Sonderforschungsbereich 640
Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel
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Vera Isaiasz

Sonderforschungsbereich 640 (SFB 640) – TP A3
Sitz: Mohrenstr. 40/41 Raum 115
Tel.: +49 30 / 2093-4748
Fax: +49 30 / 2093-4893
 
Email: isaiasz.vera@berlin.de

Teilprojekt A3: Religiöse und säkulare Repräsentationen im frühneuzeitlichen Europa


Lebenslauf

  • geboren 1971 in Bottrop, verheiratet
  • seit Juni 2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sonderforschungsbereich 640 „Repräsentationen sozialer Ordnungen im Wandel“, Projekt A3: „Religiöse und säkulare Repräsentationen im frühneuzeitlichen Europa

Arbeitsschwerpunkte

  • Lutherische Sakralitätskonzepte und ‚Architekturtheologie’ des Kirchenraumes vom 16.-18. Jahrhundert
  • Promotion: Märkische Pfarrkirchen als Orte kommunaler Öffentlichkeit, 16.-18. Jahrhundert

Berufliche Tätigkeiten

  • 06/2002 – 02/2003 Freie Mitarbeit am Dommuseum Brandenburg an der Havel: Ausstellung „Blicke der Romantik“; wissenschaftliche Recherchen für den Sammlungskatalog: „Heilige Gewänder - textile Kunstwerke: die Gewänder des Doms zu Brandenburg im mittelalterlichen und lutherischen Gottesdienst“ (Regensburg 2005)
  • 1997 - 6/2004 Freie Mitarbeit im Auktionshaus Jeschke, Greve und Hauff: Katalogbearbeitung sowie Vorbereitung von Buch- und Kunstauktionen

Studium

  • 02/2001 Magistra Artium, Thema der Magisterarbeit: „Stadt und katholische Konfessionalisierung am Beispiel der münsterischen Landstadt Coesfeld“
  • 10/1995 – 02/2001 Studium der Neuere und Neueste Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin; Nebenfächer: Kunstgeschichte und Politikwissenschaft
  • 04/1993 – 09/1995 Grundstudium an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn

Lehre

  • WS 06/07 Buch- und Verlagsgeschichte der Frühen Neuzeit (UE)
  • SS 06 Die Mark Brandenburg im Konfessionellen Zeitalter (PS)

Veröffentlichungen

  • Gemeinsam mit Heike Bock, Stefan Ehrenpreis, Ute Lotz-Heumann, Matthias Pohlig, Ruth Schilling, Säkularisierung im frühneuzeitlichen Europa, (in Vorbereitung).
  • „Architectonica Sacra“: Feier und Semantik städtischer Kirchweihen im Luthertum des 16. Und 17. Jahrhunderts, in: Isaiasz, Vera, Ute Lotz-Heumann, Monika Mommertz und Matthias Pohlig (Hg.): Stadt und Religion in der frühen Neuzeit. Soziale Ordnungen und ihre Repräsentationen, Frankfurt a. M. 2007, S.125-146.
  • Soziale Ordnung und ihre Repräsentationen: Perspektiven der Forschungsrichtung „Stadt und Religion“, in: Isaiasz, Vera, Ute Lotz-Heumann, Monika Mommertz, Matthias Pohlig (Hg.): Stadt und Religion in der frühen Neuzeit. Soziale Ordnungen und ihre Repräsentationen, Frankfurt a. M. 2007, S. 9-32 (gemeinsam mit Matthias Pohlig).
  • Adlige Memorialkultur und dörfliche Bestattung: Die Bestattungstopographie am Dom zu Brandenburg, in: Werner Freitag und Jan Brademann (Hg.): Leben bei den Toten. Der Kirchhof in der ländlichen Gesellschaft der Vormoderne, erscheint Frühjahr 2008.
  • The Devil in Spandau: Demonology between Religion and Magic at the End of the 16th Century, in: Heike Bock, Jörg Feuchter und Michi Knecht (Hg.): Religion and its Other, SFB-Reihe „Eigene und Fremde Welten“, erscheint Herbst 2008 (englisch).
  • "Alterthümer" und "Merckwürdigkeiten". Vom Umgang mit dem Domschatz im 19. Jahrhundert, in: Mehr Anstand, Würde und Zweckmäßigkeit. Der Brandenburger Dom in der Romantik, Brandenburg 2002, S. 67-83.         
  • "Westfalen im Konfessionellen Zeitalter" auf der Seite des Internet-Portals Westfälische Geschichte [link]
  • Tagungsbericht "Konversion und Konfession in der Frühen Neuzeit" auf der Webseite H-Soz-u-Kult [link]

