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| Ankündigung des Workshops | |
Genealogische Praktiken: Transdisziplinäre Kartographie eines Denkstils
I. Fragen nach der Aktivität und Aktualität
genealogischer PraktikenWas tun genealogische
Praktiken eigentlich und was tun wir mit ihnen? Wie tun sie das, was sie
tun und wer sind ihre Akteure? Wie können wir mehr über ihre relationalen
Gefüge verstehen?
Die Frage nach der
Aktivität dieser Praktiken ist keineswegs nur für Historikerinnen und
Historiker des Mittelalters oder der Adelsgeschlechter relevant, sondern ist
von großer Aktualität. Genealogische Methoden und Verfahren bilden einen festen
Bestandteil des Wissenskorpus so unterschiedlicher Disziplinen wie der
Geschichtswissenschaften, der Medizin, der Anthropologie, der Biologie und der
Rechtswissenschaften, um nur einige zu nennen. Sie werden benutzt um die Spur
des Pathologischen durch Generationen hinweg zu verfolgen, um die Theorie der
Evolution zu veranschaulichen, um Verwandtschaft zu untersuchen, um Beziehungen
zu legitimieren. Aber auch außerhalb wissenschaftlicher und akademischer
Institutionen spielen genealogische Praktiken eine wichtige Rolle, z. B. in der
Familien- und Ahnenforschung, in Entscheidungen des Staates über
Migrationsmöglichkeiten, soziale Hilfen und medizinische Ressourcen, im
Staatsbürgerschafts- und Erbrecht und im Gesundheitssektor. Sie finden sich
überall dort, wo Fragen des Ursprungs und des Anspruchs geklärt werden, wo
Gedächtnisbildung und Identitätspolitik geboten erscheinen, wo (kulturelle)
Erbschaften verteidigt oder angefochten werden.
Der Ubiquität und der
historischen Beständigkeit dieser Praktiken steht ein Befund gegenüber, den
Sarah Franklin in ihrem neuen Buch über die Geschichte und die Praktiken des
Klonens erhebt.1 Sie entwickelt ihre Untersuchung explizit mit dem Begriff der
Genealogie und weist darauf hin, dass Genealogie
zu den wichtigsten Begriffen modernen kritischen Denkens gehöre, der aber
gleichzeitig immer seltsam vage und theoretisch unterentwickelt bleibe. Was ist
das für ein Gegenstand, der anwesend und abwesend zugleich zu sein scheint?
Offenkundig ergeben sich besondere Schwierigkeiten, wenn man über genealogische Praktiken forschen
will. Die Frage nach der Aktivität der genealogischen Praktiken, aber auch die
besonderen Probleme und Fragen in der Arbeit über diese Praktiken sollen
Gegenstand des Workshops sein.
II. Probleme bei der Erforschung genealogischer
Praktiken
Zunächst fällt die
Widersprüchlichkeit dieser Praktiken ins Auge. Trotz ihrer merkwürdig
scheinenden historischen Beständigkeit entfalten genealogische
Praktiken
offenkundig eine große Dynamik, Anpassungsfähigkeit und Variabilität.
Als
Teil modernster genetischer Forschung sind sie Gegenstand
unterschiedlichster
Deutungen geworden. Während einige kulturwissenschaftliche Studien (im
deutschsprachigen Raum v.a. Sigrid Weigel) von einer beständigen
Genetisierung
der Genealogie (oder gar Inkorporation der Genealogie durch die
Genetik)
ausgehen, kommen vor allem praxistheoretisch und
empirisch-ethnographisch
ausgerichtete Untersuchungen (Sarah Franklin, Jeanette Edwards, Rayna
Rapp) zu dem Schluss, dass
selbst im Herzen biomedizinischer Techniken und Forschungen (wie z. B.
der
Pränataldiagnostik) degenetisierende Bewegungen zu erkennen sind. Im
Zeichen
biotechnologischer Entwicklungen und im Verweis auf spezifische
biotechnologische Verfahren wie Kryokonservierung, Klonierung und
Reproduktionstechnologien wurde bereits die Hoffnung auf ein
'postgenealogisches Zeitalter' ausgerufen. Das lässt sich auch als
Versuch
lesen, sich technologisch Fortschritt heischend der Bürden dieser teils
historisch
diskreditierten Praktiken und ihrer diskriminierenden Folgen entledigen
zu
können. Eine der Hauptfunktionen
genealogischer Praktiken ist es, zu ordnen, zu klassifizieren, Grenzen zu
ziehen und sichtbar zu machen, Zugehörigkeiten zu definieren und so durch
machtvolle In- und Exklusionsstrategien, Klarheiten zu schaffen (auf wessen
Kosten auch immer): Dagegen scheint es bei wissenschaftliche Untersuchungen
über die Aktivität dieser Praktiken schwierig zu sein, sich ihnen gegenüber in
ein ähnlich distanziertes, klares und geordnetes Verhältnis zu setzen.
