine wichtige Rolle, z. B. in der Familien- und Ahnenforschung, in Entscheidungen des Staates über Migrationsmöglichkeiten, soziale Hilfen und medizinische Ressourcen, im Staatsbürgerschafts- und Erbrecht und im Gesundheitssektor. Sie finden sich überall dort, wo Fragen des Ursprungs und des Anspruchs geklärt werden, wo Gedächtnisbildung und Identitätspolitik geboten erscheinen, wo (kulturelle) Erbschaften verteidigt oder angefochten werden.

Der Ubiquität und der historischen Beständigkeit dieser Praktiken steht ein Befund gegenüber, den Sarah Franklin in ihrem neuen Buch über die Geschichte und die Praktiken des Klonens erhebt.1 Sie entwickelt ihre Untersuchung explizit mit dem Begriff der Genealogie und weist darauf hin, dass Genealogie zu den wichtigsten Begriffen modernen kritischen Denkens gehöre, der aber gleichzeitig immer seltsam vage und theoretisch unterentwickelt bleibe. Was ist das für ein Gegenstand, der anwesend und abwesend zugleich zu sein scheint? Offenkundig ergeben sich besondere Schwierigkeiten, wenn man über genealogische Praktiken forschen will. Die Frage nach der Aktivität der genealogischen Praktiken, aber auch die besonderen Probleme und Fragen in der Arbeit über diese Praktiken sollen Gegenstand des Workshops sein.

II. Probleme bei der Erforschung genealogischer Praktiken

Zunächst fällt die Widersprüchlichkeit dieser Praktiken ins Auge. Trotz ihrer merkwürdig scheinenden historischen Beständigkeit entfalten genealogische Praktiken offenkundig eine große Dynamik, Anpassungsfähigkeit und Variabilität. Als Teil modernster genetischer Forschung sind sie Gegenstand unterschiedlichster Deutungen geworden. Während einige kulturwissenschaftliche Studien (im deutschsprachigen Raum v.a. Sigrid Weigel) von einer beständigen Genetisierung der Genealogie (oder gar Inkorporation der Genealogie durch die Genetik) ausgehen, kommen vor allem praxistheoretisch und empirisch-ethnographisch ausgerichtete Untersuchungen (Sarah Franklin, Jeanette Edwards, Rayna Rapp) zu dem Schluss, dass selbst im Herzen biomedizinischer Techniken und Forschungen (wie z. B. der Pränataldiagnostik) degenetisierende Bewegungen zu erkennen sind. Im Zeichen biotechnologischer Entwicklungen und im Verweis auf spezifische biotechnologische Verfahren wie Kryokonservierung, Klonierung und Reproduktionstechnologien wurde bereits die Hoffnung auf ein 'postgenealogisches Zeitalter' ausgerufen. Das lässt sich auch als Versuch lesen, sich technologisch Fortschritt heischend der Bürden dieser teils historisch diskreditierten Praktiken und ihrer diskriminierenden Folgen entledigen zu können.
Eine der Hauptfunktionen genealogischer Praktiken ist es, zu ordnen, zu klassifizieren, Grenzen zu ziehen und sichtbar zu machen, Zugehörigkeiten zu definieren und so durch machtvolle In- und Exklusionsstrategien, Klarheiten zu schaffen (auf wessen Kosten auch immer): Dagegen scheint es bei wissenschaftliche Untersuchungen über die Aktivität dieser Praktiken schwierig zu sein, sich ihnen gegenüber in ein ähnlich distanziertes, klares und geordnetes Verhältnis zu setzen. Irgendwie ist man, ehe man sich versieht, immer mittendrin. Wenn Franklin ergänzt, dass genealogische Praktiken einen 'überall' hinbringen können, so treten zu der erfahrenen Unbestimmtheit auch noch ihre Dichte (Franklin) und Uneindeutigkeit. 