Vorträge

  • Early Modern Lutheran Churches: Redefining the Boundaries of Holiness and Profaneness, Sixteenth Century Studies Conference, Minneapolis/USA, 26. Oktober 2007.
  • Umrisse lutherischer Architekturtheologie: Die Etablierung von Kirchweihen um 1600, Tagung Social Space and Religious Culture, Dresden Dezember 2007.
  • "Lutheran Angels and Catholic Healers: Early Modern Demarcations between Religiousness and Superstition" (gemeinsam mit Heike Bock), Konferenz "Religion and Its Other" des SFB 640 der HU Berlin in Zusammenarbeit mit dem Zentrum Moderner Orient, Berlin, 1. April 2007 (Tagungsberichte: H-Soz-u-Kult, 13.12.2007; "Kleiner Kobold", Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4.4.2007). [link]
  • "... in ihrem rechten Gebrauch wol können gelitten werden." Aneignung und Rechtfertigung der vor- und nachreformatorischen Kirchenausstattung in Brandenburg/Havel, Tagung Strategien individueller Aneignung von sakralen Räumen. Kontinuitäten und Umbrüche vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit, GWZO Dresden, 23.-24. März 2007.
  • "Institutionalisierungs- und Staatsbildungsprozesse am Beispiel städtischer Huldigungen in Brandenburg-Preußen zwischen 1570 und 1680", Panel "Institutionen" der Konferenz "Begegnungsräume", veranstaltet vom SFB 640 (Dezember 2006).
  • Mitorganisation des Workshops "Säkularisierung", veranstaltet vom SFB 640, Repräsentationen sozialer Ordnung im Wandel (Dezember 2005).

Schwerpunkt im Teilprojekt

Lutherische Architekturtheologie und Sakralitätskonzepte zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert
Vera Isaiasz
 
Der Untersuchung spezifischer Formen lutherischer Sakralität in der Frühen Neuzeit stehen verschiedene ältere Forschungsmeinungen entgegen: In der Tradition Max Webers, nach der die Reformation eine beschleunigte Säkularisierung und „Entzauberung der Welt“ verursachte, hatte diese eben auch „eine Entsakralisierung von Kirchenraum samt Friedhof“[1] zur Folge. Der Beginn des 16. Jahrhunderts markierte nicht nur das Ende der spätmittelalterlichen „Kirchenbauwut“, sondern mit der Einführung der Reformation wurden nicht wenige Kirchen einfach aufgegeben, profaniert und etwa als Bibliotheken oder Viehställe genutzt. Die Reformation habe also nicht nur einen Prozess befördert, in dem die Kirche ihr hohes Maß an Ding- und Sachheiligkeit, die sie im Mittelalter besessen habe, verlor, sondern sogar die profane, entkirchlichte Nutzung vormals sakraler Räume vorbereitet. Da die neue Liturgie auf die Predigt ausgerichtet war, wurde das lutherische Kirchengebäude in der Kunstgeschichte wie in der allgemeinen Geschichte lange Zeit als „profaner Versammlungsraum“ interpretiert.[2]
 
