Sonderforschungsbereich 640
Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel
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Konzept des SFB 640
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Der Sonderforschungsbereich 640

Grundziel des SFB

Der SFB 640 „Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel“ nutzt eine einmalige Chance, die die Forschungslandschaft von Berlin bietet: die Expertise über eine außergewöhnliche große Vielfalt von Ländern in Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa. Nur in wenigen anderen Universitätsstädten Europas gibt es eine solche Konzentration von Spezialwissen und auch von Bibliotheken über so viele Teile der Welt. Gleichzeitig arbeiten diese Experten in Berlin in aller Regel ausschließlich über ihre Region, kennen daher meist nur die Forschung zu dieser Region und pflegen wissenschaftlichen Austausch oft nicht einmal mit Spezialisten zur Nachbarregion. Es gibt in Berlin bisher keine Institution, die den Austausch zwischen dieser Vielzahl von Expertisen herbeiführt. Ein enormes Potential liegt brach.
Das Grundziel dieses SFB 640 ist es, dieses Potential zu nutzen und Experten von europäischen Ländern mit solchen von Ländern in Asien, Afrika und Lateinamerika in wissenschaftlichen Austausch zu bringen, gemeinsame Forschungsprojekte über Vergleich und Beziehungen zwischen Ländern in verschiedenen Regionen der Welt durchzuführen. Dabei legt der SFB großen Wert darauf, nicht nur die Gegenwart zu behandeln, sondern die für die Gegenwart unumgängliche historische Perspektive in das Zentrum zu stellen. Auch Alteuropa spielt deshalb in diesem SFB eine wichtige Rolle. Insgesamt forscht der SFB über 26 asiatische, afrikanische, lateinamerikanische und europäische Länder. Dieser wissenschaftliche Austausch soll nicht nur zwischen Professoren, sondern vor allem zwischen jungen Wissenschaftlern in Gang gebracht werden, deren Forschungserfahrung von diesem Austausch so früh wie möglich geprägt sein.
Dieser SFB ist interdisziplinär. In ihm arbeiten Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen, aus den Afrika- und Asienwissenschaften, der Erziehungswissenschaft, der Ethnologie, den Geschichtswissenschaften und den Sozialwissenschaften mit. Der SFB ist international nicht nur in der Thematik, sondern auch in der Zusammensetzung: Die Projektleiter und Mitarbeiter kommen aus elf verschiedenen Ländern.
Der SFB ist vor allem kommunikativ. Er stellt einen engen Austausch zwischen den rund vierzig Wissenschaftlern her, die in ihm mitarbeiten. Ein regelmäßiges Colloquium des SFB, projektübergreifende Arbeitskreise, Kompaktworkshops, Gastprofessoren und Vortragseinladungen auch für ein breites Publikum sowie gemeinsame Tagungen werden die Wissenschaftler in engem Kontakt zueinander bringen und diesen SFB zusammenwachsen lassen.
Der SFB 640 wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

Thema und übergeordnete Fragestellung

Als Dachthema haben die am SFB beteiligten Wissenschaftler, die überwiegend an der Humboldt-Universität lehren, die Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel gewählt.

Repräsentationen

„Repräsentation“ ist unter dem Eindruck der kulturalistischen Wende zu einem zentralen Konzept in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften geworden.
In der elementarsten Weise verstanden sind sie Vorstellungen, die sich Menschen von der Welt machen. Bei der Ausbildung von Vorstellungen handelt es sich um einen aktiven Vorgang. Gegenstände werden zu Gegenständen der Erkenntnis, indem sie innerhalb eines bestimmten konzeptionellen Apparats angeeignet werden. Die Individuierung und Realisierung von Erfahrungen erfordert Organisationsformen, mit denen diesen Sinn verliehen werden kann und mit deren Hilfe sich Menschen in der Welt zurecht finden können. Roger Chartier, der das Konzept der Repräsentation in der Geschichtswissenschaft zu Prominenz gebracht hat, begreift Menschen im Anschluss an Cassirer als symbolische Wesen, die Zeichen schaffen und sie zu handhaben verstehen. Auf diese Weise sind Repräsentationen keine reinen Abbildungen der Welt, sondern richten sie zugleich aus.
Repräsentationen sind jedoch nur wirksam, wenn sie auch vermittelt werden können, wenn es gelingt, sie effektiv nach außen zu tragen. Sie sind damit nicht nur Vorstellungen sondern auch Darstellungen. Und diese geschehen selten auf einer rational-kognitiven Ebene: Repräsentationen erschaffen Ordnungen kraft ihres Vermögens, auf die Sinne und Leidenschaften einzuwirken. Um verinnerlicht zu werden, müssen Ordnungen sinnlich erfahrbar gemacht werden.
Daher ist die mediale Vermittlung von Mustern der Weltauslegung ein zentrales Thema unserer Projekte. Soziale Ordnungen werden in hohem Maße durch kulturelle Artefakte geschaffen: durch Gesten, Mythen, Kleidung, Rituale und Alltagspraktiken. Diese legen die Art und Weise fest, in der die Erscheinungen der sozialen Welt durch Menschen gedeutet und zu sinnvollen Vorstellungen zusammengebunden werden können.
Wenn die Wirklichkeit in dieser Weise als kommunikativ hergestellt angesehen wird, verliert sie ihre Eindeutigkeit. Repräsentationen beschreiben die Welt so, wie Menschen glauben, dass sie beschaffen ist. Sie können öffentlich ausgehandelt werden, konsensfähig, aber auch umstritten sein oder sogar vollständig scheitern. Das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Repräsentationen ist daher ein zentrales Thema unserer Forschungen.