Was sind Gründe für diese Schwierigkeiten, sich zu distanzieren, sich einen sicheren theoretischen Boden außerhalb dieser Praktiken zu schaffen? Und könnte es sein, dass die Schwierigkeiten dazu beitragen, dass der Begriff der 'Genealogie' theoretisch so unterentwickelt ist, wie Franklin beklagt?
Auffallend ist die Hybridität genealogischer Praktiken: Sie sind weder der Natur noch der Kultur eindeutig zuzuordnen, vielmehr wirken sie als Nahtstellen oder als kontinuierlicher Saum. Sie formen die Muster im Gewebe von Natur und Kultur.
Ihre Präsenz und ihre unterschiedlichen Wirkungsweisen sind für uns oft nur schwer, manchmal überhaupt nicht, zu erkennen. So ist z. B. unser Wissen und unsere Wissensproduktion – gerade in akademisch-universitären Kontexten – erheblich durch genealogische Praktiken strukturiert. Das Ausmaß und die Art und Weise, wie das geschieht sind uns oft unklar. Wissensweisen, Wissensweitergabe, Wissenstradierung, z. B. durch akademische Schulen- und Familienbildung, sind zutiefst durchtränkt von diesen Praktiken. Forschungsmethode, Untersuchungsgegenstand, ja vielleicht sogar die Matrix unserer Erkenntnisproduktion sind so kaum voneinander zu trennen.
Es scheint schwierig, vielleicht sogar unmöglich zu sein, genealogische Praktiken in einem klassisch-analytischen Rahmen zu untersuchen oder mit einem kritischen Ansatz, indem man versucht sein Untersuchungsobjekt von anderen Phänomenen zu trennen oder zu isolieren. Bei den Versuchen, Fragen nach einer möglichen Postgenealogie zu formulieren oder nach dem möglichen Außerhalb, nach der Grenze dieser Praktiken, scheint man sich immer nur wieder durch diese Praktiken gefangen nehmen zu lassen. Die Frage lautet also: Sind klassische, analytische und kritische Verfahren zur Erforschung genealogischer Praktiken ausreichend? Offenkundig sind sie sehr trickreich darin, sich einer typischen Distanzierung durch kritische Begriffsbildung, durch Bildung von Theorien und Hypothesen und der kritischen Überprüfung zu entziehen. Ständig scheint man sich im Kreis zu drehen. Die spannende Frage lautet: Wie kommt man heraus?

III. Konzept des Workshops

Der Workshop sucht daher methodisch nach anderen Zugängen, um sich genealogischen Praktiken zu nähern. In ihrem Buch „1000 Plateaus“, das eine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit genealogischen Strukturen und Praktiken ist, unterscheiden Deleuze und Guattari zwischen zwei verschiedenen Formen der Wissensproduktion. Eine davon nennen sie itinerativ, folgend, nachfolgend. Statt wie üblicherweise in der Wissenschaft am Rand des Flusses zu stehen, aus der Distanz Phänomene zu beobachten und zu messen, versucht man bei itinerativen Wissensweisen, den Phänomenen so nahe wie möglich zu kommen, sie im immanenten Nachvollzug verstehen zu können. Man befindet sich nach- und miterfahrend im Fluss und ist daher seinen Strömungen anders ausgesetzt. Welche Verfahren und Haltungen charakterisieren diese Art der Wissensproduktion?