In diesem Projekt soll daher der theologische, architekturtheoretische und gesellschaftliche Diskurs zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert rekonstruiert werden, in dem die Kirche als religiös-kirchlicher, aber auch als öffentlicher Ort (um-)gedeutet und angeeignet wurde. Daher gilt es die Ausstattung lutherischer Kirchen im 16. und 17. Jahrhundert zu untersuchen sowie ihre konkreten liturgischen und außerliturgischen Nutzungen. Auf dieser Basis lässt sich fragen, in welchen Deutungsrahmen und Repräsentationssystemen Theologen, Obrigkeiten und Gemeinden den Kirchenraum in der Frühen Neuzeit interpretierten. Wie nahmen die Zeitgenossen Kirchen wahr? Gab es eine konfessionsspezifische Wahrnehmung von Kirchen und ihren Funktionen? Wie wurde die Kirche von anderen öffentlichen Orten als Raum mit spezifischer Dignität geschieden?
 
Im vorliegenden Projektes wird davon ausgegangen, dass innerhalb der lutherischen Konfessionskultur um 1600 - in Abgrenzung zum Katholizismus und zu den reformierten Kirchen - ein spezifisches Sakralitätskonzept oder eine „Architekturtheologie“[3] entwickelt wurde, mit der sich die Kirche als Gottesdienstraum aneignen ließ. In der Interpretation der Akteure des 16. und 17. Jahrhunderts war die lutherische Pfarrkirche noch ganz selbstverständlich eine „Heilige Stätte“[4], und der Kirchhof galt Martin Luther durchaus als „fast heilige Stätte“. Da die Rede „vom schlichten protestantischen Predigtraum“, wie die jüngere Forschung gezeigt hat, ein Topos ist, der erst im 18. Jahrhundert entstand, [5] ist die Frage nach der Sakralität oder Profanität lutherischer Kirchen letztlich eine Frage nach historisch gewandelten Deutungen und Repräsentationen. In diesem Kontext soll nach den gesellschaftlichen und theologischen Ursachen und Gründen gefragt werden, die mit der tief greifenden Umdeutung, die die Kirche im 18. Jahrhundert erfahren hat, im Zusammenhang stehen.
 
Die Nutzung des „Multifunktionsraums Kirche“[6] wurde in der Frühen Neuzeit zunehmend eingeschränkt. Dies war die Folge der Abschaffung zahlreicher mittelalterlicher Frömmigkeitsformen und der Konzentration auf den Gemeindegottesdienst, also auf Predigt, Spendung der Sakramente und Seelsorge. Die zahlreichen Konflikte jedoch, die um die Ausstattung und die richtige Nutzung von Kirchen und Kirchhöfen zwischen Landesherren, Kirchenpatronen, Amtskirche, Ortsgeistlichkeit und Gemeinden ausgetragen wurden, belegen, dass die „Grenzlinien zwischen dem Sakralen und dem Profanen“ Ende des 16. und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts verhandelt und neu abgegrenzt wurden.[7] Die Kirche und ihre Funktionen waren ganz unterschiedlich konnotiert. „Profane“ Nutzungen, wie etwa das Verlesen von Gesetzen beim sonntäglichen Gottesdienst, wurden zunehmend aus der Kirche heraus an andere Orte, etwa ins Rathaus, verlagert.
 
In systemtheoretischer Hinsicht hatte die Reformation also eine Entdifferenzierung der zahlreichen sozialen und kulturellen Funktionen der mittelalterlichen Kirchen zur Folge. Dieser Vorgang kann langfristig  „als Formierung und neuzeitliche Differenzierung im Sinne der Organisationssoziologie Niklas Luhmanns“ interpretiert werden.[8] Säkularisierung meint in dieser Perspektive dann die Organisation von Stadt und Stadtplanung nach funktionalen Gesichtspunkten.
 