Irgendwie ist man, ehe man sich versieht, immer mittendrin. Wenn Franklin
ergänzt, dass genealogische Praktiken einen 'überall' hinbringen können, so
treten zu der erfahrenen Unbestimmtheit auch noch ihre Dichte (Franklin) und
Uneindeutigkeit.
Was sind Gründe für diese
Schwierigkeiten, sich zu distanzieren, sich einen sicheren theoretischen Boden
außerhalb dieser Praktiken zu schaffen? Und könnte es sein, dass die
Schwierigkeiten dazu beitragen, dass der Begriff der 'Genealogie' theoretisch
so unterentwickelt ist, wie Franklin beklagt? Auffallend ist die
Hybridität genealogischer Praktiken: Sie sind weder der Natur noch der Kultur
eindeutig zuzuordnen, vielmehr wirken sie als Nahtstellen oder als kontinuierlicher
Saum. Sie formen die Muster im Gewebe von Natur und Kultur. Ihre Präsenz und ihre
unterschiedlichen Wirkungsweisen sind für uns oft nur schwer, manchmal
überhaupt nicht, zu erkennen. So ist z. B. unser Wissen und unsere
Wissensproduktion – gerade in akademisch-universitären Kontexten – erheblich
durch genealogische Praktiken strukturiert. Das Ausmaß und die Art und Weise,
wie das geschieht sind uns oft unklar. Wissensweisen, Wissensweitergabe,
Wissenstradierung, z. B. durch akademische Schulen- und Familienbildung, sind
zutiefst durchtränkt von diesen Praktiken. Forschungsmethode,
Untersuchungsgegenstand, ja vielleicht sogar die Matrix unserer
Erkenntnisproduktion sind so kaum voneinander zu trennen. Es scheint schwierig,
vielleicht sogar unmöglich zu sein, genealogische Praktiken in einem
klassisch-analytischen Rahmen zu untersuchen oder mit einem kritischen Ansatz,
indem man versucht sein Untersuchungsobjekt von anderen Phänomenen zu trennen
oder zu isolieren. Bei den Versuchen, Fragen nach einer möglichen
Postgenealogie zu formulieren oder nach dem möglichen Außerhalb, nach der
Grenze dieser Praktiken, scheint man sich immer nur wieder durch diese
Praktiken gefangen nehmen zu lassen. Die Frage lautet also: Sind klassische,
analytische und kritische Verfahren zur Erforschung genealogischer Praktiken
ausreichend? Offenkundig sind sie sehr trickreich darin, sich einer typischen
Distanzierung durch kritische Begriffsbildung, durch Bildung von Theorien und
Hypothesen und der kritischen Überprüfung zu entziehen. Ständig scheint man
sich im Kreis zu drehen. Die spannende Frage lautet: Wie kommt man heraus?
III. Konzept des Workshops
Der Workshop sucht daher
methodisch nach anderen Zugängen, um sich genealogischen Praktiken zu nähern.
In ihrem Buch „1000 Plateaus“, das eine leidenschaftliche Auseinandersetzung
mit genealogischen Strukturen und Praktiken ist, unterscheiden Deleuze und
Guattari zwischen zwei verschiedenen Formen der Wissensproduktion. Eine davon
nennen sie itinerativ, folgend, nachfolgend. Statt wie üblicherweise in der
Wissenschaft am Rand des Flusses zu stehen, aus der Distanz Phänomene zu
beobachten und zu messen, versucht man bei itinerativen Wissensweisen, den
Phänomenen so nahe wie möglich zu kommen, sie im immanenten Nachvollzug verstehen
zu können. Man befindet sich nach- und miterfahrend im Fluss und ist daher
seinen Strömungen anders ausgesetzt. Welche Verfahren und Haltungen
charakterisieren diese Art der Wissensproduktion?