Soziale Ordnungen

In diesem Sinne interessieren uns „soziale Ordnungen“ nicht als System von Unterwerfung, Repression und Gewalt, sondern vielmehr als kulturelle Verfahren, durch die Konsens und Legitimität hergestellt werden. Repräsentationen stellen die Bindekräfte der sozialen Ordnung dar, indem sie konstitutiv für die Bedeutungen sind, die ihr die in ihr lebenden Menschen zuschreiben. Sie stellen soziale Ordnungen in Diskursen, in Gesetzen, in Bildern, in Ritualen und
Gesten her. Zugleich können Repräsentationen aber auch zur Auflösung sozialer Ordnung beitragen, wenn zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft kein Einverständnis über die Geltung bestimmter Repräsentationen herrscht. Alternative oder oppositionelle Repräsentationen können stets den herrschenden Konsens im Konflikt herausfordern.

Repräsentationen und Kulturbegegnungen

Repräsentationen sind indessen nicht nur innerhalb klar umreißbarer kultureller Kontexte wirksam. Ihr kommunikative Charakter macht vielmehr die Begegnung und Verflechtung von Kulturen zu einem zentralen Thema unserer Forschung – Repräsentationen sind ein globales Thema.
In welchem Ausmaß hat sich der Einfluss Europas und des Westens im 20. Jahrhundert auf die nichtwestliche Welt tatsächlich ausgewirkt? Und wie vollzog sich der Übergang von einer westlich bestimmten zu einer multipolaren Welt? Diese Fragen lassen sich anhand von Repräsentationen in einer neuen, von vorgefassten sozialwissenschaftlichen oder politischen Kategorien weitgehend unabhängigen Weise untersuchen. Dass Vorstellungen und Bilder, die sich Menschen voneinander machen, die Basis für ihre Handlungen bilden, hat die Debatte über den Orientalismus und die Exotisierung nichtwestlicher Kulturen durch Europäer deutlich gezeigt. Entsprechend steht die Untersuchung der Transferversuche von Repräsentationen zwischen Machtzentren, Staaten und Zivilisationen und die Entdeckung des Eigenen im kulturell Anderen im Mittelpunkt unserer Projekte. Sie zeichnen sich in diesem Sinne durch eine besonders internationale Ausrichtung aus und befassen sich daher mit Afrika, Asien, Europa und Lateinamerika.

Kernthemen des SFB

Der SFB behandelt bei der Untersuchung dieser Wechselbeziehungen drei Kernthemen:
1. Repräsentationen politischer und religiöser Ordnungen. Hier geht es um die Frage, wie sich Repräsentationen politischer Herrschaft veränderten, welche politischen und kirchlichen Entscheidungsträger oder politische Bewegungen diese Repräsentationen entwarfen, durchsetzten oder ablehnten und welche internationalen und interkontinentalen Unterschiede und wechselseitigen Einflüsse daraus erwuchsen.
2. Repräsentationen von Ethnizität. Hier wird die Frage behandelt, wer Repräsentationen von Ethnizität entwarf und wie sich diese Entwürfe gegen andere durchsetzten. Besonderes Interesse verdient dabei, in welchem Verhältnis die Repräsentationen zur Praxis der Kohäsion von Ethnien standen, wann und unter welchen Umständen Repräsentationen von Ethnizität andere Formen der Repräsentation in den Schatten stellen, ob sie sich im internationalen und interkontinentalen Vergleich unterschieden oder ähnelten und ob sich für die Zeit nach 1989/90 von einer Renaissance des Ethnischen sprechen lässt.
3. Repräsentationen gesellschaftlicher Praxen. In diesem Untersuchungsfeld geht es um die Repräsentation des Alltäglichen: um Familie und Verwandtschaft, Beruf, Gesundheit, Bildung und Konsum. Auch hier interessiert besonders, wie sich diese Repräsentationen im Austausch mit konkurrierenden Vorstellungen von Wirklichkeit entwickelten, durchsetzen, wie sie im Konsens oder Konflikt umgedeutet wurden und wie Repräsentationen und soziale Praxis einander hervorbrachten.
Zusammen verspricht der internationale Vergleich der genannten Repräsentationen und ihre Veränderungen in transnationalen Transfers einen neuen Zugang zu grundlegenden Mechanismen menschlichen Zusammenlebens. Grundkategorien wie politische und religiöse Ordnungen, Ethnizität oder Alltagspraxen werden nicht mehr als Analyseinstrumente vorausgesetzt. Vielmehr soll im jeweiligen Kontext herausgearbeitet werden, wie sie entstehen und wie sie ihre Wirkungsmacht entfalten oder aber auch verlieren.

Übersicht der Teilprojekte und Arbeitsgruppen


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