Im vorliegenden Projektes steht die Frage im Mittelpunkt, welche verschiedenen Repräsentationsmodelle den innerlutherischen wie inter-konfessionellen Konflikten um Kirche und Kirchenraum im konfessionellen Zeitalter zugrunde lagen. Daher wird in einem ersten Schritt eine lutherische Architekturtheologie aus dem inner- und interkonfessionellen Diskurs um 1600 rekonstruiert. Quellengrundlage sind neben den Predigttexten auch zeitgenössische Stadtbeschreibungen sowie bildliche Darstellungen von Kirchen, ferner die weitere theologische und kirchenrechtliche Traktatliteratur, die sich mit der Kirchenweihe im Besonderen beschäftigt.
 
Im Verlauf des 16. und frühen 17. Jahrhunderts scheint das lutherische Kirchengebäude gegenüber anderen öffentlichen Räumen sakral aufgewertet worden zu sein.[9] Hatten Luther und andere Reformatoren einer besonderen Kirchenweihe noch distanziert-kritisch bis ablehnend gegenüber gestanden, tauchten evangelische Formen der Weihe und der Segnung in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts verstärkt auf.[10] Im 17. Jahrhundert wurde die Konsekration von Kirchengrundsteinen, von neuen oder wiedererrichteten Kirchen, die Segnung von Kanzeln, Taufbecken, Orgeln und Altären zu einer üblichen Praxis, während die Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts diese Weihehandlungen nicht behandeln.[11] Zwar betonten auch die Kirchenrechtler des 17. Jahrhunderts, dass mit der Konsekration einer Kirche nur ein besonderer Raum für den Gottesdienst bestimmt und nicht in besonderer Weise Heiliges geschaffen werde, „doch es blieb eine gewisse Zweideutigkeit bestehen, und der Kirchenraum, insbesondere der Altar, erwarb auch bei den Evangelischen eine gewisse Sakralität.“[12]
 
Die Kirchweihfeste sind also in einem Prozess zu interpretieren, in dem im Luthertum des 16. und frühen 17. Jahrhunderts ein Repräsentationssystem gefunden werden musste, mit dem sakrale Räume zu deuten waren. Innerhalb dieses Deutungsrahmens konnte die besondere Heiligkeit von Kirchen gerechtfertigt, vermittelt und angeeignet werden.
 
In der ersten Arbeitsphase werden daher evangelische Kirchweihpredigten und Kirchweihfeste, die von der Geschichtswissenschaft und Kunstgeschichte bisher eher beiläufig zur Frage der lutherischen Konfessionsbildung herangezogen wurden, systematisch und überregional untersucht. Über VD 16 und VD 17 ließen sich bisher über 150 lutherische Weihepredigten nachweisen, ein Beleg für den hohen Stellenwert dieser Form des Festes. Die ermittelten Texte umfassen sowohl Predigten zur Weihe neuer Kirchengebäude als auch zur Weihe von Kanzeln und Taufbecken. Kirch-, Tauf- und Kanzelweihen waren also ein bedeutendes städtisches Fest.
 
Die Ausgestaltung der Weihefeste und der Diskurs, der über die Frage der Konsekrierung im 17. Jahrhundert geführt wurde, liefern Material für die Untersuchung von Selbstwahrnehmung und Selbstdeutung im Luthertum insgesamt und werfen eine Reihe von Fragen auf: Warum bedurfte man um 1600 eines bestimmten Weihefestes, um sich den Kirchenraum als Gottesdienstraum anzueignen? Wie deuteten die Zeitgenossen das Kirchengebäude in diesem Zeitraum um? Warum zeichnete man die Hauptausstattungstücke, Altar, Kanzel und Taufe, mit einer besonderen Weihe aus? Gab es also um 1600 einen Trend zur „Resakralisierung“ des Kirchengebäudes? Ist der Begriff „Resakralisierung“ ein angemessener Begriff? Wie schließlich wandelten sich die Sakralitätskonzeptionen des Kirchengebäudes im Luthertum des 16., 17. und 18. Jahrhunderts?
 