Im Zentrum des Workshops
sollen beschreibende, vergleichende und wiederholende Verfahren stehen. Das
Material der einzelnen Fallstudien aus Wissenschafts- und Kulturgeschichte,
Ethnologie und Wissenschaftsforschung soll nicht in den Dienst einer
übergeordneten These gestellt werden, als dessen Beleg oder Widerspruch es zu
gelten hat. Vielmehr soll durch die Umkehr der Hierarchisierung von Theorie und
Praxis, die Bedeutung und Wichtigkeit des Materials der einzelnen Fallstudien
gestärkt werden. Durch eine Fokussierung
auf den Praxisbegriff der Genealogie, durch genaues Beschreiben soll sich das
Netz genealogischer Praktiken entfalten. Das Nebeneinanderlegen des Materials
und die Anordnung der Fallstudien nach interdisziplinären Kriterien sollen
helfen, unterschiedliche Muster in den typischen Zutaten und Produkten genealogischer
Praktiken wie Geschlecht, Verwandtschaft, Familie, Ordnung, Gedächtnis,
Weitergabe / Vererbung erkennen zu können. Verschränkt
und verknüpft
wird das Material durch eine doppelte Kommentarstruktur und durch
verschiedene 'kartographische Übungen', wie den 'offenen Raum' zur
Materialzirkulation, eine
Einführung in Theorie und Praxis der Kartographie und eine
Roundtable-Diskussion. Diese unterschiedlichen Formen des "inner- und
interkollektiven Denkverkehrs" (Ludwik Fleck) sollen behilflich sein,
der
Beweglichkeit der genealogischen Praktiken quer durch unterschiedliche
Zeiten,
Orte und Disziplinen zu folgen. Lassen sich die Muster,
die wir bei dieser Bewegung wahrnehmen und die unterschiedlichen Aktivitäten
dieser Praktiken, die wir aufspüren, durch die verschiedenen Wiederholungen
besser erkennen? Welche Verschiebungen ergeben sich durch die wiederholenden
Verfahren? Lassen sich auf diese Weise eher allgemeinere Aussagen über
genealogische Praktiken machen als auf dem Wege kritischer Begriffsbildung?
Liegt eine mögliche Antwort auf unsere Fragen im weiteren Verdichten und
Zuspitzen dieser Bewegungsmuster, also eher in der Wiederholung, in der Silbe 're' als im 'post'? Mit Hilfe dieser
Workshopstruktur hoffen wir eine erste Karte genealogischer Praktiken anlegen
zu können. Inspiriert von den kartographischen Überlegungen Deleuzes und
Guattaris, hat die Karte nicht die Funktion, bestimmte Formen genealogischer
Praktiken spezifischen Koordinaten zuzuordnen, um diese dort zu fixieren.
Vielmehr funktioniert diese Art Karte wie eine 'Marauder's map', eine Karte,
die der grundsätzlichen Mobilität genealogischer Praktiken und ihres
Herumtreibens durch die Zeiten und Disziplinen gerecht werden soll. Fussnoten:1 Sarah Franklin (2007): Dolly Mixtures. The Remaking of Genealogy. Durham und London: Duke University Press.
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| Prospectus for the workshop | |
Genealogical Practices: Transdisciplinary Cartography of a Style of ThinkingI. Questions about the agency and topicality of
genealogical practices
What are
genealogical practices doing? What are we doing with them? How are they doing
what they do? Who is their agent? And how can we learn more about their
relationality?
Investigating
the agency of genealogical practices is not only interesting for historians of
the Middle Ages or for those who want to trace noble lineages – it's a question
of major concern for contemporary life. Genealogical methods are an established
part of the scientific canon in such diverse disciplines as history, medicine,
anthropology, biology, and law, to name but a few. They are used to trace
pathological features through the course of generations, to visualize the
theory of evolution, to explore kinship structures, and to legitimize relationships.
Beyond scientific and academic institutions, genealogical practices play a
crucial role in private ancestry research; in government decisions on migration
policies, social benefits and medical aid; in citizenship laws and in
inheritance legislature. In short, one can generally find such practices
wherever questions of origin are asked, claims for power and inheritance are
raised, wherever politics of memory and identity are to be installed or
(cultural) legacies are to be refuted or defended.
Yet even
though genealogical practices seem to be ubiquitous and robust, they are also
shadowy. Sarah Franklin, in her new book on the history and practices of
cloning, draws upon this ubiquity, simultaneously noting that geneaology might
be seen as one of the "most important, but vague and undertheorized terms in
contemporary critical thought".
Obviously
one encounters specific difficulties when researching genealogical practices.
These difficulties, as well as the above-mentioned questions about the agency
of these practices, will be the subject of our workshop.
II. Investigating genealogical practices
Genealogical
practices are characterized by a fair amount of contradiction. Although they
appear to be permanent and continuous throughout history, genealogical practices
actually demonstrate an enormous mutability, flexibility, and variability. As
part of modern genetic research these practices have been subject to diverse
interpretations: whereas recent investigations in German cultural studies are
convinced that genealogical practices are constantly geneticized and
incorporated into and dominated by biology and genetics, anthropologists and
social scientists like Sarah Franklin, Rayna Rapp, and Jeanette Edwards were
able to demonstrate that even in central modern biomedical techniques like
prenatal screening a tendency towards a degeneticization of genealogy can be
seen.