Im Zentrum des Workshops sollen beschreibende, vergleichende und wiederholende Verfahren stehen. Das Material der einzelnen Fallstudien aus Wissenschafts- und Kulturgeschichte, Ethnologie und Wissenschaftsforschung soll nicht in den Dienst einer übergeordneten These gestellt werden, als dessen Beleg oder Widerspruch es zu gelten hat. Vielmehr soll durch die Umkehr der Hierarchisierung von Theorie und Praxis, die Bedeutung und Wichtigkeit des Materials der einzelnen Fallstudien gestärkt werden.
Durch eine Fokussierung auf den Praxisbegriff der Genealogie, durch genaues Beschreiben soll sich das Netz genealogischer Praktiken entfalten. Das Nebeneinanderlegen des Materials und die Anordnung der Fallstudien nach interdisziplinären Kriterien sollen helfen, unterschiedliche Muster in den typischen Zutaten und Produkten genealogischer Praktiken wie Geschlecht, Verwandtschaft, Familie, Ordnung, Gedächtnis, Weitergabe / Vererbung erkennen zu können.
Verschränkt und verknüpft wird das Material durch eine doppelte Kommentarstruktur und durch verschiedene 'kartographische Übungen', wie den 'offenen Raum' zur Materialzirkulation, eine Einführung in Theorie und Praxis der Kartographie und eine Roundtable-Diskussion. Diese unterschiedlichen Formen des "inner- und interkollektiven Denkverkehrs" (Ludwik Fleck) sollen behilflich sein, der Beweglichkeit der genealogischen Praktiken quer durch unterschiedliche Zeiten, Orte und Disziplinen zu folgen.
Lassen sich die Muster, die wir bei dieser Bewegung wahrnehmen und die unterschiedlichen Aktivitäten dieser Praktiken, die wir aufspüren, durch die verschiedenen Wiederholungen besser erkennen? Welche Verschiebungen ergeben sich durch die wiederholenden Verfahren? Lassen sich auf diese Weise eher allgemeinere Aussagen über genealogische Praktiken machen als auf dem Wege kritischer Begriffsbildung? Liegt eine mögliche Antwort auf unsere Fragen im weiteren Verdichten und Zuspitzen dieser Bewegungsmuster, also eher in der Wiederholung, in der Silbe 're' als im 'post'?
Mit Hilfe dieser Workshopstruktur hoffen wir eine erste Karte genealogischer Praktiken anlegen zu können. Inspiriert von den kartographischen Überlegungen Deleuzes und Guattaris, hat die Karte nicht die Funktion, bestimmte Formen genealogischer Praktiken spezifischen Koordinaten zuzuordnen, um diese dort zu fixieren. Vielmehr funktioniert diese Art Karte wie eine 'Marauder's map', eine Karte, die der grundsätzlichen Mobilität genealogischer Praktiken und ihres Herumtreibens durch die Zeiten und Disziplinen gerecht werden soll.

Fussnoten:
1 Sarah Franklin (2007): Dolly Mixtures. The Remaking of Genealogy. Durham und London: Duke University Press.

Prospectus for the workshop

Genealogical Practices: Transdisciplinary Cartography of a Style of Thinking

I. Questions about the agency and topicality of genealogical practices

What are genealogical practices doing? What are we doing with them? How are they doing what they do? Who is their agent? And how can we learn more about their relationality?

Investigating the agency of genealogical practices is not only interesting for historians of the Middle Ages or for those who want to trace noble lineages – it's a question of major concern for contemporary life. Genealogical methods are an established part of the scientific canon in such diverse disciplines as history, medicine, anthropology, biology, and law, to name but a few. They are used to trace pathological features through the course of generations, to visualize the theory of evolution, to explore kinship structures, and to legitimize relationships. Beyond scientific and academic institutions, genealogical practices play a crucial role in private ancestry research; in government decisions on migration policies, social benefits and medical aid; in citizenship laws and in inheritance legislature. In short, one can generally find such practices wherever questions of origin are asked, claims for power and inheritance are raised, wherever politics of memory and identity are to be installed or (cultural) legacies are to be refuted or defended.

Yet even though genealogical practices seem to be ubiquitous and robust, they are also shadowy. Sarah Franklin, in her new book on the history and practices of cloning, draws upon this ubiquity, simultaneously noting that geneaology might be seen as one of the "most important, but vague and undertheorized terms in contemporary critical thought".

Obviously one encounters specific difficulties when researching genealogical practices. These difficulties, as well as the above-mentioned questions about the agency of these practices, will be the subject of our workshop.


II. Investigating genealogical practices

Genealogical practices are characterized by a fair amount of contradiction. Although they appear to be permanent and continuous throughout history, genealogical practices actually demonstrate an enormous mutability, flexibility, and variability. As part of modern genetic research these practices have been subject to diverse interpretations: whereas recent investigations in German cultural studies are convinced that genealogical practices are constantly geneticized and incorporated into and dominated by biology and genetics, anthropologists and social scientists like Sarah Franklin, Rayna Rapp, and Jeanette Edwards were able to demonstrate that even in central modern biomedical techniques like prenatal screening a tendency towards a degeneticization of genealogy can be seen.