In Abgrenzung zum Katholizismus und zum Calvinismus musste in diesen Predigten um 1600 eine eigene Position des richtigen Umgangs mit dem Kirchengebäude und eine Definition und Konzeption von Sakralität gefunden werden.[13] Diese spezifische Rolle der Weihe und die Definition von der Heiligkeit des Kirchengebäudes fasste beispielhaft Helvig Garth in seiner Einweihungspredigt für die Prager Salvatorkirche von 1614 im lutherischen Sinne zusammen: Denn es „... bekömpt doch der orth darumb nicht eine sonderliche göttliche Krafft, den Gottesdienst heilig und besser, und das Gebet krafftiger zu machen, sondern die Verheissung Gottes thuts, und der Glaube, und das Gebet frommer Gottseliger Christen, welche an diesem oder jenem Orth, in des Herrn Christi Namen versamlet sind.... Nicht der Orth macht den Menschen heilig, sondern ein heiliger frommer und gerechter Mensch macht den orth heilig...“. Nicht der Ort an sich war also heilig; Sakralität konstituierte sich im Luthertum also durch die Feier des Gottesdienstes, der die Teilnahme von Geistlichkeit und Gemeinde voraussetzte.[14] Der Kirchenraum gewann seine sakrale Dimension erst durch die Nutzung. Diese Sakralitätskonzeption gründete sich also auf die lutherische Gemeindetheologie, auf den Grundsatz des Priestertums aller Gläubigen.
 
Auch die rituellen Handlungen zur Kirchweihe wurden im Luthertum in bewusster Abgrenzung zur katholischen Liturgie vollzogen. So verzichtete man etwa auf das Weihwasser, denn nicht besondere Weihehandlungen sollten das Gotteshaus als solches kennzeichnen, sondern allein die Tatsache, dass dort das Evangelium verkündet wurde.[15] Dennoch wurden Kirchweihen auch im Luthertum mit einem Festakt begangen: 1631 etwa wurde die Einweihung der neu erbauten Regensburger Dreifaltigkeitskirche mit einer feierlichen Prozession in die Kirche und einem Festgottesdienst am Vormittag begangen, dem nachmittags ein Vespergottesdienst mit drei Taufen folgte. Geweiht wurde das Kirchengebäude auch hier durch den gemeinschaftlich vollzogenen Gottesdienst. Konstitutiv für den Weiheakt selber war zum einen die Predigt und zum andern die Teilnahme der Gemeinde am Weihegottesdienst. Der Weiheritus diente damit auch der Selbstdarstellung der Gemeinde als „frommer Stadt“.[16] Solche Weihefeste besaßen also für die lutherische Ortsgemeinde eine identitätsstiftende Funktion.
 
In einer zweiten Arbeitsphase werden die Entwicklungen der zweiten Hälfte des 17. und des 18. Jahrhunderts untersucht. Dabei spielen drei Faktoren eine zentrale Rolle:
1. Im Zeitalter des Pietismus geht die Bedeutung des Kirchenraumes als Ort öffentlicher Frömmigkeitspraxis insgesamt zurück. Die Privatisierung und Individualisierung von Glaubensformen macht den Ort des gemeinschaftlichen Gottesdienstes zunehmend entbehrlich.[17]
2. Hinzu kommt die Entwicklung und Verbreitung neuer Formen von Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert, die nicht mehr, wie in der face-to-face-Gesellschaft der Frühen Neuzeit, an einen Ort gebunden waren.[18]
3. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts tritt auch die lutherische Raumsymbolik in eine neue Phase: So lehnt etwa der Architekt Leonhard Christoph Sturm[19] das gotische Kreuz als Grundrissform einer lutherischen Kirche entschieden ab, weil es aus dem Papsttum stamme. Damit spricht er sich zugleich dezidiert gegen die Weiternutzung mittelalterlicher Kirchen für den lutherischen Gottesdienst aus und verbindet mit seiner Kritik am lutherischen Kirchenbauwesen der vorangegangenen 200 Jahre eine „strikte Ablehnung jeglicher symbolischer oder transzendenter Funktionen der Räume.“[20] Diese Haltung Sturms hat, wie einleitend angedeutet, den Diskurs um das lutherische Kirchenbauwesen und den Topos vom „profanen Predigtraum“ seit dem 18. Jahrhundert maßgeblich beeinflusst. Ob und welcher Zusammenhang aber zwischen der Neucodierung lutherischer Kirchengebäude und den in Ansätzen skizzierten gesellschaftlichen Prozessen im 18. Jahrhundert besteht, muss noch untersucht werden.
 