The
development of biotechnologies such as cryoconservation, cloning, and certain
assisted reproductive technologies, as well as their tendencies to undermine
unidirectional temporalities and the hierarchical orders of genealogical
systems, even raised hopes for a postgenealogical era. This development,
however, can also be understood as an attempt to use technological progress to
get rid of genealogical practices, thought to be historically-discredited and
discriminative.
One of the
main functions of genealogical practices consists of ordering, classifying,
ranking, and categorizing. Whereas they are extremely powerful in their
strategies of inclusion and exclusion, in drawing boundaries and clarifying
ambiguous situations, it seems to be much more difficult to create similar
clarity and order in the analysis of the activity of genealogical practices
themselves. It appears difficult to investigate these practices from an
external position, as we are all of course smack in the middle of them.
However, indeterminacy also affects other aspects of genealogy. Franklin points out that by following
genealogical practices one is being led in "unpredictable directions" and can
end up anywhere. Thus the experience of indeterminacy is supplemented by
thickness and equivocality.
Also
striking is the hybridity of genealogical practices. Neither clearly related to
either the realms of 'nature' nor 'culture' they are interwoven with the
patterns of both. Their presence and their effectiveness are often not easily
identifiable. For example, knowledge and knowledge production in academic
contexts are largely structured by genealogical practices. We are often unaware
of how and how much they actually organize academic education. Ways of knowing,
the transfer of knowledge and the establishment of traditions of knowledge,
i.e. by academic schools or families, are deeply saturated by these practices.
Research method, subject, and perhaps even the matrix of our knowledge
production are all hardly distinguishable from one another. Therefore it is
difficult, maybe almost impossible (as of now) to understand genealogical
practices within the normal scientific analytical framework or with a critical
approach which isolates the phenomenon from its background. By asking
critical questions about the frontier 'beyond' genealogy, one often ends up
captured by the very same practices again. Do traditional analytical and critical
methods actually suffice for investigating genealogical practices? It would
rather seem that they have a tendency to evade all kinds of scientific
distancing such as the formation of critical concepts or the construction of
theories.
III. Concept of the Workshop
Our
workshop intends to look for other possible methodological approaches with
which to explore genealogical practices. In their book 'A Thousand Plateaus' – a
passionate argument against genealogical practices and structures – Deleuze and
Guattari distinguish between two different modes of knowledge production. One
of them they call 'itinerary', (pursuing). Instead of observing and measuring
phenomena from the riverbank – as is usually done in science – one tries to get
as close to the research subject as possible, finding oneself in the river,
exposed to the drift, carried off by one's experience to swim. What kind of
methods and attitudes are important for this mode of knowledge production?
To answer
this question, the workshop will use methods of description, comparison and
iteration. Various case studies from the history of science and cultural
history, from anthropology and science studies will not be scrutinized in the
service of a superior thesis (such as geneticization or degeneticization) –
rather, by reversing the hierarchy between theory and practice the importance
of the material itself will increase.
By focusing
on the notion of practice and in-depth description, the network of genealogical
practices can unfold. Putting data side-by-side and arranging case studies in
an interdisciplinary order will make it possible to recognize various patterns
among the ordinary ingredients and products of genealogical practices such as
gender / sex, kinship, family, order, memory, inheritance, classification …
An
introduction into the theory and practice of cartography, certain cartographic
exercises (such as an 'open space' for the circulation of material), and a
roundtable discussion are all aimed at linking the different case studies. The
structure of dual comments from a historical and from an anthropological
perspective on each paper will further interweave the data. These different
modes of "inner- and inter-collective thought circulation" (Ludwik Fleck)
should help us follow the mobility of genealogical practices on their way
through different times, spaces, and disciplines.
Can we
recognize other patterns by their recurrence in the material? What kinds of
shifts result from iterative procedures? Can we really reach more general
conclusions on genealogy by moving around, or is it better to look for a safe
haven from which to apply our critical thinking? Will we achieve a better
understanding by further condensation and sharpening of the movements and
patterns we have already managed to identify? Could it be, that one possible
answer to our questions rests in the iteration itself, in the "re-syllable" and
not in the "post-syllable"?
By setting
up the workshop in this way, we hope to create a provisional map of
genealogical practices. Following the considerations of Deleuze and Guattari,
the aim of this map won't be to fix and secure special forms of genealogical
practices and assign them to specific coordinates, but rather to function as a 'marauder's map', a diagram / graph of possibilities which might be able to cope
with the essential mobility of genealogical practices and their roaming across
times and disciplines.
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