The development of biotechnologies such as cryoconservation, cloning, and certain assisted reproductive technologies, as well as their tendencies to undermine unidirectional temporalities and the hierarchical orders of genealogical systems, even raised hopes for a postgenealogical era. This development, however, can also be understood as an attempt to use technological progress to get rid of genealogical practices, thought to be historically-discredited and discriminative.

One of the main functions of genealogical practices consists of ordering, classifying, ranking, and categorizing. Whereas they are extremely powerful in their strategies of inclusion and exclusion, in drawing boundaries and clarifying ambiguous situations, it seems to be much more difficult to create similar clarity and order in the analysis of the activity of genealogical practices themselves. It appears difficult to investigate these practices from an external position, as we are all of course smack in the middle of them. However, indeterminacy also affects other aspects of genealogy. Franklin points out that by following genealogical practices one is being led in "unpredictable directions" and can end up anywhere. Thus the experience of indeterminacy is supplemented by thickness and equivocality.

Also striking is the hybridity of genealogical practices. Neither clearly related to either the realms of 'nature' nor 'culture' they are interwoven with the patterns of both. Their presence and their effectiveness are often not easily identifiable. For example, knowledge and knowledge production in academic contexts are largely structured by genealogical practices. We are often unaware of how and how much they actually organize academic education. Ways of knowing, the transfer of knowledge and the establishment of traditions of knowledge, i.e. by academic schools or families, are deeply saturated by these practices. Research method, subject, and perhaps even the matrix of our knowledge production are all hardly distinguishable from one another. Therefore it is difficult, maybe almost impossible (as of now) to understand genealogical practices within the normal scientific analytical framework or with a critical approach which isolates the phenomenon from its background. By asking critical questions about the frontier 'beyond' genealogy, one often ends up captured by the very same practices again. Do traditional analytical and critical methods actually suffice for investigating genealogical practices? It would rather seem that they have a tendency to evade all kinds of scientific distancing such as the formation of critical concepts or the construction of theories.


III. Concept of the Workshop

Our workshop intends to look for other possible methodological approaches with which to explore genealogical practices. In their book 'A Thousand Plateaus' – a passionate argument against genealogical practices and structures – Deleuze and Guattari distinguish between two different modes of knowledge production. One of them they call 'itinerary', (pursuing). Instead of observing and measuring phenomena from the riverbank – as is usually done in science – one tries to get as close to the research subject as possible, finding oneself in the river, exposed to the drift, carried off by one's experience to swim. What kind of methods and attitudes are important for this mode of knowledge production?

To answer this question, the workshop will use methods of description, comparison and iteration. Various case studies from the history of science and cultural history, from anthropology and science studies will not be scrutinized in the service of a superior thesis (such as geneticization or degeneticization) – rather, by reversing the hierarchy between theory and practice the importance of the material itself will increase.

By focusing on the notion of practice and in-depth description, the network of genealogical practices can unfold. Putting data side-by-side and arranging case studies in an interdisciplinary order will make it possible to recognize various patterns among the ordinary ingredients and products of genealogical practices such as gender / sex, kinship, family, order, memory, inheritance, classification …

An introduction into the theory and practice of cartography, certain cartographic exercises (such as an 'open space' for the circulation of material), and a roundtable discussion are all aimed at linking the different case studies. The structure of dual comments from a historical and from an anthropological perspective on each paper will further interweave the data. These different modes of "inner- and inter-collective thought circulation" (Ludwik Fleck) should help us follow the mobility of genealogical practices on their way through different times, spaces, and disciplines.

Can we recognize other patterns by their recurrence in the material? What kinds of shifts result from iterative procedures? Can we really reach more general conclusions on genealogy by moving around, or is it better to look for a safe haven from which to apply our critical thinking? Will we achieve a better understanding by further condensation and sharpening of the movements and patterns we have already managed to identify? Could it be, that one possible answer to our questions rests in the iteration itself, in the "re-syllable" and not in the "post-syllable"?

By setting up the workshop in this way, we hope to create a provisional map of genealogical practices. Following the considerations of Deleuze and Guattari, the aim of this map won't be to fix and secure special forms of genealogical practices and assign them to specific coordinates, but rather to function as a 'marauder's map', a diagram / graph of possibilities which might be able to cope with the essential mobility of genealogical practices and their roaming across times and disciplines.

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