[1] Susanne Rau/ Gerd Schwerhoff, Öffentliche Räume in der Frühen Neuzeit, in: Dies. (Hgg.): Zwischen Gotteshaus und Taverne. Öffentliche Räume in Spätmittelalter und Früher Neuzeit, Köln u.a. 2004 , S. 38. Vgl. Dürr, Renate: Zur politischen Kultur im lutherischen Kirchenraum. Dimensionen eines ambivalenten Sakralitätskonzeptes, in: Kommunikation und Raum. 45. Deutscher Historikertag in Kiel. Berichtsband, Neumünster 2005, S. 156f. Dies.: Kirchen. Märkte und Taverne. Erfahrungs- und Handlungsräume in der Frühen Neuzeit, hg. von Renate Dürr und Gerd Schwerhoff (= Zeitsprünge 9 (2005), S. 569.
[2] Vgl. z.B. Koch, T.: Der lutherische Kirchenbau in  der Zeit des Barocks und seine  theologischen Vorausstezungen, in:  Kergyma und Dogma 27 (1981), S, 111-130 und Wex, R.: Ordnung und Unfriede. Raumprobleme des protestantischen Kirchenbaus im 17. und 18. Jahrhundert in Deutschland. Diss. Marburg, 1984, S. 133ff
[3] Der Begriff „Architekturtheologie“ soll in Anlehnung an „Bildtheologie“ benutzt werden. Vgl. Kaufmann, Thomas: Bilderfrage im frühneuzeitlichen Luthertum, in: Blickle, Peter (Hg.): Macht und Ohnmacht der Bilder. Reformatorischer Bildersturm im Kontext der europäischen Geschichte, München 2002, S. 407-454.  
[4] Vgl. auch zum folgenden: Dürr, Zur politischen Kultur im lutherischen Kirchenraum, S. 156f.
[5] Seng, Eva-Maria: Kirchenbau zwischen Säkularisierung und Resakralisierung im 18. und 19. Jahrhundert, in: Kirchen. Märkte und Taverne, hg. von Renate Dürr und Gerd Schwerhoff, S. 569.
[6] Vgl. Rau/ Schwerhoff, Öffentliche Räume, hier S. 38f. 
[7] Roeck, Bernd: Kunst und Öffentlichkeit in der frühneuzeitlichen Stadt, in: Stadt und Region. Internationale  Forschungen und Perspektiven. Kolloquium für Peter Johanek, hg. von Heinz Duchhardt und Wilfried Reininghaus, Köln u.a. 2005, S. 81. Vgl. auch: Holzem, Andreas: Kirche – Kirchhof -Gasthaus. Konflikte um öffentliche Kommunikationsräume in westfälischen Dörfern der Frühen Neuzeit, in: Rau/ Schwerhoff, Kirche, Märkte und Tavernen, S. 447-461.
[8] Schilling, Heinz: Die konfessionelle Stadt – eine Problemskizze, in: Historische Anstöße. FS für Wolfgang Reinhard, hg. von Peter Burschel u.a., Berlin 2002, S. 69. 
[9] Ein besonders Gebäude zur Predigt und zur Feier des Abendmahls hatte Martin Luther noch für verzichtbar gehalten: 1544 hatte er zugespitzt formuliert, dass sich die Gemeinde ebenso gut „beim Brunnen oder anderswo“ oder „auff eim Platz unter dem Himmel“ zur Predigt versammeln könne. (WA 49, 592)
[10] Siehe zum folgenden: Scribner, Robert: Die Auswirkungen der Reformation auf das Alltagsleben, in: Ders.: Religion und Kultur in Deutschland 1400-1800, Göttingen 2002, S. 315.
[11] Vgl. zum Problem lutherischer Kirchweihen Graff, Paul: Geschichte der Auflösung der alten gottesdienstlichen Formen in der evangelischen Kirche Deutschlands, Bd. 1, 2. Aufl., Göttingen 1937, S. 400-414.
[12] Scribner, ebd.
[13] Exemplarisch fasst dieses Position Philipp Arnoldi 1616 in den „Ceremoniae Lutheranae“ zusammen: : „Unsern Bäpstlern (die mehr den Heiligen, alß von Gott selbs halten, darumb sie jnen viel grössere und statlicher Kirchen zu ehren setzen, denn Gott dem heiligen Geist...) geben wir der gestalt nach keinen beyfall, sondern verwerfen hiemit offentlich ihre Irrthumb und Menschenteidungen, so beydes in consecrirung jhrer Kirchen, und ubung handgreifflicher Lügen getrieben werden, und behalten unsere Lutherischen Kirchen, die unsere Vorfahren im Bapstthumb aufgerichtet, und die unsern auch jetzo mit grossen fleiß und mühe, Gott dem Höchsten zu ehren, und zu beförderung jhrer Heil und Seeligkeit noch auffzurichten... Solche unsere Tempel sind vermög Christlicher Freyheit mit Bildern und Altaren geschmückt worden, auch Tauffstein, Cantzeln darein gesetzt, und auch Diener seines Worts, die sonderliche gradus und unterscheit haben, verordnet.“
[14] Vgl. Dürr, Renate: Zur politischen Kultur im lutherischen Kirchenraum. Dimensionen eines ambivalenten Sakralitätskonzeptes, in: Kommunikation und Raum. 45. Deutscher Historikertag in Kiel. Berichtsband, Neumünster 2005, S. 156f.
[15] Lorey-Nimsch, Petra: Die Einweihung der Dreieinigkeitskirche 1631, in: Mösenender, Feste in Regensburg, 1986, S. 171.
[16] Vgl. Schiling, Die konfessionelle Stadt, S. 60-83.
[17] Vgl. Greyerz, Kaspar von: Religion und Kultur. Europa 1500-1800, hier S. 285ff.
[18] Dürr/ Schwerhoff, Öffentliche Räume, S. 39. Vgl. Schlögl, Rudolf: Öffentliche Gottesverehrung und privater Glaube in der Frühen Neuzeit. Beobachtungen zur Bedeutung von Kirchenzucht und Frömmigkeit für die Abgrenzung privater Sozialräume, in: Gert Melville/ Peter von Moos (Hgg.), Das Öffentliche und Private in der Vormoderne (Norm und Struktur 10), Köln 1998, S. 165ff.
[19] Sturm, Leonhard Christoph: Architectonisches Bedencken. Von protestantischer Kleinen Kirchen, Figur und Einrichtung. An eine durchlauchtige Person über einem gewissen Casu gestellet, Und Als eine offtmahls vorkommende Sache zum gemeinen Nutzen im Druck gegeben. Mit dazu gehörigen Rissen. Hamburg 1712 und Ders., Vollständige Anweisung alle Arten von Kirchen wohl anzugeben. Worinnen 1. Nic. Goldmanns Anweisung und drey Exempel angeführet, und mit Anmerckungen erläutert. 2. Außführlicher von Römisch-Catholischen Kirchen, und insonderheit 3. Von dem künstlichen Bau der grossen Kuppeln. 4. Vom Protestantischen Kirchen gehandelt, Mit fünff neuen Inventionen von jenen, und sechs von diesen der Praxi gemäß erkläret, und in 22. saubern Kupffer-Platten appliciret wird. Augspurg 1718
[20] Seng, Kirchenbau zwischen Säkularisierung und Resakralisierung, S. 569.
 
 
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